Iran, Deutschland und die Pressefreiheit Die Strumpfbandaffäre

Vor zwanzig Jahren bewarf Rudi Carrell Ajatollah Khomeini mit BHs und löste damit eine diplomatische Krise aus.

Von Peter Kasza

Am 15. Februar 1987 gingen viele Bomben über Teheran nieder, der Kriegsgegner Irak hatte gerade in seiner alljährlichen Frühjahrsoffensive die Luftangriffe verschärft. Im fernen Deutschland explodierte an diesem Sonntagabend ebenfalls eine für Iran bestimmte Bombe, deren Sprengkraft allerdings anfangs gründlich unterschätzt wurde.

Staatskrise wegen fliegender BHs.

(Foto: Foto: dpa)

In der ARD lief zu fortgeschrittener Stunde die Satiresendung "Rudis Tagesshow", und Carrell verlas als vermeintlicher Nachrichtensprecher zu Bildern des iranischen Revolutionsführers folgende Meldung: "Diese Woche feierte man im Iran den achten Jahrestag der islamischen Revolution. Ayatollah Khomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft." Dann sah man im Gegenschnitt eine Bild-Montage, die suggerierte, Khomeini sei von weiblichen Fans mit BHs und Slips beworfen worden. Nur 14 Sekunden hatte der Fernsehspot gedauert, aber das reichte, um einen politischen Eklat auszulösen.

Während sich 20 Millionen Zuschauer in deutschen Wohnzimmern wegen der Carrell-Zote vor Lachen kringelten oder achselzuckend den Kopf schüttelten über die dämliche Geschmacklosigkeit, fand einer die ganze Angelegenheit extrem empörend: Mohammed Djavad Salari, Botschafter der Islamischen Republik Iran in Bonn. 15 Minuten nach der Sendung beschwerte er sich beim verantwortlichen Sender und kabelte die gesehene Ungeheuerlichkeit in die Heimat. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes - man habe den geistigen und politischen Führer Irans verhöhnt.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Iran bestellte den deutschen Botschafter ein, verurteilte die Sendung aufs Schärfste und forderte Konsequenzen für diese "ungeheuerliche Beleidigung." Vor der deutschen Botschaft in Teheran skandierten demonstrierende Studenten "Tod dem deutschen faschistischen Regime", während der oberste Richter Ayatollah Abdulkarim Ardabili in dem Fernsehsketch ein "von Zionisten ausgehecktes Komplott" witterte. Auszuschließen schien das eine das andere nicht, Hauptsache Entrüstung.

Anfangs glaubte man in Bonn noch an den gewöhnlichen, ritualisierten Krawall aus Teheran, der bald abebben würde. Aber als die Iraner noch am gleichen Tag ihre Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt schlossen, Iran-Air seine Flüge nach Deutschland einstellte und das Außenministerium dem stellvertretenden Botschafter Ruprecht Henatsch und dem Kulturattaché Günter Overfeld in Teheran mitteilte, sie hätten binnen 48 Stunden Iran zu verlassen, wurde der Ernst der Lage deutlich.

20 Jahre ist das nun her, und doch erinnert der Schlüpferstreit von damals frappierend an den Karikaturenstreit des vergangenen Jahres. Auch damals schienen die Werte des Islam und die des Westens einander unversöhnlich gegenüberzustehen, auch damals wurde eine minderlustige Satire aus politischem Kalkül instrumentalisiert.

Das Ende des Goethe-Instituts

Der Auslöser des Streits wusste gar nicht, wie ihm geschieht. Noch eine Woche zuvor hatte Rudi Carrell in einem Interview mit dem Rheinischen Merkur beklagt, dass man in Deutschland keine Witze über die Kirche machen könne, weil dann gleich der Teufel los sei. "Darum lass ich das lieber sein." Nun sah sich der holländische Spaßmacher nach Morddrohungen unter Polizeischutz stehen und fürchtete gar das Ende seiner Karriere. "Jeder macht mal Fehler", sagte er kleinlaut und erklärte: "Wenn mein Gag mit dem Ayatollah Khomeini im Iran Verärgerung verursacht hat, bedauere ich das sehr und möchte mich beim iranischen Volk entschuldigen."

Die Entschuldigung Carrells nahm man zwar zur Kenntnis, aber darum war es Teheran gar nicht gegangen. Carrells Satire war ein willkommener Anlass, ein bisschen die Muskeln spielen zu lassen, und die Mullahs machten aus der Angelegenheit eine gepfefferte Staatsaffäre.

So beklagte Botschafter Salari auf einer eigentlich aus Anlass des Carrell-Sketches abgehaltenen Pressekonferenz lauthals Grundsätzliches: Die deutsche Politik und die Medien ließen sein Land im Konflikt mit dem Irak schmählich im Stich. Ein bisschen Druck, so das Kalkül, könne nicht schaden, und so forderte Teheran eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung für die Beleidigung.

Bonn reagierte postwendend: Man billige den Sketch zwar nicht, ja man bedauere ihn sogar und halte ihn für geschmacklos, aber die Bundesregierung könne sich nicht für etwas entschuldigen, was sie nicht zu verantworten habe. Im Übrigen herrsche in Deutschland Pressefreiheit, es gebe im Gegensatz zu Iran weder Staatsfernsehen noch einen Zensor.