Süddeutsche Zeitung

Israelisches Kammerorchester in Bayreuth:Wagnis Wagner

Richard Wagner, das war in Israel lange jener Mann, der den Soundtrack zum Holocaust komponiert hatte. Ausgerechnet in Bayreuth, dem "Kraftzentrum des Nationalsozialismus", spielte das Israelische Kammerorchester nun erstmals seine Musik - unter stehenden Ovationen.

Dan Erdmann saß im Zuschauerraum, als der Tumult ausbrach. Das Gastkonzert der Berliner Staatskapelle in Israel war schon zu Ende, dann aber hatte Daniel Barenboim noch angekündigt, eine Zugabe geben zu wollen. Er wollte Richard Wagner spielen, Wagner in Israel. Es gibt Bilder von diesem Moment, man sieht, wie Barenboim sich zum Publikum wendet und auf protestierende Zuhörer einredet. Sie dürften den Saal verlassen, sollten sie sich nicht in der Lage sehen, diese Zugabe zu akzeptieren, versuchte Barenboim zu erklären. Dan Erdmann war 17 Jahre alt damals, er blieb im Saal. Wagner in einem Konzertsaal, das hatte Erdmann noch nie zuvor hören können. "Ein wunderbares Erlebnis", sagt er.

Im Juli 2001 war das. Fast auf den Tag genau zehn Jahre danach steht Erdmann nun in Bayreuth im Saal einer Musikschule. Am Sonntag noch vor Sonnenaufgang ist er gemeinsam mit dem Israelischen Kammerorchester in München eingetroffen, und noch am Abend probte das Orchester in Bayreuth jenes Stück, das sie in Israel nicht proben wollten - aus Respekt vor jenen, die es für ein Skandal halten, die Musik Wagners auf israelischem Boden zu spielen.

Wagner, das war in Israel lange Zeit jener Mann, der gewissermaßen den Soundtrack zum Holocaust komponiert hatte. Im Radio wird Wagner gelegentlich gespielt, in den Konzertsälen aber gab es bisher nur einzelne Versuche, Wagner ins Programm zurückzuholen. Einer, der es versuchte, war Zubin Mehta, es hagelte Kritik. Ein anderer war Barenboim, zwanzig Jahre später. Er habe sich einer "kulturellen Vergewaltigung" schuldig gemacht, musste sich Barenboim im Jahr 2001 sagen lassen.

Dan Erdmann ist Soloklarinettist des Kammerorchesters, auch ihn hat Roberto Paternostro vor einem Jahr gefragt, ob er mitfahren würde, um während der Festspiele in Bayreuth Wagner zu spielen. Paternoster, ein Österreicher mit jüdischen Wurzeln, ist Dirigent des Orchesters aus Tel Aviv. Er hat etwas gewagt mit seinem Vorstoß, auch wenn er einräumt, dass er mit dieser Form des Aufruhrs dann doch nicht gerechnet hätte. Ein Parlamentarier wollte sogar prüfen lassen, ob dieses Orchester auch weiterhin Ansprüche auf Zuschüsse des Staates Israel geltend machen könne, wenn es in Deutschland tatsächlich Wagner spielt und das vor allem: in Bayreuth. Zwei Tabubrüche mit einen Konzert.

Hat er je erwogen, das Konzert in Bayreuth abzusagen? Paternostro ist ein besonnener Mann, er hält kurz inne und sagt dann: "Nie." Natürlich respektiere er die Kritik, sagt der Dirigent, und natürlich verstehe er Menschen, "die noch eine KZ-Nummer eintätowiert haben und mit dem Antisemiten Wagner nichts zu tun haben wollen." Er selbst aber sei mit Wagner-Musik aufgewachsen, im Alter von zehn Jahren hörte er in Wien das erste Mal die Götterdämmerung. Seither, sagt Paternostro, sei er infiziert.

Alle Orchestermusiker hat der Dirigent gefragt, ob sie mitkommen nach Bayreuth, am Ende ist nur einer daheim geblieben. Dan Erdmann ist mitgeflogen, dienstagfrühs beim Konzert in der Bayreuther Stadthalle sieht man ihn, wie er in den letzten Reihe Platz nimmt, und wie er in den Raum auf das Publikum blickt, als könne er das alles noch nicht glauben. Das Konzert findet nicht, wie immer wieder kolportiert wurde, im Rahmen der Festspiele statt. Aber eben am zweiten Tag der 100. Festspiele, mehr Symbolkraft braucht es nicht.

Zwischen Dominanz und Ignoranz

In der ersten Reihe sitzt Katharina Wagner, die Urenkelin. Ihre Rolle bei der Vorbereitung dieses Konzerts war lange diffus. Denn erst schien sie die Idee Paternostros an sich zu reißen, dann sagte sie - nach Protesten - eine Pressekonferenz ab und am Sonntag, als die Musiker aus Tel Aviv in Bayreuth ankamen und vor die Presse traten, da war der Oberbürgermeister von Bayreuth anwesend. Katharina Wagner aber ließ sich entschuldigen.

Erst beim Konzert nun scheint die junge Festspielchefin ihre Rolle zwischen Dominanz und Ignoranz gefunden zu haben: Wagner zeigt Dank, auch Rührung - aber sie betritt die Bühne am Ende nicht.

Das Orchester spielt Tzvi Avni, den Israeli. Auch Mahler, Mendelssohn-Bartholdy und den Jubilar Liszt. Und ganz am Ende erst, aber nicht als Zugabe: Das Siegfried-Idyll von Richard Wagner, dieses sehr sanfte und sehr private Stück. Man mag dieses schon präziser gehört haben, das Orchester hatte, wie erwähnt, aus Respekt vor den Kritikern darauf verzichtet, Wagner auf israelischem Boden zu proben.

Bewegender aber als an diesem Morgen ist dieses Idyll schwer vorstellbar. Am Ende erheben sich die Menschen aus ihren Sitzen. Der Beifall ebbt erst ab, als der Erste Geiger dem Orchester ein Zeichen zum Aufbruch gibt.

Als "Kraftzentrum des Nationalsozialismus" hat sich die Stadt Bayreuth unter Hitler feiern lassen. Auf dem Hügel waren die Festspiele wie ein Religionsersatz zelebriert worden und der Wagner-Clan hatte sich nur allzu gern bereit gezeigt, sich von dem Wahn vereinnahmen zu lassen. Dan Erdmann, der junge Klarinettist, weiß darüber sehr gut Bescheid. "Aber unsere Generation muss Brücken bauen", sagt er.

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SZ vom 27.07.2011/rus
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