Dokumentarfilm "Into the Ice" im Kino:Im nicht mehr so ewigen Eis

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Dokumentarfilm "Into the Ice" im Kino: Auch Gletscherforscher brauchen mal Pause: Professor Jason Box auf dem grönländischen Eisschild.

Auch Gletscherforscher brauchen mal Pause: Professor Jason Box auf dem grönländischen Eisschild.

(Foto: Rise and Shine Cinema)

Die Dokumentation "Into the Ice" zeigt Wissenschaftler auf gefährlicher Mission, getrieben von einer entscheidenden Frage: Wie schnell schmelzen die Polkappen wirklich?

Von Magdalena Pulz

Mittags in der Eiswüste: Professor Jason Box nutzt die Sonne, zieht sich bis auf Unterhose, Sonnenbrille und neonfarbenes Kopftuch aus, wirft seine Schlafmatte in den Schnee und macht ein paar Yoga-Übungen: Chaturanga, heraufschauender Hund, herabschauender Hund. Um ihn herum nichts als ein gleißendes, schattenloses Weiß bis zum Horizont, darüber knallblauer Himmel, leer und weit.

Box ist kein durchgeknallter Yogi auf der Suche nach sich selbst, sondern Gletscherforscher. Er und sein japanischer Kollege Masashi Niwano wandern gerade zwölf Tage lang über einen der unwirtlichsten Orte der Welt: das grönländische Eisschild, nach der Antarktis die zweitgrößte Eiskappe der Welt. Sie führen Messungen durch, um herauszufinden, wie viel Schnee im letzten Jahr gefallen ist. Ausgerüstet sind sie dabei nur mit dem Nötigsten: Langlaufskiern, Zelt, Campingkocher, Messgeräte, Laptop, Speicherkarten. Die Gegenseite - die unerbittliche Natur - tritt mit Minusgraden, Eisstürmen und Gletscherspalten gegen sie an.

Begleitet werden sie dabei vom Dokumentarfilmer Lars Henrik Ostenfeld, der aus dieser Reise und zwei weiteren Trips mit Gletscherforschern seinen Film "Into the Ice" gemacht hat. Etwa 80 Minuten lang zeigt Ostenfeld in aller Ruhe und ohne aufgebauschtes Drama, was die Klimaforscher schon lange sagen: die Erde wird zu warm. Quasi-nackt-Yoga auf dem grönländischen Eis, das ging früher auf dem grönländischen Eisschild vielleicht mal im Hochsommer. Aber auf keinen Fall im April. Oder, wie Box es ausdrückt: "Wenn man erkennt, was hier vor sich geht, schläft man nachts nicht mehr gut."

Gletschermühlen erlauben den Abstieg in die Tiefe des Eises

Zur Realität der Klimakatastrophe gesellt sich in "Into the Ice" die minimalistische Schönheit Grönlands, die Ostenfeld in langen Aufnahmen festhält. Man könnte sie rahmen wie Kunstwerke: Eiskristalle, vom Wind gepeitscht wie ein tieffliegender Bodennebel; Gletscherwellen, die sich wie ein gefrorener Strom gen Ozean richten; und Gletschermühlen - riesige, vom Wasser ins Eis gefräste Kathedralen, die Hunderte Meter in die Tiefe reichen.

Neben diesen eindrücklichen Bildern erklärt der Dokumentarfilmer die Hintergründe der Klimawandel-Forschung auf Grönland: Etwa, dass zwar allgemein bekannt ist, dass das Eis schmilzt, aber niemand weiß, wie schnell genau. Und das, obwohl das vielleicht "die drängendste Frage" sei. Im Deutschen übernimmt diesen Erzähler-Part Campino, der Sänger von den Toten Hosen. Mit seiner nicht auf Artikulation dressierten Stimme ist er genau der richtige Mann, um uns durch das Drama des nicht mehr ganz so ewigen Eises zu geleiten.

Neben Box und Niwano trifft Ostenfeld noch auf weitere Stars der Glaziologie: Extrem-Wissenschaftler Alun Hubbard und die "Eiskönigin" Dorthe Dahl-Jensen. Die Forschung der drei ist das Yin zum Yang der Radarmessungen und Laserdaten aus dem All, die etwa die Nasa erhebt. Dass letztere nicht immer ganz genau sind, das weiß man, wenn man die Schwankungen der Klimawandel-Modelle anschaut. Um da nachzujustieren, gehen Box und seine Kollegen und Kolleginnen raus aufs Eis, um die "ground truth" zu finden - die Wahrheit vor Ort.

Dokumentarfilm "Into the Ice" im Kino: Ab in die Tiefe: Alun Hubbard seilt sich in eine Gletschermühle ab.

Ab in die Tiefe: Alun Hubbard seilt sich in eine Gletschermühle ab.

(Foto: Rise and Shine Cinema)

Zugegeben, die ruhigen Landschaftsaufnahmen, die etwas wortkargen Wissenschaftler, die reduzierte Dramaturgie: "Into the Ice" hat seine Längen. Im Gegensatz zu anderen Naturdokus gibt es nicht mal schnufflige Tiere, die ab und an durchs Bild huschen. Wer sich aber auf das Tempo des Films einlässt, kann von seiner leisen Emotionalität eingenommen werden: Box, wie er auf einmal vor Erleichterung weint, weil seine Daten vollständig sind. Dahl-Jensen, die fröhlich demonstriert, wie man "mit einem Bein in der Eiszeit stehen" kann. Oder Hubbard, der 180 Meter tief in eine Gletschermühle klettert (tiefer als je ein Mensch zuvor!) und zuvor doch noch einmal sein Leben rekapituliert.

Spätestens da spürt man die Gefahr, die im Film konstant mitschwingt. Wer nicht aufpasst, ist im Eis schnell tot. Auch von dieser immanenten Bedrohung handelt der Film. Denn selbst wenn "Into the Ice" damit nicht angibt: Diese Extremforscher setzen ihr Leben aufs Spiel. Für den ganzen Rest der Menschheit, also für uns.

Rejsen til isens indre, DK/D 2022 - Regie, Kamera: Lars Henrik Ostenfeld. Buch: Caspar Haarløv. Musik: Kristian Eidnes Andersen. Mit Jason Box, Dorthe Dahl-Jensen, Alun Hubbard. Verleih: Rise and Shine Cinema, 86 Minuten. Kinostart: 15. 09. 2022.

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