bedeckt München 18°

Interview zur Zukunft des Journalismus (1):"Google News ist unser Feind“

SZ: Wie viel Zeit geben Sie der Papierzeitung noch, welche Titel wird es auch in 20 Jahren noch geben?

Lloyd: Zu den Qualitätszeitungen, die überleben, gehören wahrscheinlich "FAZ", "Die Zeit", "Figaro", "Financial Times", "New York Times", "Washington Post", "Corriere della Sera", "La Repubblica", "El País" und einige andere. Sie werden überleben, weil sie eine Kernleserschaft haben, die sie am Leben hält, weil sie eine Online-Strategie gefunden haben und Unterstützer besitzen oder in Zukunft noch welche finden werden. Zeitungen, die ich für gefährdet halte, sind einige der großen Stadtzeitungen in den Vereinigten Staaten oder "Libération" in Frankreich, "La Stampa" in Italien und möglicherweise "Die Welt", wenn es für den Verlag irgendwann zu teuer wird, sie zu halten. Der springende Punkt ist, dass Papierzeitungen den Übergang ins Netz schaffen und dort genug Geld verdienen müssen, um eine beachtliche Belegschaft an Korrespondenten zu finanzieren. Scheitern sie damit, ist es egal, ob sie überleben oder nicht.

SZ: Sehen Sie in "Googles News" eher einen Freund oder Feind für die Zeitungswirtschaft?

Lloyd: "Google News" ist derzeit eher unser Feind als Verbündeter. Und zwar weil dort Nachrichten nicht selbst produziert, sondern einfach Anderen weggenommen werden. Dadurch wird die Anziehungskraft derer geschwächt, die fürs Nachrichtensammeln bezahlen müssen. Die stellen Google unfreiwillig ihre Ressourcen zur Verfügung und bekommen nichts zurück.

SZ: Werden soziale Netzwerke wie Facebook das Internet revolutionieren?

Lloyd: Facebook und andere Social Networks ziehen radikale Effekte nach sich, gar keine Frage. Die Kombination aus Networking und der Bereitstellung von Nachrichten und Videos ergänzt die klassischen Nachrichtenmedien um einen völlig neuen Faktor: Der Konsument ist nicht mehr länger Kunde, sondern ein "Freund" oder sagen wir besser: ein "Kontakt", dessen Interessen seine anderen "Kontakte" bestens kennen. Über diese Kontakte erhält eine neue Generation von Mediennutzern das Gros ihrer Information, und nicht aus der Presse oder dem Fernsehen.

SZ: Welche Bedeutung räumen Sie Heimvideos nach dem "WeTube"-Prinzip ein?

Lloyd: Das weitet den Journalismus ins Persönliche. Dort sehe ich große Wachstumschancen für den Journalismus, allerdings wird das nicht als Journalismus anerkannt. Es sind vor allem jüngere Leute, die über sich selbst und ihre Welt berichten und so mit Nachrichten größere oder kleinere Kontaktkreis beliefern. Das ist eine Form von Journalismus - und wenn wir nach den reinen Nutzungszeiten gehen wollen, ersetzt es sogar den eher konventionellen Journalismus.

SZ: Stehen in naher Zukunft noch weitere Medienrevolutionen an?

Lloyd: Die nahe Medienzukunft wird eine Konsolidierung heutiger Trends sein: Es wird noch einfacher, schneller und bequemer werden, einen Zugang zu Programmen, Unterhaltung, Kommunikation und Information über einen Bildschirm oder ein Mobiltelefon zu erhalten. Unsere Kommunikation wird flüchtiger und zugleich intensiver. Das größte Problem für den Journalismus aber ist, ob das, was wir "Public Service Journalism" nennen, also die Analyse und Recherche, aber auch Schlagzeilen, überlebt oder nicht - und wer das finanzieren wird.

John Lloyd ist Direktor am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford Universität, Mitherausgeber der "Financial Times" und Kolumnist für "La Repubblica". Zuvor leitete er mehrere Jahre das Moskauer Redaktionsbüro der "Financial Times" und war Gründungsherausgeber des "FT Magazine". Darüber hinaus gehört er dem Direktorium des "Prospect Magazine" sowie der Moscow School of Political Studies an, arbeitet als Referent des St. Anne's College in Oxford und hat eine Gastprofessur der School of Journalism an der City University. Lloyd wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. als Journalist des Jahres, Fachautor des Jahres und mit dem David Watt Prize. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören "Rebirth of a Nation: An Anatomy of Russia" (1998) und "What the Media are Doing to Our Politics" (2003). Lloyd ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in London.