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Interview zur Rhetorik im US-Wahlkampf:Obama in Versen, Hillary in Prosa

In den USA müssen Wahlkampfreden weitaus emotionaler sein als in Europa. Welcher ist der beste Rhetoriker? Yale-Wissenschaftler Bryan Garsten hat sie untersucht.

Johan Schloemann

SZ: Professor Garsten, welche Rolle spielt die Rhetorik im amerikanischen Vorwahlkampf? Welcher der Kandidaten ist der beste Redner?

Obama und Clinton: Wer ist der glaubwürdigere Redner?

(Foto: Foto: dpa)

Bryan Garsten: Interessanterweise ist genau das eine Frage, die gerade selbst Gegenstand des Wahlkampfes geworden ist. Zumindest auf der Seite der Demokraten. Dort gibt es eine explizite Debatte über die Bedeutung von Rhetorik zwischen Barack Obama und Hillary Clinton. Ich war selber bei den Wahlveranstaltungen in New Hampshire, und in den letzten Tagen jenes Rennens kam Hillary Clinton mit einer neuen Argumentation: Sie äußerte Zweifel am Primat der Beredsamkeit. Sie erkannte offen an, dass Obama ein guter Redner sei - so wie auch die Presse sagt, er habe eine oratorische Befähigung, wie man sie lange nicht mehr erlebt habe -, sagte aber, dass Handlungen, nicht Reden zählten; und sie zitierte Mario Cuomo, den einstigen New Yorker Gouverneur, der in den achtziger Jahren gesagt hat: "Man macht Wahlkampf in Versen, aber man regiert in Prosa" - kurzum, Clinton stellte sich als die anti-rhetorische Kandidatin dar. Damit ist die Frage zentral geworden: Qualifiziert die Fähigkeit zu gelungenen Reden auch zum guten Führen und Regieren?

SZ: Das ist eine Gegenüberstellung, die seit der klassischen Rhetorik vertraut ist: Man versucht selbst, ein möglichst geschickter Redner zu sein, und kritisiert doch gleichzeitig den Gegner dafür, ein geschickter Redner zu sein, das heißt: sich nicht um die Sache selbst, um die wirklichen Probleme zu kümmern ...

Garsten: Und das macht die Antwort auf Ihre Frage schwierig, wer im Vorwahlkampf der beste Redner sei: Denn es gibt auch eine Rhetorik der Anti-Rhetorik, wie sie etwa Hillary Clinton zunehmend wirkungsvoll einzusetzen versteht.

SZ: Es gibt also eine generelle Ambivalenz: Einerseits will jedes Publikum, auch ein politisches Publikum, dass der Redner überzeugender redet als ein beliebiger Bürger - er soll ja nicht austauschbar sein; wenn der Redner aber allzu gut wird, können die Leute den Eindruck bekommen, dass das nur noch eine Performance ohne Gehalt ist?

Garsten: Ja, es sind zwei Elemente der Beredsamkeit, die naturgemäß verdächtig sind. Das eine ist die Künstlichkeit, die Fabriziertheit, die, wenn nicht behutsam eingesetzt, öffentliche Reden unauthentisch, unaufrichtig wirken lässt. Das zweite ist die Ungleichheit: Schließlich versetzt die Rhetorik in eine Position über den Köpfen der Zuhörer; der Redner beansprucht, für die Leute sprechen, spricht aber eben auch zu ihnen. Darum unterliegt Obama einem Risiko: Er wird von der Öffentlichkeit ermutigt, die Rolle des nächsten großen Redners einzunehmen, der die Magie eines Martin Luther King oder Robert Kennedy wiederbelebt - aber die Rolle anzunehmen, kann eine gefährliche Strategie sein, wegen des natürlichen Verdachts gegenüber denen, die bloß auf große Worte aus sind.

SZ: Und damit verbindet sich das Argument, dass Obama noch keine allzu präzisen Vorstellungen von seinen konkreten politischen Absichten formuliert hat ...

Garsten: ... was Hillary Clinton auszunutzen versucht. Zuvor hat sie Obamas mangelnde Erfahrung zum Thema gemacht; doch dies hat sie jetzt mit der Strategie ausgetauscht, seine Rhetorik selbst zum Problem zu machen.

SZ: Man hat den Eindruck, dass die Fähigkeit, ohne Manuskript zu reden, für alle Kandidaten im Vorwahlkampf wichtig ist, wie überhaupt in der angelsächsischen Rhetorik insgesamt - während in Kontinentaleuropa offenbar akzeptiert wird, dass die Redner einen vorbereiteten Text vortragen.

Garsten: Der Eindruck einer aus dem Stegreif gehaltenen Rede ist in den USA essentiell. Dass die Kandidaten, wo es ihnen möglich ist, Teleprompter verwenden, zeigt ja nur, dass die Illusion einer politischen Rede erwünscht ist, die direkt aus der Seele des Redners die Seelen der Zuhörer anspricht. Das ist Teil jener Ambivalenz: Es gibt heute viel Bewunderung, viel Nostalgie für die große Beredsamkeit der Vergangenheit - aber jeder, der zugibt, daran hart zu arbeiten, wird verdächtig. Man denke an Hillary Clintons "emotional moment", ihre Träne in New Hampshire - der Fall zeigt, dass ein Augenblick (angeblich) authentischer Kommunikation im TV-Zeitalter gegenüber der herkömmlichen Eloquenz eine immense Bedeutung hat.

SZ: So etwas lässt die Leute glauben, da sei etwas "Echtes", ohne Mitwirkung von Redenschreibern und Beratern.. .

Garsten: Ja, und außerdem hat es einen "piktoralen" Aspekt - man meint, vom Politiker mehr als nur Worte zu haben: auch ein echtes Bild. Die Rhetorik-Forschung hat in den letzten Jahrzehnten viel über die Visualität der Demokratie im Fernsehzeitalter gearbeitet. Heute kommt noch das Internet dazu, das im Wahlkampf eine riesige Bedeutung bekommen hat und eine neue Mischung von visueller und textueller Kultur herstellt.

SZ: Aus europäischer Perspektive ist das Ausmaß an Personalisierung in der politischen Rhetorik Amerikas frappierend. Ein Beispiel ist Hillary Clintons sehr geschickte Einleitung ihrer Siegesrede von New Hampshire: "Ich habe euch zugehört, und dabei habe ich meine eigene Stimme gefunden." Dieser Satz illustriert, so kalkuliert er sein mag, die bemerkenswerte Fähigkeit amerikanischer Rhetorik zur direkt involvierenden Ansprache und Einfühlung. Ich könnte mir keinen deutschen Politiker vorstellen, der etwas Derartiges sagt, ohne sich zu blamieren - nicht weil es schwach klingt, sondern weil es zu persönlich ist. Aber warum funktioniert das in Amerika?

Garsten: Nun, eine naheliegende institutionelle Erklärung ist der Unterschied zwischen präsidialem und parlamentarischem System: Parteien in den USA sind immer auf eine besondere Persönlichkeit ausgerichtet. Wir wählen eben eher eine Person als eine Plattform, ein Bündel von Prinzipien oder Ähnliches. Darin steckt ein durchaus monarchisches Element - man denke an den Hunger nach intimen Details über diese unerreichbaren Führer. Dieser Hunger hat etwas Sklavisches, und er kann Politik in Entertainment verwandeln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Amerikaner von europäischen Wahlkampfreden halten.

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