Interview zum Getty-Skandal Venus mit Eventcharakter

Museumsleute reden nur ungern darüber, nun müssen sie: Der drohende Prozess gegen das Getty Museum hat dubiose Praktiken der Kunstwerkbeschaffung offensichtlich gemacht, die man im wirklichen Leben auch Hehlerei nennt. In Deutschland, so der Archäologe Michael Müller-Karpe, gibt´s dafür sogar Alimente vom Finanzamt.

Der drohende Prozess gegen das Getty Museum hat schlaglichtartig eine Praxis deutlich gemacht, über die Museumsleute ungern reden: Den Ankauf von gestohlenen Objekten aus Plünderungen, illegalen Grabungen, Raubzügen. Nicht nur die Museen sind schuld, sagt Michael Müller-Karpe, Archäologe beim Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, sondern auch eine Gesetzgebung, die Hehlerei sogar mit Steuervergünstigungen alimentiert.

Die "Verirrte Pleijade" von Randolph Rogers aus dem späten 19. Jahrhundert im Getty Museum

(Foto: Foto: AP)

SZ: Der Prozess gegen das Getty Museum gilt als Präzedenzfall: Zum ersten Mal müsste sich ein renommiertes Haus wegen Hehlerei in großem Stil vor Gericht verantworten.

Michael Müller-Karpe: Ja, es ist höchst peinlich, da hat im Getty Museum wohl jemand nicht aufgepasst. Der Prozess könnte ein gewaltiges Signal gegen den Kauf illegaler Objekte sein. Denn das Problem betrifft natürlich auch andere Museen. Häuser in den Vereinigten Staaten, in Japan oder in Israel kaufen Stücke zweifelhafter Provenienz.

SZ: Auch in Deutschland?

Müller-Karpe: Nicht in diesem Maßstab, aber es gibt auch hier Fälle, ja.

SZ: Dabei schwören die Museen, dass sie keine gestohlenen Güter kaufen.

Müller-Karpe: Ja, offiziell gibt es nur weiße Schafe. Nach der Plünderungen von Provinzmuseen im Irak nach dem Kuweitkrieg haben sich internationale Experten 1994 in Berlin getroffen und einhellig beschlossen, dass niemand Plünderungsgut kaufen darf. Und kurz darauf hat ein großes amerikanisches Museum die Stiftung eines Privatsammlers angenommen -- mit Stücken aus Mesopotamien

SZ: Privater Kunsthandel und Museen spielen sich in die Hände?

Müller-Karpe: Eine verbreitete Sitte der Museen besteht darin, Objekte zweifelhafter Provenienz von Privatsammlern als Leihgabe anzunehmen und sie auszustellen, was die Stücke zertifiziert und ihren Wert steigert: Ein Museum wird ja keine Fälschungen präsentieren. Wenn der Sammler von zehn Stücken dann eines dem Museum vermacht, bekommt er auch in Deutschland sogar eine Spendenquittung, die er von der Steuer absetzen kann: Das Finanzamt alimentiert Kunstraub und Raubgrabungen.

SZ: Aber vielleicht hat der Privatsammler das Objekt ja legal erworben?

Müller-Karpe: Früher gab es in einigen Ländern Fundteilung: Der Ausgräber durfte einen Teil seiner Funde mitnehmen. Was heute legal ausgegraben wird, kommt in der Regel in ein Museum im Herkunftsland -- es gelangt nicht auf den Markt. Nein, was man heute angeboten bekommt, kann eigentlich nur aus Raubgrabungen stammen. Die Stücke werden über Jahre weißgewaschen: Ein armer Bauer gräbt sie aus, verkauft sie an einen Händler, der sie außer Landes bringt. Dann lagern sie etwa fünf Jahre im Schweizer Zollfreilager, einem extraterritorialen Gebiet, wo die Kunsthändler ganze Verkaufskollektionen besichtigen. Danach gehen sie in das Eigentum des Händlers über, der sie "in gutem Glauben" erworben hat -- und weiterverkaufen kann. "Aus altem Schweizer Familienbesitz" heißt das dann. Insider lächeln bei dieser Herkunftsbezeichnung.

SZ: Italien erhebt möglicherweise Schadensersatzforderungen gegen das Getty Museum. Das ist ungewöhnlich.

Müller-Karpe: Staaten klagen selten gegen internationale Museen, denn die Beweislast liegt auf ihrer Seite. Und es ist zwar leicht nachzuweisen, dass ein gestohlenes Stück aus einem Museum stammt, aber wenn es illegal ausgegraben wurde, ist dies fast unmöglich. Eine rotfigurige Vase kann aus Griechenland stammen, aber auch aus Italien.

SZ: Viele Herkunftsländer waren eher gelassen, obwohl ihre Kultur in fremden Ländern auftauchte.

Müller-Karpe: Das ist vorbei. Donny George Youkhanna etwa, der Generaldirektor der irakischen Museen, hat nun erklärt, jeder, der den illegalen Handel durch Ankäufe, Expertise oder Publikation fördere, werde keinen Zugang mehr zum Irak-Museum erhalten. Und der Großayatolla al-Sistani hat erklärt, dass Plünderungen dem Islam widersprechen. Allrrdings hat der radikale Prediger Muktada al-Sadr eine Gegenfatwa ausgesprochen. Danach dürfen vorislamische Objekte durchaus ausgegraben und verkauft werden, solange der Erlös dem Kampf gegen die Ungläubigen zukommt. Wer mesopotamische Kunst kauft, finanziert also auch Terror-Anschläge.

SZ: Plünderungen treffen aber nicht nur Kriegsgebiete.

Müller-Karpe: Alle Länder sind betroffen. Regionen wie Italien und Griechenland leiden schon lange darunter, selbst in Deutschland werden die Höhensiedlungen im Taunus systematisch leergegraben. Der Antiken-Handel hat Dimensionen wie der Menschenhandel oder das Drogengeschäft. Schlimm ist es in Kambodscha, katastrophal im Iran. Die Beute aus den Raubgrabungen im Irak überschwemmt allerdings derzeit den Schwarzmarkt. Sammler sprechen von einem "goldenen Zeitalter". Für die Museen sind diese Stücke noch zu heiß, aber das muss nicht so bleiben. George W. Bush hat ein vorbildliches Gesetz gegen den Handel mit Antiken aus dem Irak erlassen, aber das gilt nur für ein Jahr.

SZ: Könnten deutsche Museen solche Stücke ankaufen?

Müller-Karpe: Sogar ganz legal. Der Ankauf von Objekten, die beispielsweise nach irakischem Recht gestohlen sind, ist Museen nicht verboten, denn Deutschland hat noch immer nicht die Unesco-Konvention zum Schutz von Kulturgut ratifiziert. Im Herbst wurde ein Gesetzesentwurf vorgestellt, der allerdings die Beweislast noch immer bei den Herkunftsländern sieht. Außerdem sollen nur "wichtige" Objekte unter den Schutz fallen und diese müssen die Länder in einer Liste registrieren lassen. Da muss sich etwas gewaltig ändern, wenn Deutschland im Ausland nicht weiterhin als Kulturvernichter dastehen will.

SZ: Sind die Stücke in westlichen Museen nicht besser aufgehoben?

Müller-Karpe: Das Argument hört man oft: Sollen doch die Stücke lieber in unseren vollklimatisierten Räumen stehen, anstatt da unten zu vergammeln. Das sagen sogar Menschen, die sich für Archäologie interessieren! Aber die wichtigsten Informationen, die ein Fund liefern kann, sind mit dem Kontext verbunden, und der geht verloren, wenn er aus dem Zusammenhang gerissen wird. Eine Venus hat dann noch einen ästhetischen Wert, aber sie verrät uns keine Informationen mehr. Sie hat nur noch EventCharakter.

Interview: Sonja Zekri

(SZ vom 28.7.2005)