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Interview zu Konsumverhalten:Man muss das falsche Gute entlarven

Wie sieht Ihre Utopie aus?

Meine Utopie ist ein selbstbestimmtes, solidarisches Leben, mit gleichen Rechten für alle. Dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu Gesundheit, sauberem Wasser und zu gutem, gesundem Essen haben. Ganz konkret halte ich zum Beispiel Ernährungsunabhängigkeit für einen großen Hebel für globale Gerechtigkeit: Das bedeutet, dass Lebensmittel demokratisch produziert werden - nach den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen, ressourcenschonend, ökologisch und sozial gerecht, ohne Ausbeutung und Naturzerstörung. Im Mittelpunkt stehen regionale Märkte - nicht der Export oder die Profitinteressen. Das kann Armut und Hunger abschaffen, das Klima retten und Ressourcen bewahren. Zu dem Ergebnis kommt auch der Weltagrarbericht der Vereinten Nationen und der Weltbank. Dafür kämpft die Internationale Kleinbauernbewegung und es wird vielerorts längst gelebt - bei uns etwa in Projekten der Solidarischen Landwirtschaft. Dieser Bewegung können wir uns anschließen, indem wir bei solchen alltagspraktischen Projekten mitmachen oder bei Protesten für eine andere Landwirtschaft und gegen die Agrarlobby - ganz aktuell gegen die Fusion der Konzerne Bayer und Monsanto.

Wie könnte eine solche Welt erreicht werden?

Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, schließlich geht es um die Lebensgrundlage von uns allen. Einen Reißbrettplan dafür hat niemand. Wir können aber aus den Erfolgen der Vergangenheit lernen - zum Beispiel dem Atomausstieg. Bei den aktuellen Kohleprotesten ist viel aus der Anti-Atomkraft-Bewegung hervorgegangen, vor allem an Proteststrategien. Während des Klimagipfels in Bonn ist es einer Aktivistengruppe zum Beispiel gelungen, eines der schmutzigsten Kohlekraftwerke in ganz Europa, das RWE-Kraftwerk in Weißweiler, zu besetzen und für ein paar Stunden lahmzulegen. Sie konnten beweisen, dass nichts zusammenbricht, wenn das Kraftwerk stillsteht. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, zu Zerstörung und Ausbeutung "Nein" zu sagen - wenn wir denn "Nein" sagen wollen.

Jemand, der Vollzeit arbeitet, eine Familie und wenig Freizeit hat, findet eher keine Zeit für Protestaktionen.

Wie kommen Sie denn darauf? Bei den großen Protesten der vergangenen Jahre - etwa gegen TTIP, Kohleabbau, die industrielle Landwirtschaft oder gegen den Rechtsruck - waren jeweils zigtausende Menschen auf der Straße. Das sind alles Bürger, die selbstverständlich nebenher noch einen Arbeits- und Familienalltag haben, die aber etwas ändern wollen. Es geht ja schließlich auch um unsere Lebensgrundlagen! Veränderung kommt immer von unten. Allerdings eben nicht durch Konsum, sondern durch politischen Protest. Denn im Gegensatz zu Konsumenten, die ja nur kaufen können, haben wir als Bürger Rechte. Und die haben wir uns erkämpft, nicht erkauft. Ein Einkauf im Supermarkt ist unsichtbar. Er tut niemandem weh und macht niemandem Angst. 30 000 Menschen, die auf die Straße gehen, sind aber sichtbar. Das kommt bei der Politik an. Es gibt viele Möglichkeiten, auf lokaler Ebene für globale Gerechtigkeit zu kämpfen: etwa für eine autofreie Innenstadt. Derzeit gibt es eine wachsende Bewegung, die von den Vereinten Nationen ein Abkommen fordert, das Menschenrechten Vorrang vor Konzerninteressen sichert. Konzerne würden dann verpflichtet, bei allen Auslandsgeschäften Menschenrechte zu achten - und wenn sie dagegen verstoßen, können sie dafür verurteilt und bestraft werden. Das sind erste Schritte, wie man das System ändern kann.

Im Film und im Buch greifen Sie Nachhaltigkeitssiegel an. Warum?

Das Wort "nachhaltig" bedeutet eigentlich nichts, es ist kein geschützter Begriff wie zum Beispiel "bio". Das staatlich geschützte Biosiegel hat strenge Standards für den Anbau, es wird kontrolliert und Verstöße werden geahndet. Nachhaltigkeitssiegel von Unternehmen sind freiwillige Versprechen, es irgendwie besser zu machen. Weil das aber so schwammig ist, kann im Prinzip jede Firma selbst entscheiden, was sie darunter versteht und was sie den Menschen unter dieser Bezeichnung verkauft. Aber immer so, dass es dem Kerngeschäft nicht schadet.

Es gibt aber doch für derartige Produkte inzwischen einen Markt. Menschen sind bereit, mehr dafür zu bezahlen.

Bio-Kunden geben mehr Geld aus, richtig. Tatsächlich hat sich der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln innerhalb der vergangenen zehn Jahre auf 5,6 Prozent mehr als verdoppelt. Allerdings auch deshalb, weil sich der Bio-Markt dem Mainstream anpasst und suggeriert: Alles ist zu jeder Zeit zu haben. Deshalb findet man Fertigprodukte mit Palmöl, Shrimps aus Bangladesch, südspanische Erdbeeren und Tomaten im Winter auch im Biosupermarkt. Das finde ich trotz bio fragwürdig. Aber Bio ist immer noch eine kleine Nische. Große Konzerne nutzen ja unverbindliche Nachhaltigeitssiegel gerade deshalb, weil sie ihre Produkte so ohne Preisaufschlag verkaufen können. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Wenn diese Firmen wirklich Profit machen würden, wenn sie Dinge ökologisch und sozial gerecht herstellen, warum sollten sie denn etwas anderes tun? Dann könnte man sich diesen ganzen Siegel-Zirkus ja sparen. Andersherum gilt die Regel: Je problematischer ein Produkt und seine Herstellung, desto größer das Bemühen, es mit Nachhaltigkeitssiegeln zu versehen. Wie will man denn sehen, was hinter dem Siegel passiert? Das ist doch unendlich weit weg. Der Normalverbraucher kann ja nicht investigativ auf Palmölplantagen in Indonesien die Arbeitsbedingungen recherchieren. Das Siegel ist dazu da, ein Produkt, das problematisch ist, unbedenklich zu machen. Die Nachhaltigkeitssiegel sollen Konsumenten einen bequemen Weg schaffen, um sich keine weiteren Gedanken machen zu müssen.

Ihr Buch ist in einem polemischen, etwas belehrenden Tonfall geschrieben. Sie bezeichnen zum Beispiel die gut gebildeten, gut verdienenden, umweltbewussten Konsumenten als "grüne Hedonisten". Glauben Sie, dass das die richtige Art ist, Menschen auf Ihre Seite zu ziehen?

Es geht mir nicht darum, jemanden auf meine Seite zu ziehen. Sondern darum, Missstände aufzudecken und das falsche Gute zu entlarven. Dazu ist Kritik nötig, Sie fragen ja auch kritisch nach. Natürlich: Ich bin wütend. Ich habe bei meinen Recherchen unter dem grünen Deckmäntelchen viele entsetzliche Dinge gesehen, die ich nie mehr vergessen werde. Ich möchte nie mehr auf abgebranntem Regenwald stehen und nie mehr in der Hütte einer jungen verarmten Mutter von fünf Kindern sitzen, deren Mann von der Palmölfirma totgeschlagen wurde, damit die Industrie weiter unbehelligt Palmöl für Quatschprodukte wie Tütensuppen bekommt. Ich will, dass das aufhört. Dieses ganze harmonische Gerede der Art, man müsse die Menschen "positiv abholen", das halte ich für kontraproduktiv - wir sind doch nicht im Kindergarten, sondern mündige Erwachsene. Dieser Anti-Aufklärung möchte ich mit meinem Buch etwas entgegensetzen. Und ja, mich ärgert, wenn sich Menschen, die es besser wissen könnten, von den grünen Lügen einlullen lassen. Glauben wir im Ernst, dass ein Produkt wie Nespresso, das jedes Jahr einen 8000 Tonnen schweren Alukapsel-Müllberg verursacht und den Kaffee für 80 Euro pro Kilo verkauft, auch nur irgendwie öko sein kann? Bloß weil George Clooney armen Kaffeebauern in Costa Rica nett auf die Schulter klopft?

© SZ.de/biaz/fehu/doer
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