Süddeutsche Zeitung

Interview: Sofia Coppola:"Ich versuche, meine Sache so durchzuziehen, wie es ein Mann tun würde."

Die Regisseurin von "Lost in Translation" über die männliche Midlife-Crisis, erotische Schulmädchenfotos und die schaurig-schöne Einsamkeit in fernöstlichen Hotels.

Sofia Coppola, 1971 in New York geboren, hat früh angefangen mit der Arbeit beim Film: als schauspielerndes Baby im "Der Pate". Mit 18 hat sie zusammen mit Vater Francis Ford Coppola das Drehbuch zu dessen Episode in "New York Stories" geschrieben, und 1999 kam der erste eigene Spielfilm: "The Virgin Suicides", über ein mysteriöses Schwesternquintett, war genug, um sie als Filmemacherin zu etablieren. Der zweite Film, "Lost in Translation", in Venedig uraufgeführt, hat ihr in den USA bereits einige Kritikerpreise eingebracht und hat, obwohl unabhängig produziert, Chancen, die eine oder andere Oscarnominierung zu bekommen.

SZ: Können Sie das Gefühl der Isolation auf Reisen selbst nachempfinden?

Coppola: Nicht in Europa, aber in Asien schon. Ich habe mich noch nie im Leben so weit entfernt gefühlt von zuhause wie in Tokio. Nichts kam mir dort vertraut vor - was aber auch wieder aufregend ist, und anregend. Ich habe aber tatsächlich einige Freunde, die dort leben - auf die Art bekommt man mehr mit.

SZ: Haben Sie das Drehbuch dort geschrieben?

Coppola: Ich habe das meiste zuhause in Los Angeles geschrieben, aber ich bin hingefahren, um ein bisschen Inspiration zu finden. Im Prinzip war ich oft genug in diesem Hotel - und die Sängerin in der Bar ist übrigens die echte Sängerin.

SZ: Die Musik ist ziemlich wichtig im Film - und ein paar Stücke stehen schon im Drehbuch. Schreiben Sie an der Musik entlang?

Coppola: Manchmal schreibe ich die Stücke schon rein, manchmal versetzen einen Songs ja in eine Stimmung zurück. Es sind Songs, die habe ich gehört, als ich jünger war. Ich habe teilweise Situationen und Leute verwendet, die ich kenne, so was wie die Party in der Nacht. Aber ich wollte vor allem einen romantischen Dreh, nach den "Virgin Suicides". Ich wollte etwas machen über diesen Mann in Tokio, mit seiner Midlife-Crisis.

SZ: Man sollte meinen, dass Sie sich eher mit der jungen Frau identifizieren konnten - oder hatten Sie nie Zweifel daran, was aus Ihnen werden soll?

Coppola: Doch, klar. Ich habe aber nie gedacht, dass ich darüber einen Film machen will. Ich wollte von einem Mann in mittleren Jahren erzählen. Aber ich weiß schon, wie es sich anfühlt, in dem Alter zu sein und nicht zu wissen, was man eigentlich mit sich anfangen soll. Das macht doch jeder durch.

SZ: Sie haben mit dem Filmemachen so früh angefangen, dass die Phase nicht lang gedauert haben kann.

Coppola: Doch, ich war total frustriert! Ich habe mir große Gedanken gemacht, ob ich nicht mit fünfzig aufwache und denke: Gott, ich hätte Bildhauerin werden sollen, oder so. Ich kenne Leute, die so sind. Ich habe mich Anfang zwanzig für alles mögliche interessiert, nur hatte ich das Gefühl, dass ich in nichts davon wirklich gut bin. Ich hatte auch nicht die Geduld, mich in etwas richtig hineinzuknien. Und dann habe ich einen Kurzfilm gemacht, und das hat mir gut gefallen.

SZ: Hat es Ihnen nicht gerade Angst gemacht, dass der Rest der Familie im selben Beruf arbeitet?

Coppola: Nein. Ich glaube, wir sind nicht scharf genug auf Wettbewerb. Es war ja auch nur ein Kurzfilm, da ist der Druck nicht so groß.

SZ: Ihr Bruder ist auch Regisseur und hat bei "Lost in Translation" die Second Unit übernommen.

Coppola: Mein Bruder und ich waren nie in einem Wettstreit. Mir gefällt, was er macht. Ich hatte aber nie Angst, er könnte besser sein als ich.

SZ: Und Ihr Vater? Der ist Ihr Produzent - und man hat es ja als Erwachsener nicht gern, wenn einem die Eltern sagen, was man tun soll.

Coppola: Mag ich auch nicht besonders. Wenn er mir Vorschläge macht, hör ich manchmal auf ihn. Und manchmal nicht. Man kann einen Film nun mal auf sehr viele verschiedene Arten gut drehen. Er unterstützt mich sehr, aber manche Sachen kann er in seinen eigenen Filmen machen. Ich habe viel von ihm gelernt, aber wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Manches von seiner Arbeit mit Schauspielern, mit Method Acting, habe ich aber übernommen.

SZ: In Venedig, wo "Lost in Translation" uraufgeführt wurde, schienen Liebesgeschichten zwischen alten Männern und jungen Frauen das große Thema gewesen zu sein...

Coppola: Das sind sie doch immer. Waren das französische Filme?

SZ: Nicht alle! Aber in der Häufung kann man dann sehr gut sehen, wie anders Sie diese Geschichte erzählen. Romanzen, die nicht mit Sex enden, sind im Kino selten geworden.

Coppola: Wahrscheinlich ist das etwas altmodisch.

SZ: Oder bloß eine Frauensicht - es passiert im richtigen Leben doch oft genug, dass sich zwei Menschen anziehend finden, aber es wird nichts draus, zum Beispiel wegen des Altersunterschieds.

Coppola: Manchmal fühlt man sich eben zu den falschen Leuten hingezogen, und dann muss man sich entscheiden, ob man trotzdem eine Affäre hat oder es lieber lässt. Bill Murray hat die Geschichte sofort verstanden, und der ist ja auch ein Mann.

SZ: Klar verstehen Männer solche Geschichte - sie passieren ja immer zugleich auch einem Mann, wenn sie einer Frau passieren.

Coppola: Vielleicht erzählen Männer solche Geschichten einfach nicht - sie sind mehr auf Action aus. Ich weiß nicht, vielleicht fällt es einer Frau leichter, das so zu erzählen. Ich wollte den Film so machen, dass sich Frauen und Männer gleichermaßen darin wiederfinden.

SZ: Es gibt im Buch eine Szene, die im Film nicht mehr vorkommt - Charlotte schaut sich erotische Fotos von Schulmädchen an. Der Film scheint sich aber auch ohne diese Szene bewusst zu sein, dass das Interesse alter Männer an jungen Mädchen irgendwie merkwürdig ist.

Coppola: Ja, sie schaut sich die Bilder an und versteht nicht so richtig, was daran sexy sein soll...Und gleichzeitig sucht sie nach Hinweisen, was für eine Art Frau sie denn sein soll. Ich habe die Szene rausgeschnitten, weil ich fand, das genug Szenen dieser Art drin sind. Ich tue sie wieder rein für die DVD-Version.

SZ: Kein feministischer Ansatz?

Coppola: Das war was für meine Mutter, ich fand, für mich sei das alles schon gerichtet. Ich denke nicht über irgendeinen Unterschied nach, ich versuche, meine Sache so durchzuziehen, wie ein Mann es tun würde.

Interview: Susan Vahabzadeh

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SZ v. 08.01.2004
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