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Interview mit Uwe Timm:"Die Deutschen müssen auch lernen zu teilen"

Uwe Timm in München, 2017

Ein Hausbesuch bei Uwe Timm in seiner Münchner Wohnung wird dann ganz persönlich und bewegend, wenn der Schriftsteller das kleine Tagebuch seines Bruders zeigt.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Trotz der wachsenden sozialen Ungleichheit geht es den Deutschen, zumindest materiell, gut, sagt der Schriftsteller Uwe Timm. Aber: "Man kann das Elend nicht auf Dauer weghalten."

Er ist in Hamburg geboren, dort hörte er als Kind die Geschichten seines Großvaters, eines Kapitäns. Er lebt in München, mit seiner Frau, der Übersetzerin Dagmar Ploetz. Er hat in Paris studiert und in Italien gelebt. Er ist Fan von Werder Bremen, eine Leidenschaft, die er an seine vier Kinder weitergegeben hat. Im Kopf ist Uwe Timm ohnehin schon immer um die Welt gereist. Über diese Reisen hat er wundervolle Romane und Erzählungen geschrieben. Doch wo ist der 77-Jährige, der Bestseller wie "Die Entdeckung der Currywurst", "Der Mann auf dem Hochrad" oder "Am Beispiel meines Bruders" geschrieben hat, nun wirklich zuhause?

Seine Antwort: In der deutschen Sprache, "wo er sich geborgen und sicher fühlt". Sprache ist für ihn Heimat; es ist die Möglichkeit, sein Land, seine Identität, seine Vergangenheit zu verstehen. Deshalb sei es auch so wichtig für die Migranten, die deutsche Sprache zu lernen, wenn sie in Deutschland heimisch werden wollen, sagt Uwe Timm, das sei sogar noch entscheidender für die Identität als der Pass: "Erst dann versteht man die Zusammenhänge, etwa über die deutsche Geschichte mit all ihren katastrophalen Brüchen. Ich finde: Das gehört auch dazu, wenn man Deutscher werden will."

Trotz der wachsenden sozialen Ungleichheit geht es den Deutschen, zumindest materiell, gut, sagt Timm. "Die Deutschen müssen insgesamt auch lernen zu teilen: Man kann das Elend nicht auf Dauer weghalten. Ich war kürzlich auf einer Reise im Tschad, dort herrscht eine unfassbare Armut. Solange man nicht andere wirtschaftliche Verhältnisse schafft, fairen Handel, bessere Lebensbedingungen dort, wird die Migration nach Europa weitergehen."

Wie in vielen deutschen Familien gibt es da diese Leerstelle

Für seinen neuen Roman "Ikarien" ist Uwe Timm noch einmal in die Vergangenheit gereist, in jenes Schicksalsjahr, das alles auf einen Schlag veränderte: 1945. Das Buch über deutsche Schuld und die Verstrickungen der Wissenschaftler mit dem NS-System, über Rassenwahn und Verblendung hat aber auch etwas Heiteres, Leichtes. Das liegt auch daran, dass sich Uwe Timm mit Dankbarkeit an die Befreier erinnert. An die amerikanischen Soldaten, die auf einmal da waren, nachdem Hitler-Deutschland besiegt war und man als Kind nicht mehr die Hacken zusammenschlagen musste: "Ich fand die toll, vor allem als Gegengewicht zu meinem Vater, mit seiner preußischen Disziplin und seiner Ordnungsfixierung. Allein wie lässig die standen, wie unverkrampft die Gestik war, wie sie die Hände in der Hosentasche hatten. Die amerikanischen Soldaten rochen anders, nicht wie die deutschen Soldaten nach Kommiss und altem Tabak, sondern frischer, nach Kaugummi und guten Zigaretten, und dann die Schokolade!"

Ein Hausbesuch bei Uwe Timm wird dann ganz persönlich und bewegend, wenn der Schriftsteller das kleine Tagebuch seines Bruders zeigt: Aufzeichnungen eines jungen Mannes, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete, und mit dünnem Bleistift das Leben an der Front festhält. Es ist der Bruder, den Uwe Timm nur aus den Erzählungen seiner Eltern kennt. Wie in vielen deutschen Familien gibt es da diese Leerstelle, die mit Erinnerungen gefüllt sein will. Bei Timm bleibt diese eine Frage: "Warum meldet sich einer freiwillig, um andere totzuschießen und sich selbst totschießen zu lassen?" Er selbst könne die Toten nicht ruhen lassen, weil er nicht wolle, dass sie als Geister zurückkehren. "Man muss sich die Toten selbst ins Bewusstsein heben, damit es nicht im Hinterkopf weiter rumort."

Deutschland 2017, das sei zum Glück ein ganz anderes Land, eines, das viele Häutungen hinter sich hat. Ein materiell starkes Land, das aber lernen müsse, seinen Reichtum mit anderen zu teilen.

© SZ.de/khil

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