Interview mit Peter Rühmkorf "Wir alle spielten gern mit Waffen"

SZ: Manche Leute, so etwa Jan Philipp Reemtsma, sagen heute, die RAFler hätte ihre sozialen Anliegen nur vorgeschützt und damit ihre Lust an der Gewalt kaschiert. Sie selbst schreiben, Ulrike Meinhof habe die Begriffe "Kampf" und "Gewalt" sehr gern benutzt.

Rühmkorf: Man darf diese Zeit nicht allzu blockartig sehen. In Wahrheit war es eine völlig zerhäckselte Epoche: Es gab diesen Abschnitt, dann den Abschnitt, dann den. Plötzlich war eine Grenze überschritten. Zuerst wurde mit Waffen und mit dem Reden über Waffen nur gespielt. Es herrschte ein ganz eigenartiges Mischklima. Erst nach den ersten Schüssen mussten die Leute sich entscheiden: Die einen hatten das alles so nicht gewollt. Die anderen schlugen die martialische Linie ein. Das war die RAF. Und denen machte die Gewalt dann auch Spaß. Davon hatte ich Ulrike anfangs ausgenommen, weil ich nicht glauben konnte, dass sie ihre eigenen Sprüche vom bewaffneten Kampf ernst nahm.

SZ: So gesehen, muss man sagen, dass eigentlich kaum jemand von Anfang an in die RAF passte, mit Ausnahme von Andreas Baader.

Rühmkorf: Baader hatte diese Ludenart, mit seinen Mädchen zu verkehren. Dass alle diese Mädchen, die aus ganz netten, braven Verhältnissen kamen, in den Bann von diesem mir auf Anhieb ludenhaft erscheinenden, auch physiognomisch unangenehmen Kerl mit seinem widerwärtigen Fotzenjargon gerieten: das habe ich nicht verstanden. Ich kann es nur eine Massenparanoia nennen. So etwas kommt vor. Es gab eine Riesenparanoia im Dritten Reich, bei der alle mitgemacht haben. Derzeit gibt es so eine Paranoia in Amerika, bei den Kreationisten. Es gibt solche verrückten Dinge.

SZ: Baaders Jargon stieß Sie ab. Aber mit den Slogans der übrigen Linken konnten Sie auch nicht viel anfangen. Liegt es daran, dass die Sprache dieser Leute Ihnen missbehagte?

Rühmkorf: Bei Ulrike fand so etwas wie eine langsame Persönlichkeitsveränderung statt, die dann auch im Satzbau ihren Niederschlag fand. Als Terroristin verfasste sie nicht mehr die geschliffenen Artikel von früher. Es war eine kalte Agitationssprache, eine unmenschliche Sprache, die sich da herausbildete.

SZ: Pardon, ich fragte nach Ihnen und Ihren Beweggründen. Haben Sie beispielsweise Rudi Dutschkes Reden beeindruckend gefunden?

Rühmkorf: Nein, überhaupt nicht. Dutschke war ja auch so eine religiös umflorte Gestalt. Und wo so etwas auftaucht, da bin ich nicht zu Hause. Ich fand sein Geheiser, das Herausgeheisere seiner Thesen abstoßend. Die Sprache hat er politisch-instrumentell benutzt. Was er sagte, erschien deshalb letztlich trivial. Ich bin Dichter, ich will meine eigene Sprache erfinden. Dutschkes Sprache war mechanistisch. Zu den religiösen Verheißungen, die er übermitteln wollte, passte sie gar nicht. Wenn man den alten Ernst Bloch über das "Prinzip Hoffnung" hörte: Das war etwas anderes. Das klappte, da passten Sprache und Inhalt zusammen. Bloch hatte seine eigene donnernde Sprache, was er sagte, das kam ja fast aus dem Himmel. Die Leute kriegten gläubige Augen, und selbst ich fand etwas daran. Das dann in ganz kleiner Münze ausgefolgt zu kriegen, und immer wieder dasselbe - nein!

SZ: Wenn Sie sich hinsetzen und ein Gedicht schreiben, was geht da vor sich?

Rühmkorf: Das Palmenmark der Gedichte, das ist nicht das Ausgedachte, sondern das von den Göttern Zugefallene, manchmal einfach das aus dem Fernsehen Geplumpste. Ich habe gelegentlich Einfälle, die ich selbst für ganz nette Blitze halte, und die kommen dann in meine Blitzsammelabteilung, die sieht so aus (weist auf einen Stapel Mappen).

SZ: Darf ich eine anschauen? ... (blättert): "Ich antworte nur noch auf Presse, weil ich hinterher alles vergesse." Haha.

Rühmkorf: Na, ich rauche und trinke zu viel. Da merkt man, dass man sich verbraucht. Mein Lieblingsorgan: die Lunge. Da zeigen sich Rauchschäden, es sind aber auch Arbeitsschäden.

SZ: Wenn ein Gedicht entstehen will, und Sie sagen: Jetzt, Gedicht, gedeihe! Was passiert dann?

Rühmkorf: Das ist possierlich gefragt. - Ich laufe am Elbstrand. Es ist für mich eine heikle Zeit, ich fühle mich angefochten von allen Seiten. Ich gehe also am Elbstrand entlang. Dann sage ich mir: "Bleib erschütterbar - und widersteh!" Und das ziehst du dann anaphorisch durch das ganze Gedicht. Das ist ein richtiger Einfall. Das ist der Götterbescheid, die Inspiration. Den Rest musst du selber machen, und der muss genauso aussehen, als ob er auch von oben käme.

SZ: Warum führen Sie ein Tagebuch?

Rühmkorf: Das Tagebuch ist eine ganz archaische literarische Praxis. Vorgänger des Tagebuches sind das Logbuch, das Haushaltsbuch, die Sternbeobachtung. Irgendwann begann der Mensch das Tagebuch ernst zu nehmen als eine Verzeichnung des eigenen Lebens und der Gesellschaft, die einen umgibt. Es ist eine sehr subjektive Literaturform, eine Gattung für sich, eine sehr ehrenwerte, nahe am Subjekt wie keine andere.

SZ: Günter Grass hat gesagt, man müsse "neugierig auf sich selbst" sein. Klingt das eitel?

Rühmkorf: Überhaupt nicht. Ich finde das ganz interessant. Sich selbst auf die Schliche kommen - und man weiß ja manchmal, welche krummen Wege man gegangen ist, um etwas zu erreichen -, das ist doch etwas: Du wirst auf einmal dein eigener Verbrecher und dein eigener Kriminalist dahinter. Das heißt: Du folgst dem Verbrecher, der du bist - es kann auch der Ehebrecher sein, der du bist. Du gehst hinter ihm her und sagst: Dich kenn' ich, dich schreib ich mit!

SZ: Seit wann führen Sie Tagebuch?

Rühmkorf: In meiner Jugend hatte ich eine schwere Spätpubertätsneurose, eine Art Magersucht, sehr unangenehm. Da schrieb ich Tagebuch. Dann habe ich das abgebrochen, weil es mir eine Verdoppelung des Unheils schien und keine Erlösung. Da schienen mir Gedichte, die etwas daraus machten, eher eine produktive Gegenleistung zu sein. Erst Jahre später fing es mit dem Tagebuchschreiben wirklich an.

SZ: Zwei Bände Ihrer Tagebücher sind erschienen: ein Band für 1971/1972, einer für 1989-1991. Im letztgenannten erwähnen Sie das Jubiläum "zehn Jahre Tschernobyl". Dieser Jahrestag konnte damals, der Super-GAU fand schließlich 1986 statt, noch gar nicht begangen werden. Wie ausführlich bearbeiten Sie Ihre Tagebücher vor der Publikation?

Rühmkorf: Ach, diese Jubiläen, die kommen immer ungerufen. Das Tagebuch ist eine seltsame Mischung, dem Gedicht nicht ganz unähnlich. Einiges entspringt der flüchtigen Beobachtung, dem impressionistischen Strich, dem Mitschreiben der Welt: Da springt etwas, da geschieht etwas, und du schreibst mit. Und hinterher gehst du noch mal mit dem Magnetstift drüber. Ich begreife das Tagebuch als Kunstform, nicht als Kladde, in die man alles reinschmiert. Schon Thomas Manns Tagebücher erscheinen mir ein bisschen unformuliert. Das sind Bekenntnistagebücher. Ich sage: An Bekenntnissen ist kein Mangel, aber Kunst kann nicht schaden, oder?

SZ: Haben Sie je versucht, einen Roman zu schreiben?

Rühmkorf: Nein, ich weiß, dass ich das nicht kann. Für Novellen habe ich mich früher interessiert. Als Prosaform hat das Märchen mich lange verfolgt. Dazu gehört das Sammeln von Volksliedern, dazu gehören die Reimaufsätze. Lauter Dinge, die auch die Romantiker gemacht haben, die sich besinnen wollten: Wo sind die Wurzeln der Sprache, wo fängt sie an und wo beginnt sie, zu dichten? Und während ich noch dabei war, mich auf den Ton von Volksliedern einzuschwingen, kam ich auf die Parodie. Und ich merkte allmählich, dass ich ganz und gar ein gebrochener Romantiker war. Dann fing ich mit Märchen an, und da sagte ich mir: Ich bin ein aufgeklärter Romantiker. Ja, was mir unterkam, habe ich entmythologisiert, alles.

SZ: Und warum haben Sie Walter Benjamin dann so gern gelesen?

Rühmkorf: Ich habe große Schwierigkeiten mit Benjamin. Ich bin, weil ich sehr fromm erzogen wurde, zum absoluten Agnostiker geworden. Und Benjamin hat etwas Rachitisch-Religiöses. Einige Aufsätze finde ich erleuchtend, in einem etwa den Satz, dass Kultur nie ohne einen ungeheuren Zusatz an Barbarei zu denken ist. Mit diesem Satz ausstaffiert, bin ich vor Jahren nach Italien gegangen, habe Scherben gesammelt und habe mich immer gefragt: Wie sind die Scherben zerscherbt, wer hat die kaputtgemacht? Und da habe ich gesehen, dass eine Schicht die andere überlagert hat, dass die Römer die Etrusker kaputtgemacht haben und wieder andere die Römer. Scherben über Scherben, immer neue Städte. Das war eine richtige Öffnung der Optik für mich. Ich mag keine Schlachtengemälde sehen.

SZ: Über Benjamin haben Sie geschrieben, er hätte sich gegen den einzig angemessenen Gegenstand werfen sollen, hätte nämlich gegen den Todfeind, die Nazis, anschreiben sollen. Gab es solche politischen Imperative in Ihrem Leben?

Rühmkorf: Die Zeiten wechseln ja. Da gab es die wilden Kriegszeiten, Mord- und Brandzeiten, restaurative Stickmiefzeiten, idyllische Zeiten, in denen sich schon wieder leben lässt und man Deutschland für gar nicht ein so schlechtes Land hält. Je nach der Zeit beurteilt man, worüber man schreibt. Da wird Benjamin von diesen braunen Teufeln in die Emigration gejagt und schreibt ein Buch über Passagen! Das schien mir unerträglich.

Dagegen stand für mich klar die Position von Bert Brecht: Es gibt Zeiten, in denen man über Bäume eben nicht reden kann. Brecht war ja aufgebrochen als Luftschaukler. Und erfolgreich war er auch. Als sein Stil die Höhe seiner Preziosität erreicht hatte, merkte er aber, dass die Verhältnisse in Deutschland von einer derartig brutalen Fatalität waren, dass er sich ändern musste. Er hat also gesagt: Das kann ich nicht verantworten, in dieser Zeit, ich muss auf den Bohémien, der ich war, verzichten. Dann ist er in die Arbeiterkluft gestiegen und hat sein gesamtes Instrumentarium umorchestriert, was sein Gewinn war, weil er einen völlig neuen Stil geboren hat.

Mit dem Wort "Lehrgedicht" ist das überhaupt nicht abgedeckt. Denn wenn einer spricht: "Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten", dann ist das die Bibel, nicht? Der totale Umbau einer Persönlichkeit, den Brecht an sich vorgenommen hat, das ist eine sehr radikale Entscheidung. Das habe ich nicht nötig gehabt.

SZ: Rühmkorf, der luftig bewamste Bohémien im Boudoir?

Rühmkorf: Warum nicht? Alles zu seiner Zeit. Seit den fünfziger Jahren habe ich immer für die SPD getrommelt. Immer wieder bin ich in der Arena mit Jazz und Lyrik und politischen Gruppen. Ich war immer ein "zoon politikon", aber immer nur bis zu einer gewissen Grenze: Wo die Kunst anfängt, da fängt für mich die Freiheit an. Das ist ein neues Reich, das ist die Utopie, da fügen wir den Menschen neu zusammen. Da besingen wir, was uns gefällt, die Blumen, die Mädchen und alles, was gut ist, und versuchen, aus dem lyrischen Ich ein gemeinsames Wir für euch und für uns zu machen. Ja, das ist mein eigentliches Evangelium.