Interview mit Peter Rühmkorf "Wir alle spielten gern mit Waffen"

"Ich hielt Adenauer für einen Weltverbrecher": Der Dichter Peter Rühmkorf spricht über seine Zeit mit Baader, Meinhof - und wann sie zur RAF wurden.

Von Franziska Augstein

Über Peter Rühmkorf sagen manche, zum Beispiel der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, er sei der größte lebende Dichter deutscher Zunge. Rühmkorf wurde 1929 geboren und wuchs in Norddeutschland auf. In den sechziger Jahren tummelte er sich in der Hamburger Gesellschaft, wo Liberale, Radikallinke und spätere Terroristen sich mischten. Kürzlich ist der vierte Band seiner Werke erschienen: alle seine Märchen. Mit der SZ sprach er in Hamburg über Gott und Gewalt, Literatur und Leidenschaft.

Peter Rühmkorf im Gespräch mit Franziska Augstein.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Mit etwas Glück - oder Pech, wie man's nimmt - wären Sie zum Märtyrer geworden wie die Geschwister Scholl: Sie haben schon mit 14 und 15 Jahren an Ihrer Schule im niedersächsischen Stade heimlich antinazistische Propagandapostkarten verteilt, die von den Flugzeugen der Alliierten abgeworfen wurden.

Peter Rühmkorf: Vor allem habe ich diese Flugblätter gesammelt. Ich sammle immer noch, Zeitungen, antike Scherben. Jedes Sammelobjekt hat seine eigene Botschaft. Damals war das für mich nicht anders, als wenn heute 14-Jährige etwas machen wollen, was von der Schullektüre abweicht, und sie auf ihren Apparaten herumklimpern und sich irgendetwas Geheimnisvolles da herausklappern, aus ganz geheimen verbotenen Ecken.

So war das bei mir mit den Flugblättern, die hatten eine ganz andere Aufladung: Ich habe bald nur noch geglaubt, was darauf stand. Und das passte ganz gut zu meiner latent antinazistischen Vorprägung. Wir hatten an der Schule einen Antinaziclub. Ich habe mich immer gewundert, warum die HJ-Führer in der Klasse nicht merkten, dass wir es waren, die diese Bildchen unter den Pulten verteilten oder an die Klotür klebten. Allerdings: Wir waren eine starke Gruppe, weil wir Radios basteln konnten. Aus abgestürzten Flugzeugen haben wir die Bordkanonen ausgebaut, wir haben Bomben entschärft...

SZ: Ihr Vater hatte sich vor Ihrer Geburt davongemacht. Aber Ihre Mutter war präsent, war eine Religionslehrerin, die mit ihrem Sohn Ehre einlegen wollte. Wusste sie von Ihren halsbrecherischen technischen Ausflügen?

Rühmkorf: Sie duldete es. Ich war im Chemieunterricht gut. Das Ganze lief unter "Chemie".

SZ: Ihre Mutter war in der Ortschaft eine beliebte Festdichterin. Sie selbst haben als Kind schon Verse geschrieben. Wie ging's dann weiter?

Rühmkorf: Ich habe mich mein Leben lang in Gruppen sozialisiert. Das ging auf der Schule los, mit der Schülerzeitschrift "Die Pestbeule". Nach dem Krieg habe ich mit Klaus Rainer Röhl Kabarett gemacht. Meine Literatursozialisation lief über den Expressionismus. Wir sagten damals: Die deutsche Literatur kann nur dort wieder anknüpfen, wo sie von den Nazis abgehackt wurde. Und so kamen wir natürlich auch auf Gottfried Benn.

Bloß dass sein lyrisches Ich uns nicht passte: Da ist - in jedem Gedicht - der verlorene Tropf, der in die Apokalypse oder auch in die Hyazinthen tappt. Wir hingegen, wir wollten das lyrische WIR etablieren. Wir glaubten wirklich, wir wären "die Generation zwischen den Kriegen". Den letzten hatten wir noch an den Hacken, der nächste stand schon mit Brandschrift an den Wänden. Koreakrieg, Atombomben, die vorberechneten Megatoten auf deutschem Boden! Ich hielt Adenauer für einen Weltverbrecher. Er war der deutsche Separatist, ohne den die deutsche Einheit sehr viel früher über die Bühne gegangen wäre. Das österreichische Modell schwebte uns vor.

SZ: Wegen Ihrer Freundschaft zu Röhl und der gemeinsamen politischen Ansichten arbeiteten Sie viel für "Konkret".

Rühmkorf: So ganz gemeinsam waren unsere Ansichten nicht. Dass "Konkret" von außen bezahlt wurde, wusste ich nicht. Ich habe da vier Jahre gedient, unter fünf Pseudonymen. Für den "Monat" hätte ich nie geschrieben. Der wurde von der CIA bezahlt und war bekanntermaßen ein Agentenblatt. Dass "Konkret" von der anderen Seite Geld bekam: Auf die Idee bin ich lange nicht gekommen. Der Kokon war so dicht.

Eines Abends machte ich Nachtdienst, die Wirtschaftsprüferin hatte versehentlich die Gehaltslisten liegengelassen. Darin tauchte ich nicht auf. Und da sah ich, dass die alle, anders als ich, ein Gehalt kriegten. Als die Gerüchte sich verdichteten, habe ich Röhl gesagt: Ich muss etwas über Johannes R. Becher machen. Der war nicht bloß DDR-Kulturminister, sondern auch ein äußerst eitler Literaturpapst. Dann hat Leslie Meier, der Lyrikschlachter, zugeschlagen: Ich habe Bechers jüngste Gedichte fürchterlich zerrissen. Und das hat Röhl drüben durchgekämpft.

Irgendwie hat er denen offenbar beigebracht: Das ist der größte Grad der Tarnung, wie könnte Becher derart verrissen und als literarische Null bezeichnet werden, wenn das von der DDR bezahlt würde?!

SZ: So hätte Bertolt Brecht auch argumentiert.

Rühmkorf: Das ist die echte Dialektik, die Dialektik des Versteck-dich.

SZ: Ende der fünfziger Jahre lernten Sie Röhls spätere Frau, die Journalistin Ulrike Meinhof, kennen. Über sie haben Sie geschrieben, sie sei als "Gewalt-Theoretikerin ...erst in dem Moment hervorgetreten, als sie selbst die vollkommene gesellschaftliche Isolierung in Tateinheit mit erzwungener Tatenlosigkeit am eigenen Leib verspürte".

Rühmkorf: Sie war auf dem Weg gewesen, ein kommunistisches Familienmütterchen zu werden. Nachdem die Ehe kaputt war, fand sie sich allein auf weiter Flur und suchte eine neue Genossenschaft. Sie konnte nicht sein ohne Gesinnungsgenossen. In den liberalen Hamburger Kreisen war sie überall geschätzt, als ernsthafte und intelligente Gesprächspartnerin. Als sie nach Berlin umgezogen war, suchte sie neuen Anhang. Und die Neuen, die sie fand, waren dann auch alle furchtbar lieb zu ihr: Für diese Leute war sie eine heilige Johanna, eine Rosa Luxemburg.

SZ: Und die Gewalttätigkeit?

Rühmkorf: Wir alle spielten gern mit Waffen. In Röhls Garten und in seinem Keller haben wir in den sechziger Jahren viel herumgeschossen, mit Luftgewehren auf Schießscheiben. Ulrike hatte ein geradezu phobisches Verhältnis zu diesem Paramilitärischen. Ich habe damals oft gesagt: Wenn die Rechte aufmarschiert, müssen wir besser schießen können! Jaa, das war Geist der Zeit.

Als sich die Bewegung militarisierte, machte sich auf einmal eine Art Urwaldparanoia breit, die mir seltsam vorkam. Vorbilder dafür wurden zuhauf geliefert, die Geschichten der Guerilleros in Südamerika und vieles andere. Die Verlage wetteiferten darin, Schriften herauszubringen, die, wenn sie in die Wirklichkeit umgesetzt worden wären, sofort zur Abschaffung dieser selben Verlage geführt hätten. Von heute gesehen, ist das Eigenartige an der Sache: Was war noch Spiel, und wo wurde es blutiges Spiel? Wo bewegte sich das noch im Reich der Aktionskünste, und wo wurde es politische "action"?