Interview mit dem The Cure-Sänger:"Warum fragt jemand nach der Farbe meines Lippenstifts?"

Lesezeit: 9 min

SZ: Tragen Sie nur auf der Bühne Make-up?

Robert Smith: Da macht es am meisten Spaß. Vor Auftritten betrachte ich mich im Spiegel und probiere Dinge aus.

SZ: Wie findet das Ihre Frau?

Robert Smith: Meine Frau mag es, wenn ich mich schminke. Sie mag überhaupt, wie ich aussehe. Das ist ein großes Glück. Ich muss mich ja nicht angucken.

SZ: Ich dachte, zu Hause wären Sie ungeschminkt.

Robert Smith: Ich schminke mich natürlich nicht, um einen Spaziergang am Strand zu machen.

SZ: Strand? Sie sehen nicht aus wie jemand, der Strandspaziergänge macht.

Robert Smith: Mein Garten geht bis zum Meer. Da ist kein Sand, da sind Felsen. Und der Strand ist in England, da ist also auch keine Sonne. Es ist ein düsterer Strand.

SZ: Der düstere Strand ist dort, wo Sie aufgewachsen sind, oder? In Crawley.

Robert Smith: Ja, 25 Kilometer von Brighton entfernt.

SZ: Sie sind nie aus Crawley weggezogen. Sie sind mit der Frau zusammen, die Sie mit 18 Jahren kennen gelernt haben. Sie tragen immer noch schwarze Kleidung, dieselbe Frisur, über das Make-up haben wir ja lange genug geredet. Kann es sein, dass Sie Veränderung nicht mögen?

Robert Smith: Veränderung ist ein Thema, mit dem ich mich immerzu beschäftige. Im ersten Song auf der neuen Platte zum Beispiel geht es vor allem darum, wie man feststellt, wer man eigentlich ist. Und ob man glaubt, dass man sich verändern und doch man selbst bleiben kann. Man muss einfach akzeptieren, dass Menschen sich verändern können.

SZ: Aber das gefällt Ihnen eigentlich nicht.

Robert Smith: Das ist es nicht. Ich frage mich immer, wann wird man eigentlich man selbst? Ich bin zum Beispiel mit bestimmten Wertmaßstäben groß geworden, die habe ich verinnerlicht. Aber an welchem Punkt bin ich ich geworden? Was heute Abend passiert, wird mich in irgendeiner Weise verändern. Also kann ich niemals ich sein, weil ich mich ständig verändere. Ich weiß auch nicht, rede ich mich gerade um Kopf und Kragen?

SZ: Nein, aber ich war nicht darauf gefasst, das Thema so philosophisch anzugehen. Ich glaube, mir ging es wohl eher um Äußerlichkeiten.

Robert Smith: Mit einem Freund streite ich mich dauernd darüber. Er glaubt, dass man zwischen fünf und neun Jahren zu der Person wird, die man ist, und danach verändert man sich im Grunde nicht mehr.

SZ: Das glaube ich nicht.

Robert Smith: Aber es ist was dran! Ich habe noch Freunde aus meiner Teenagerzeit. Es hat auch Vorteile, wenn man da bleibt, wo man herkommt. Ich sehe in ihnen manchmal immer noch das 13-jährige Kind. Ich glaube, dass sich zwischen elf und 15 Jahren viel herauskristallisiert.

SZ: Sehen Sie das bei sich selbst denn auch so? Wenn Sie so an den 15-jährigen Robert Smith denken?

Robert Smith: Absolut. Ich glaube, wenn ich mich in diesem Raum mit meinem 15-jährigen Ich zusammensetzen würde, würden wir uns gut verstehen. Ich glaube sogar, dass wir ähnlich auf bestimmte Situationen reagieren würden. Ich habe mich nicht sehr verändert. Aber wenn ich mir die Erfahrungen der letzten 30 Jahre anschaue, ist der Unterschied zwischen dem 15-jährigen und dem 45-jährigen Robert Smith wieder verdammt riesig.

SZ: Was ist mit den Menschen, die Ihnen am nächsten stehen? Man bemerkt doch Veränderungen.

Robert Smith: Sicher. Mein Vater hat sich verändert, er hat sich enorm verändert! Er sagt, dass ich es bin, der sich verändert hat, und ihn anders betrachte, aber ich finde, er hat sich verändert. Da sehen Sie, wie kompliziert das ist. Wer kann das beurteilen?

SZ: Was ist mit Ihrer Frau? Sie sind so lange zusammen. Verändert man sich dann gemeinsam? Verändert sich die Beziehung?

Robert Smith: Das ist die einzige Beziehung in meinem Leben, die sich kaum verändert hat. Wenn man so lange zusammen ist und keine Kinder hat, verändert sich nicht viel. Kinder stülpen eine Beziehung komplett um, glaube ich, aber wir haben keine. Wir kannten uns schon, als ich noch keine Band hatte. Das bedeutet, dass Mary mit mir da hineingewachsen ist, dass sie weiß, worum es da geht, und dass ich wiederum in dem Moment, in dem ich nach Hause komme, wieder der sein kann, den sie damals kennen gelernt hat.

SZ: Und das genießen Sie?

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB