Interview mit dem The Cure-Sänger:"Warum fragt jemand nach der Farbe meines Lippenstifts?"

Lesezeit: 9 min

Seit 1977 gibt es The Cure mit Frontmann Robert Smith. Nach längerer Ausszeit hat die britische Band ein neues Album aufgenommen und ist wieder auf Tournee. Gabriela Herpell sprach mit dem Sänger über Make-up, Kinder, Beckham und ein misslungenes Konzert.

Das Konzert auf dem Southside-Open-Air im Schwäbischen ist gerade vorbei. Robert Smith steht in der Garderobe und fragt, ob man etwas trinken möchte. Er serviert, macht sich selbst ein Bier auf, lässt sich aufs Sofa fallen.

Robert Smith

Robert Smith

(Foto: Foto: ddp)

Die schwarzgefärbten Haare fallen ihm ins Gesicht, das Make-Up ist zerlaufen. Angeblich soll man sich beeilen. Aber Robert Smith ist ein einnehmender Mensch. Er nimmt sich für dieses Gespräch eine Stunde Zeit. Um viertel nach Zwei in der Nacht verabschiedet er sich mit einer Umarmung.

SZ: War das ein Konzert nach Ihrem Geschmack?

Robert Smith: Ja, das Publikum war sehr nett, das hat die Katastrophe von gestern in Hamburg wieder gut gemacht.

SZ: Die distanzierten Norddeutschen.

Robert Smith: Daran lag es nicht. Ich dachte, wir sind in Hamburg, da können wir es mit einem etwas experimentelleren Set versuchen. Ich hatte damit gerechnet, ein eingespieltes Cure-Publikum vor mir zu haben und nicht darüber nachgedacht, dass es das South-Side-Festival war und die Hives vor uns spielten.

Dazu kam, dass es bitterkalt war. Und dann noch dieser riesige Abstand zwischen uns und den Zuschauern, vollkommen lächerlich, ich konnte die Leute nicht sehen. Naja, wir haben acht oder neun Songs von der neuen Platte gespielt, und es hat gar nicht funktioniert.

SZ: Ist das immer noch schlimm für Sie, nach all den Jahren im Geschäft?

Robert Smith: Es ist schrecklich. Stellen Sie sich vor, Sie stehen da auf der Bühne und es kommt gar nichts zurück vom Publikum.

SZ: Warum haben Sie nicht schnell ein paar Ihrer sicheren Hits gespielt?

Robert Smith: Das geht dann nicht mehr, die Setliste muss man vorher durchgeben, dann kann man nicht mehr viel ändern. So ein Fehler in der Planung ist mir in den letzten zehn Jahren nicht unterlaufen.

SZ: Sie haben heute die Konsequenzen gezogen und den Leuten immer wieder mal einen alten Song serviert . . .

Robert Smith: Man muss einfach begreifen, dass wir auf so einem Festival nur eine Band von vielen sind und die Hälfte des Publikums niemals vorher bewusst einen Cure-Song gehört hat.

SZ: Sie sind seit 25 Jahren im Geschäft, da kommen viele Interviews zusammen: Welche Frage haben Sie eine Million Mal beantworten müssen?

Robert Smith: Die Frage nach der Farbe meines Lippenstifts.

SZ: Ich hätte richtig geraten.

Robert Smith: Es ist auch die Frage, die mich am meisten nervt. Es ist doch so egal, welche Farbe. Die Tatsache, dass ich Lippenstift trage, mag interessant sein, aber die Farbe?

SZ: Ich hätte gedacht, alle fragen nach der Marke.

Robert Smith: Das tun sie dann auch noch.

SZ: Haben Sie die Marke gewechselt über die Jahre?

Robert Smith: Ja. Ich trage die Farbe, mit der ich mich am wohlsten fühle. Das sieht dann aus, als hätte ich mir in die Lippe gebissen.

SZ: Ist Ihr Lippenstift zur Gewohnheit geworden - oder ein Statement?

Robert Smith: Sie wollen also tatsächlich auch mit dem Lippenstift weitermachen! Nun, mit 13 habe ich mich im Badezimmer eingeschlossen, das Make-Up meiner Schwester ausprobiert, bin geschminkt in die Schule gegangen und gleich mal wieder nach Hause geschickt worden.

SZ: Um sich abzuschminken.

Robert Smith: Um am nächsten Tag ohne Make-Up wieder zu kommen. Ich hatte Haare bis zum Hintern, habe Damenkleider in der Schule angezogen - und wurde schon wieder nach Hause geschickt.

SZ: Und Ihre Eltern?

Robert Smith: Die waren sehr geduldig. Sie hofften, dass ich eines Tages einfach damit aufhören würde.

SZ: Da hoffen sie bis heute drauf.

Robert Smith: Ich habe immer mal kurz damit aufgehört - und dann wieder angefangen, nachdem ich Thin Lizzy oder David Bowie im Konzert gesehen hatte. Dann war es plötzlich nichts Besonderes mehr für Leute in meinem Alter, und ich habe es sein lassen. Bis ich die ersten Fotos von mir auf der Bühne sah! Ich fand mein Gesicht nichtssagend und leer. So wollte ich nicht aussehen. Geschminkt fand ich mein Gesicht ausdrucksvoller, darum trägt man ja nun mal auch Make-up.

SZ: Damals hatten Sie den Blick doch nur starr auf Ihre Gitarre gerichtet.

Robert Smith: Ja, ich wollte eigentlich nicht gesehen werden. Aber wenn ich hoch schaute, sollten die Leute meine Augen sehen. Ich weiß, das klingt komisch, ich finde es auch schwierig, darüber zu reden, weil es dann so wirkt wie bei Stars, die in Interviews sagen, dass sie es eigentlich gar nicht mögen, im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Das ist lächerlich! Jedenfalls: Als wir dann "Pornography" gemacht haben, fing ich an mit Lippenstift und rotem Lidschatten. Vorher war es nur schwarzer Kajal.

Zur SZ-Startseite