Interview mit Clint Eastwood Im Herz der Inselhölle

Komplett auf Japanisch, aber trotzdem wird man ihn auf der ganzen Welt verstehen: In Clint Eastwoods neuem Film geht es um die Hölle des Krieges. Ein Gespräch mit dem Altmeister über "Letters from Iwo Jima".

Von Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler

Es stimmt tatsächlich. Begegnungen mit Clint Eastwood sind anders. Auf der Berlinale hat er außer Konkurrenz seinen neuen Film "Letters from Iwo Jima" vorgestellt (ab nächster Woche in unseren Kinos). Beim Gespräch stellt sich sofort eine Atmosphäre von Gelassenheit und Familiensinn her - grundiert von einer unverkrampften Konzentration.

(Foto: Foto: dpa)

Was auch mit den Leuten zu tun hat, die um ihn herum sind, seine japanischen Akteure, Leute vom Verleih, seine Pariser Freunde. Zu Beginn des Gesprächs gab es Erinnerungen an 1984, als Eastwood ins Münchner Filmmuseum gekommen war, dort gab es die erste deutsche Werkschau und Eastwood wurde definitiv als einer der großen Cineasten begrüßt.

SZ: Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Sie sich entschieden, nach "Flags of Our Fathers" einen zweiten Film über die Schlacht auf Iwo Jima zu drehen, "Letters from Iwo Jima"?

Clint Eastwood: Nun, Steven Spielberg fragte mich, ob ich James Bradleys "Flags of Our Fathers" gelesen hätte - ich sollte es für ihn verfilmen. Ich sagte: Gut. Gibt es ein Drehbuch? Spielberg gestand, dass er nie eins zustande gebracht hätte. Ich sagte, ich würde gerade mit einem Typen an "Million Dollar Baby" arbeiten, dessen Stil ich mochte - den würde ich es gern probieren lassen.

SZ: Das war Paul Haggis, der danach "L.A. Crash" gemacht hat.

Eastwood: Genau. Als wir uns zum zweiten Mal für "Flags" trafen, hatte er schon einen Entwurf fertig. Weißt du, sagte ich, mich interessiert dieser General Kuribayashi, der die Insel verteidigt. Ich würde, während wir an "Flags" arbeiten, gern ein bisschen mehr über ihn wissen und über seine Leute. Der ist spannend, ein kreativer Typ. Ein ganz moderner Mann, der sich entschied, die Verteidigung der Insel mit diesem Tunnelsystem zu versuchen.

Ich bat jemanden bei der Warner in Japan, herauszufinden, ob es ein Buch gibt über Kuribayashi. Es gab nur ein einziges, das wir dann übersetzen ließen: Briefe, die er an seine Familie geschrieben hatte, als er 1928 in die USA ging, mit kleinen Zeichnungen. Entschuldigungen an seine Frau, weil er etwas am Haus nicht repariert hatte, bevor er in die USA fuhr.

Ganz normale Sachen, über die sich jeder besorgte Vater den Kopf zerbrechen würde - die Grammatikfehler in den Briefen der Kinder. Das hat mich interessiert, ich wollte wissen, ob es nicht mehr Geschichten gibt von den Leuten, die die Insel verteidigten in diesem aussichtslosen Kampf.

SZ: Sollte Haggis sich daransetzen?

Eastwood: Als Paul Haggis mit dem Drehbuch zu "Flags" fertig war, sagte ich: Ich habe da eine Idee für einen kleineren Film - aber du bist inzwischen zu teuer, das kann ich mir nicht leisten. Kennst du nicht einen geeigneten Studenten? Ein paar Tage später schlug er mir diese Frau vor, Iris Yamashita, die noch nichts verkauft hat, die er aber gut fand. Sie hat dann so ziemlich jeden Artikel ausgegraben, der über das Thema je geschrieben wurde. Aber sie ist japanischstämmige Amerikanerin, und musste eine Freundin zum Übersetzen um Hilfe bitten.

SZ: Sie kann also gar kein Japanisch?

Eastwood: Nein, aber sie will es jetzt lernen. Sie fand heraus, dass auch Baron Nishi auf der Insel stationiert war, der 1932 in Los Angeles eine olympische Goldmedaille gewonnen hatte. Der kannte Mary Pickford und Douglas Fairbanks - der hat ihn sogar in Japan besucht. Es gab so viele, die vor dem Krieg Freunde gewesen waren, nun standen sie auf verschiedenen Seiten in diesem Konflikt.

Iris Yamashita hat sich den Handlungsstrang ausgedacht mit Saigo, der Bäcker war in der Heimat, und diesem Kempeitai-Polizisten. Das hat mir gefallen. Also habe ich sie heimgeschickt, um das Drehbuch zu schreiben. Das gefiel mir auch.

SZ: Weiß man denn viel darüber, was damals auf der Insel geschehen ist?

Eastwood: Nein, es gab keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr. Man weiß, dass es unter den Offizieren Konflikte gab, bevor die Kommunikation abbrach. Man hielt Kuribayashi für einen Radikalen mit seinen Tunneln, für wahnsinnig. Und es gibt Briefe, die der General an seine Familie schickte, solange es ging.

SZ: Sie haben sich also nach und nach an das Projekt herangetastet.

Eastwood: Ich nahm das Drehbuch mit zu den Dreharbeiten für "Flags of Our Fathers" in Island, und immer sonntags, wenn ich frei hatte, setzte ich mich damit hin. Und dann habe ich schon mal ab und zu ein bisschen dafür gedreht. Ich sagte den Leuten vom Script, die die gedrehten Einstellungen ordneten: Das sind Szenen für den anderen Film. Schreiben Sie einfach drauf: Anderer Film.

SZ: Also hatten Sie sich bereits für den zweiten Film entschieden ...

Eastwood: In der Tat. Nur wusste ich nicht, wann oder wie. Aber ich wollte es machen. Dann kam der Moment, da all die Spezialeffekte an "Flags" gemacht werden mussten, so was dauert ewig. Also sagte ich eines Tages: Leute, ich kümmere mich jetzt mal um die Besetzung für den anderen Film. Ich nahm eine kleine Auszeit und legte los.

SZ: Gab es denn keinen, der gesagt hat: Ein amerikanischer Film über die Japaner, auf japanisch - das geht nicht!

Eastwood: Vom Studio? Nein. Die hatten schon "Mystic River" nicht gewollt ... Und dann, nun ja, haben sie "Million Dollar Baby" nicht gewollt ... Also dachten sie wohl ... Ich sagte zu Richard Fox, dem Chef von Warner International, der Film könnte doch interessant sein für ein japanisches Publikum. Ich sagte, es würde nicht viel kosten, er hat sich dafür eingesetzt, und dann wurde es gemacht.

SZ: Vorwürfe, der Film sei antiamerikanisch, haben Sie nicht befürchtet?

Eastwood: Nein. Kuribayashi war ja gegen den Krieg gegen die USA. Er fand das dumm, praktisch gesehen - das sei ein zu großer Gegner. Er war Gesandter gewesen, war in den USA herumgereist. Ich denke nicht, dass es antiamerikanisch ist, sondern Anti-Krieg.

Es sind doch immer die ganz einfachen Leute, die losgeschickt werden - meistens junge Männer, Teenager -, um zu sterben. Ich dachte, das ist etwas, was man in jeder Gesellschaft versteht. Das Durchschnittsalter der amerikanischen Soldaten auf Iwo Jima war 19. Bei den Japanern etwa genauso. Das waren Kinder, die das ultimative Opfer bringen sollten, obwohl ihr Leben noch nicht mal begonnen hatte.

SZ: Sie haben sich ja auch in beiden Filmen für eine Hauptfigur entschieden mit einem Kindergesicht - Ryan Phillipe und Kazunari Ninomiya als Saigo.

Eastwood: Ja, klar. Ich habe den Film ein paar Veteranen gezeigt, und ein General im Ruhestand, der damals Captain war, sagte: Mein Gott, waren wir alle jung. Einen 26-jährigen nannten sie "the old man". Klingt komisch für einen Mann meines Alters, das ist ja noch ein Jugendlicher! Ich wusste mit 26 nichts.

SZ: Heute, im Irak, versucht man möglichst wenig Leute zu verlieren - im Zweiten Weltkrieg setzte man bedenkenlos jede Menge an Menschenmaterial ein.

Eastwood: Ich kann mich so gut an die Paranoia damals erinnern, 1945, als diese Schlacht anstand. Ich war 11 Jahre bei Kriegsausbruch. Wir durften nachts kein Licht machen, weil alle dachten, die Japaner greifen San Francisco an. Jeder kaufte Kriegsanleihen statt Spielzeug für die Kinder. Nach Pearl Harbor dachte jeder, nun kommt die Pazifikküste dran.

SZ: War das nicht auch eine Art Propaganda von seiten Roosevelts?

Eastwood: Erst später war alles Propaganda, die ganzen Kriegsfilme der Vierziger waren Gut gegen Böse. Voller Klischees. Es gab kaum Kriegsfilme, die das Thema von der anderen Seite angingen. "Im Westen nichts Neues" vielleicht, das war eine deutsche Perspektive.

Ich habe den Film lange nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob er überdauert hat. Den wollte ich eigentlich noch mal ansehen, habe es aber nicht geschafft. Das hole ich nach. Ich dachte, aus der Sichtweise der Anderen kann man die Dinge so erzählen, dass sie wirklich nicht von Propaganda berührt werden.

"Flags" entlarvt das gemachte Heldentum - wie man Leute zu Helden erklärt, die selbst finden, dass sie sich nur verteidigt haben: Ich habe nur versucht, nicht erschossen zu werden. Das ist auf beiden Seiten gleich, auf allen Seiten. Die selben Emotionen. Vielleicht hatte ich dazu etwas zu sagen. Wer weiß.

SZ: Aber dass wir dabei immer auch an den Krieg im Irak denken würden, dessen waren Sie sich doch sehr bewusst.

Eastwood: Lassen Sie es mich so sagen: Auch ohne den Irak hätte ich diese Filme gemacht. Weil ich denke, dass dies wichtige Geschichten sind, die erzählt werden sollten. Die Parallelen sind mir bewusst. Aber in jedem Krieg gibt es diese Parallelen.

SZ: Junge Leute, die verheizt werden, und Geschäftemacher, die zu Hause viel Geld damit verdienen.

Eastwood: Eben. Ich weiß nicht, ob das Timing, die Zeitumstände die Filme beschädigen oder sie relevanter machen. Ich bin nicht der Experte, ich mache nur die Filme, nach Gefühl - ihre Bedeutung liegt im Auge des Betrachters.

SZ: Die Welt um Sie herum schickt Sie vielleicht in eine bestimmte Richtung.

Eastwood: Nun, dem was gerade passiert kann sich keiner entziehen. Die Welt um uns herum inspiriert einen, aber vor allem geht es um die Geschichte. Ich bin kein Experte fürs Leben. Ich philosophiere vielleicht ein wenig, aber ich reagiere auf meine Emotionen.

SZ: Aber genau das ist doch gerade Expertentum fürs Leben!

Eastwood: Vielleicht. Aber wenn einer sagt, ich würde mit "Million Dollar Baby" die Euthanasie befürworten, ist das einfach nicht der Punkt. Es ist eine Liebesgeschichte, die intensiv auf diesen Augenblick hinsteuert - und der hat sein eigenes Leben. Wer etwas anderes zu sehen meint, sollte einen anderen Film anschauen, so was wie "Saw 3"! Thriller für Teenager. Das ist ja auch in Ordnung.

SZ: Auch Teenager entdecken eines Tages Eastwood-Filme.

Eastwood: Auch ich habe immer geschaut, was vor meiner Zeit gemacht wurde: "How Green Was My Valley", Hawks und Ford, Preston Sturges und Walsh. Ich wollte wissen, wie sie dachten, an einem Punkt ihres Lebens. Das ist es, wovon wir hier sprachen: Was hat mich inspiriert, was hat sie inspiriert, die Geschichte oder die Zeichen der Zeit.