Interview mit Christian Petzold "Kino ist wie ein Bankraub"

Die klügsten, klarsten deutschen Filme heute sind von Christian Petzold. Der Regisseur über den Geruch von Spanplatten, Film in Akademie und Schule und das Drehbuch als Tauschwert.

Interview: Susan Vahabzadeh, Fritz Göttler

SZ: Wollten Sie, als Sie die Arbeit an "Yella" begannen, dass der Zustand der Republik sichtbar wird in den Landstrichen und Räumen, die Sie zeigen?

Christian Petzold legt in seinen Filmen großen Wert auf Details: "In 'Yella' habe ich sehr akribisch versucht, all die kleinen Geräusche hörbar zu machen."

(Foto: Foto: dpa)

Christian Petzold: Schon, aber nicht nur als Gegenüberstellung von Ost und West. So einfach ist es ja nicht. Im Westen ging das Sterben der Industriegesellschaft viel langsamer, deswegen sind die Gebäude nun integriert - da gibt's halt Jazz und Café in der alten Produktionshalle. Im Osten dagegen, von der Treuhand abgewickelt, stehen die Industrieruinen herum, als wäre gestern noch dort gearbeitet worden - und so ist es ja auch. Ich hatte das wie ein Modell vor mir. Als wäre das durch einen atomaren Schlag zerstört worden, die Neutronenbombe, die die Lohnarbeit getroffen hat. Mir wurde das deutlich, als ich vor einigen Jahren mit Nina Hoss in Wittenberge "Toter Mann" drehte, und wir haben damals darüber gesprochen. Und da fiel mir eine Geschichte von Ambrose Bierce ein, die mich in meiner Jugend schwer geprägt hat - und auf der nun das Drehbuch von "Yella" basiert. Und alle Leute, an denen ich ausprobiert habe, ob ich den Film, den ich mir vorstellte, erzählen kann, sagten: Ambrose Bierce.

SZ: Der Film lebt ja sehr von seinen sehr irritierenden Soundeffekten. Und in dem Hotel, wo Yella und Philipp sich einquartieren, riecht man förmlich die furnierte Spanplatte.

Petzold: Wenn das schon alles so surreal ist - ein Hotel, in dem alle Türen offen stehen -, dann muss die Spanplatte zu riechen sein. Daran haben wir lange gearbeitet! Die Geräusche der Frösche im Löschteich - diese Hotels in Gewerbegebieten haben immer einen Löschteich. Das Hotel zu filmen, hat mir viel Spaß gemacht. Ich hätte mir schon damals bei "Lost in Translation" gewünscht, dass man dieses amerikanische Hotel in Japan tatsächlich hören könnte, diese unheimliche Maschinerie. In "Yella" habe ich sehr akribisch versucht, all die kleinen Geräusche hörbar zu machen.

SZ: Ist in diesen Tönen und Bildern nicht immer auch reflektiert, wie sie entstanden sind, wie sie geschaffen wurden?

Petzold: Eigentlich finde ich es gut, wenn es eine Instanz gibt, die nur sieht, was wirklich da ist. Als ich Bettina Böhler, die meine Filme schneidet, kennenlernte, hatten wir Godard gelesen - den Aufsatz "Schnitt, meine schöne Sorge" -, und wir fanden, dass auch die Cutter mit an den Set kommen sollen. Inzwischen sagt sie, sie möchte da nicht dabei sein. Nur so kann sie sagen: Das interessiert mich nicht, dass ihr für diese Kamerafahrt sechzehn Stunden gebraucht habt, sie funktioniert trotzdem nicht. Kino ist ein Kollektiv, man muss sich ja verständigen, das ist wie bei einem Bankraub.

SZ: Es steckt ja immer konkrete Arbeit in den Bildern eines Films, wenn Wirklichkeit in ein Artefakt verwandelt wird, und die ist in den Bildern dokumentiert.

Petzold: Das ist natürlich richtig. Auch diese Geschichte mit Schlöndorff - der sich in seinem Text in der SZ fragte, wie man das eigentlich machen soll, gleichzeitig einen Kinofilm und einen Fernsehmehrteiler zu drehen -, kann man nur richtig verstehen, wenn man diese Erfahrungen gemacht hat. Das bedeutet, alle Entscheidungen sind anders, man verändert den Rhythmus. Ein Schauspieler, der Futter für den Schneideraum liefert, hat nicht dieselbe Präsenz - die physische Wahrheit ist eine andere. Das ist ein Missverständnis, das die neuen Kameras und Schnittplätze, die ganze Videokultur mit sich gebracht haben - dass man plötzlich glaubte, man könne alles in den Schneideraum verlegen. Das ist eine politische Entscheidung. Wir dokumentieren nicht mehr einen Moment konkreter Arbeit, sondern wir konstruieren und stellen retrospektiv her. Das entscheidet der, der an diesem Platz sitzt. So wird aus kollektiver Arbeit plötzlich eine individuelle, und ich denke, dass das dem Kino widerspricht. Das passt dann dazu, dass die Kinosäle aus den Städten verschwinden. Aber ich will jetzt gar nicht so pessimistisch sein - ich glaube, das Kino wird nie verschwinden. So wie sich auch die Städte immer gegen ihre Funktionalisierung wehren.

SZ: Viele positive Impulse hatte man sich vor einigen Jahren von der neugegründeten Filmakademie erhofft - der Sie ja nie beigetreten sind!

Petzold: Ich bin ja nicht unglücklich mit dieser Akademie, weil mir einzelne Köpfe dort nicht gefallen, sondern weil ich finde, das ganze ist Amerika so sehr nachgemacht, und das ist ein bisschen peinlich. Eine richtige Kinemathek wäre mir lieber gewesen. Ich habe auch Probleme mit dem Entscheidungsprozess - dass da eine Totenkiste des deutschen Films, voll mit DVDs, an 900 Leute verschickt wird. Eine Juryentscheidung, selbst eine schlechte, ist eine Erzählung, man geht ins Kino und redet darüber. Und wenn in Cannes David Cronenberg den Brüdern Dardenne eine Goldene Palme für "L'enfant" überreicht, dann ist da etwas passiert, und es gibt plötzlich eine Verbindung zwischen Cronenbergs Kino und dem der Dardennes. Martina Gedeck schwärmt immer davon, wie toll das für sie war, in der Berlinale-Jury zu sitzen. Diese Leute müssen eine gemeinsame Sprache finden, und der Diskurs muss sich brechen in der Preisverleihung.

SZ: Das ist alles ja eine Frage der Sehgewohnheiten - wie man sie entwickelt. Wenn in anderen Ländern die Bandbreite der Filme, die im Kino funktionieren, größer ist, liegt das auch daran, dass man dort den Umgang mit ihnen erlernt.

Petzold: Mikropolitik macht mich wahnsinnig, Dinge, die angefangen, dann aber nicht durchgezogen werden. Das trifft zum Beispiel auf das Ganztagsschulsystem zu, für das nichts erneuert wurde. Und was den Film in den Schulen angeht - als wir hier vor einigen Jahren einen Filmkanon erstellen sollten, habe ich mir das in Frankreich angeschaut. Die gehen dort eine Woche lang wirklich ins Kino, der Eröffnungsfilm war "Moonfleet" von Fritz Lang. Da geht es nicht um Filme, die irgendwelche Inhalte transportieren, da gibt es "Schindlers Liste" nicht. Was hier bei uns gemacht wird, ist kinoverachtend.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Christian Petzold mit Dokumentarfilmen scheitert.

SZ: Die amerikanische Academy hat viele Funktionen einer Kinemathek, sie macht historische Reihen, Seminare ...

Petzold: ...auch Kopienpflege, die haben gerade die ganzen Budd-Boetticher-Western restauriert. Bei uns gibt es Seminare über Pressekonferenzverhalten. Dabei wäre das ganz einfach: Man nimmt "Der Flug der Phoenix" von Aldrich und das Remake, und daran kann man zeigen, was in dreißig Jahren an Komplexität verlorengegangen ist. Oder Chabrols "Die untreue Frau" und das Remake von Adrian Lyne. Seit zwanzig Jahren schreien alle immer Drehbuch, Drehbuch, Drehbuch! Weil das Wilders Antwort war, was die drei Dinge sind, die ein guter Film braucht. Das Drehbuch ist da der Tauschwert, der muss nur umgesetzt werden. Man kann bei Lyne sehen, dass es nicht nur das Drehbuch ist. Im Kino sollte eine Vertiefung ins Gesellschaftliche stattfinden. Eine Tarantino-Geschichte in Frankreich oder in München - so was machen nur Filmstudenten. Das funktioniert einfach nicht. Chabrol dagegen, der hat einige Filme gemacht, die finde ich ziemlich schrecklich, aber da sieht man immer noch, was er alles kann.

SZ: Der hat halt siebzig Filme gemacht, und dass er ständig arbeiten konnte, hat natürlich auch damit zu tun, dass er soviel kann.

Petzold: Das wäre auch mein persönliches Glück - nicht in dem Sinn Künstler sein, dass ich originär Filme herstelle, sondern: Ich stehe morgens auf und gehe in ein Studio, nebenan sitzt Dominik Graf, und in den Kulissen, die er übrig ließ, darf ich auch noch was drehen.

SZ: Früher ging so was im Fernsehen.

Petzold: Aber das wird auch immer schwieriger. Ich glaube ja, dass das Event-Fernsehen in der Wiederholung keiner mehr sehen wird. Das wird hochgepuscht, aber es kann nicht für sich bestehen. Gut gemachte Dokumentationen, die mehr sind als ein Mann, der vor einer Studiowand sitzt und was erzählt, sind ja im Fernsehen auch selten geworden.

SZ: Haben Sie sich selbst mal an einem Dokumentarfilm versucht?

Petzold: Ja, aber ich bin gescheitert. Ich habe ein Mädchen gefunden, die im Osten ein Tattoo-Studio aufgemacht hatte, Face Art Royal. Harun Farocki kann das besser. Ich versuche in jeder Geschichte immer die Fiktion herzustellen.

SZ: Am Anfang von "Yella", wenn die Kamera die Straße entlangfährt, Straßenecke um Straßenecke, bricht aber doch das Dokumentarische in die Fiktion ein.

Petzold: So finde ich es ja auch richtig. Aber mir fehlt für Dokumentarfilme die Geduld. Es gibt ein Gespräch von Alexander Kluge mit dem Kameramann Thomas Mauch, und Kluge fragte ihn, was Glück ist. Und Mauch erzählt, wie er Willy Brandt filmte, und da war eine Taube, und er schwenkte ihr hinterher - und dann flog sie zurück zu Willy Brandt.