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Interview mit Chrissie Hynde:"Rock and Roll ist ziemlich durch"

„Du musst ganz schön kaputt sein, um Sängerin zu sein“, sagt Chrissie Hynde.

(Foto: Jill Furmanovsky)

Die Musikerin Chrissie Hynde, Sängerin der "Pretenders", über Jazz, Qual, Lebenserfahrung und warum man erst mit 60 Jahren richtig gute Laune kriegt.

Es war immer diese Kaltschnäuzigkeit, die Chrissie Hynde als Rockstar groß machte, egal ob sie mit ihrer Londoner Band Pretenders Anfang der Achtzigerjahre das letzte Aufbäumen des Punk in zeitlosen Rock 'n' Roll kanalisierte oder mit Popstars wie Cher, Annie Lennox und Frank Sinatra Duette sang. Über die Jahre wurde ihre Musik dann mit ihr und ihrem Publikum immer erwachsener. Deswegen konnte sie genauso souverän über Gewalt in einer kaputten Beziehung wie über die Frustrationen des Mutterlebens singen. Es ist also nur konsequent, dass sie mit 68 Jahren auf ihrem neuen Album "Valve Bone Woe" (BMG) mit großem Orchester (neben Covers von den Beach Boys und Nick Drake) vor allem Standards der Jazzgeschichte singt. Und trotzdem ist es verblüffend, wie viel Wärme und Blues sie da in ihre Stimme legen kann.

SZ: Paul McCartney, Bob Dylan, Bryan Ferry, Rod Stewart, Joni Mitchell, jetzt Sie. Woher kommt der Drang so vieler Rockstars, spät in ihrer Karriere ein Jazzalbum aufzunehmen?

Chrissie Hynde: Ich sehe das nicht so als Jazzalbum.

Im Ernst?

Die Arbeit an dem Album fing vor zehn Jahren an, als ich für einen Soundtrack Charles Trenets "I Wish You Love" aufgenommen habe (der das Album abschließt, Anm. d.Red.). Das war jedenfalls kein Jazzsong. Ich fand da vor allem den Schluss interessant, den der Produzent Marius de Vries in so ein trippy Trance-Ding verwandelt hat. Wahrscheinlich, weil der in den Abspann vom Film lief. Aber ich mag trippy, trancey, psychedelischen Scheiß und wollte da gerne weitermachen.

Na ja, und jetzt sind auf dem Album Stücke, die Billie Holiday, Nina Simone und Frank Sinatra gesungen haben, Instrumentals von John Coltrane und Charles Mingus.

Ja klar, ich mag auch Jazz. Was kann man an Jazz nicht mögen? Gut, gilt vielleicht nicht für jeden. Aber das ist die kreativste Musik des 20. Jahrhunderts. Und als Rocksängerin bekomme ich nicht so oft die Chance, was auszuprobieren. Ich würde ja auch gerne Oper singen, aber das kann man im Rock 'n' Roll schon gar nicht.

Wer sich an solches Material wagt, kommt an Sinatra nicht vorbei. Sie gehörten zu den auserwählten Pop- und Rockstars, die Anfang der Neunziger mit ihm ein Duett aufnehmen durften.

Wie war die Arbeit mit ihm? Und was bleibt davon? Ich hab' ihn nie getroffen. Die haben mir seine Aufnahme geschickt und ich musste meine Stimme draufspielen. Ich klinge da sehr unvorbereitet. Ich hatte auch wirklich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Ich habe in meinem Leben noch kein Musical gesehen. Ich mag die nicht. Deswegen kannte ich das Stück "Luck be a Lady" nicht. Alle anderen schienen das zu kennen, deswegen habe ich gesagt, jaja, schickt mal rüber. Aber dann erst wurde mir klar, in was für einer Tonart er das gesungen hatte, und dass ich das in zwei unterschiedlichen Oktaven singen musste. Aber mein Vater lebte zu der Zeit noch, den hat das damals sehr glücklich gemacht.

Sie haben auf Ihrem Album vor allem bei den Balladen diesen kaum hörbaren rauen Ansatz, mit dem ursprünglich Jazzsaxofonisten ihre Phrasierung aufbrachen, den dann Sängerinnen wie Billie Holiday übernahmen. War das bewusst?

Hey, ich bin Rocksängerin. Ich kann unmöglich analysieren, was ich da tue. Wir haben keine musikalische Ausbildung. Wir gehen nicht aufs Konservatorium. Wir versuchen uns da nur an unseren eigenen Karaokemomenten. Ich mochte es schon immer, mich an einer Idee von jemand anderem zu versuchen. Deswegen habe ich schon immer Coverversionen gesungen. Aber ich interpretiere diese Songs nicht groß, sondern singe sie ziemlich so, wie sie geschrieben wurden. Und wenn du meine Stimme magst, gut, wenn nicht, dann wird das halt nichts.

Karaokemoment ist aber sehr kokett. Sie haben die großen Standards auf dem Album ja doch sehr zu Ihren eigenen Songs gemacht.

Ich bin da aber nicht besonders ehrgeizig. Es ist natürlich kein Rockalbum. Wir spielen auch viele Jazzfestivals demnächst. Die nehmen allerdings auch jeden.

Hören Sie denn Jazz?

Die mittleren Sechzigerjahre waren immer die Zeit des Jazz, die mich angemacht hat. Das Interessante am Jazz ist, dass er richtig einen in die Fresse bekam, als der Rock 'n' Roll in den Sechzigern Fahrt aufnahm. Das war eine ziemliche Schande. Das war dann alles sehr lang im Untergrund. Bis vor Kurzem. Ich bin ja keine Expertin, aber ich habe den Eindruck, dass es derzeit die kräftigste Jazzszene seit den Sechzigerjahren gibt.

Absolut. Gerade in London.

Stimmt, da gibt es alle möglichen 25-jährigen Mädchen, die unfassbar Saxofon spielen können. Und junge Leute, die das mögen.

Warum hat Jazz Ihrer Meinung nach gerade so einen Lauf?

Na ja, der Rock 'n' Roll ist ziemlich durch. Und Leute, die jetzt 25 sind, haben wahrscheinlich Eltern, die Punk oder Hard Rock hörten, und meistens will man wirklich nicht die Musik hören, die die Eltern mochten.

Gehen Sie in diese ganzen neuen Clubs und Lofts in London?

Nicht wirklich. Ich bin so sehr mit meinem eigenen Kram beschäftigt. Aber ich bin mir sicher, wenn ich in einem Schuhladen arbeiten würde, wäre ich jeden Abend auf Gigs und würde mich richtig gut auskennen.

Für die beiden Instrumentals haben Sie sich immerhin zwei Monumente der Jazzgeschichte rausgesucht. Charles Mingus' musikalisch hochkomplexes Bürgerrechtsfanal "Meditation on a Pair of Wire Cutters" und John Coltranes "Naima", eines der emotionalsten Stücke in der Geschichte des Jazz.

Das waren zwei Stücke, die ich aus meiner Kindheit kannte und sehr mochte. Und nun ja, das ist mein Album, da kann ich machen, was ich will.

Haben Sie da Gitarre oder Klavier gespielt?

Nö. Nur ein paar Worte gesprochen. Und auf "Meditations" habe ich ein bisschen Kalimba gespielt, dieses kleine afrikanische Zupfinstrument. Aber ich hatte nie vor, diese Stücke irgendwie zu verbessern oder so. Ich singe ja auch "Absent Minded Me", das war die B-Seite auf einer Single, die ich gehört habe, als ich 14 war. Aber ich würde nicht eine Sekunde lang glauben, dass ich das auch nur ansatzweise so gut singen könnte wie Barbra Streisand.

Dann ist das Album vor allem eine Reise in Ihre eigene Vergangenheit?

Das sind einfach Songs, die ich mag. Zum Beispiel "Caroline, No" von den Beach Boys. Das war immer mein Lieblingsstück von denen. Damals fuhr ich ja eigentlich auf verrückten Rock 'n' Roll ab. Die Beach Boys schienen uns doch sehr konservativ. Wir wussten damals nicht, wie kaputt die eigentlich waren. Aber als kleinem Hippiemädchen in Ohio sprach mir "I Wish They All Could Be California Girls" nicht so aus der Seele. Nur "Caroline, No" hatte diese unfassbare Atmosphäre.

Also alles reine Nostalgie?

Nein, nein, diese Songs sind sehr emotional, da muss man schon tief schürfen, um ein Stück zu singen, das mit so viel Schmerz, Elend, Drogensucht und all diesen Sachen aufgeladen ist, das ich da raushöre. "I'm a fool to love you, I'm a fool to hold you" - das klingt für mich nach einer finsteren, krassen Drogensucht. Wenn man sich in diese Songs einarbeitet und sie wirklich singt, spürt man die Qual, die da drinsteckt. Das transportiert einen schon an ganz andere Orte.

Braucht man dafür Lebenserfahrung? Anders gefragt, hätten Sie das mit 22 auch schon singen können?

Ich nehme mal an, dass ein Schauspieler auch jede Rolle ohne große Lebenserfahrung meistern kann. Aber ich singe nur Songs, die ich im tiefsten Inneren fühle. Und zu denen ich eine Beziehung aufbauen kann. Die mir etwas bedeuten. Ich behaupte nicht, dass jeder Song, den ich je gesungen habe, eine philosophische oder emotionale Tiefe hatte. Einiges ist auch einfach nur oberflächlicher Bullshit. Aber das ist auch ein großer Spaß. Und selbst Wegwerf-Rock kommt aus Depression und Angst. Darum machen wir ja Rock 'n' Roll. Um uns über diese ganzen banalen Alltagsprobleme zu erheben. Ehrlich gesagt - du musst ganz schön kaputt sein, um Sängerin zu sein.

Sind Sie das?

Nicht mehr. Ich glaube, ich hab' das jetzt hinter mir. Wenn man 60 wird, muss man sich entscheiden, wie man mal abtreten will. Die meisten Leute, die so alt sind wie ich, wissen, was ich meine. Man hatte Eltern, die alt wurden, Kinder, verheerende Beziehungen, Suchtprobleme, Ärger mit der Karriere, mit Leuten. Jeder hat solche Probleme. Egal, wer du bist. Krankenschwester, Klempner. Jeder muss da durch. Aber irgendwann in den Sechzigern hat man das hinter sich. In meinem persönlichen Fall war das eine große Erleichterung, den harten Teil des Lebens hinter mir zu haben. Die einzige Herausforderung, mit der ich mich jetzt noch beschäftigen muss, ist der Tod.

Klingt sehr Zen.

Um ehrlich zu sein, ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie jetzt. Ich glaube, das geht vielen Leuten ganz schön auf die Nerven. Nee, echt, ich bin ganz schön gut gelaunt. Es gibt da ein schönes Zitat von George Burns, dem amerikanischen Komiker: "Wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange lebe, hätte ich besser auf mich aufgepasst." Das war vielleicht als Witz gedacht, aber da steckt ein schönes Stück Weisheit drin. Weil wenn man so 55, 60 wird und sich nicht um sich gekümmert hat, bricht alles zusammen. Man braucht da echt Disziplin. Ich glaube, ich bin so alt geworden, weil ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Na gut, erst mit 60, aber immerhin. Und dass ich schon mit 17 Vegetarierin war, das hat mir das Leben gerettet.