Süddeutsche Zeitung

Interview mit Blur-Sänger: Damon Albarn:"Es ist alles so furchtbar deprimierend hier"

Doch wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. "Blur"-Kopf Damon Albarn spricht sich hier einmal über das Leben und das neue Album seiner Cartoon-Band "The Gorillaz" aus. Und findet für Beides Bilder, die ins Schweinchenfarbene drängen.

Interview: Dirk Peitz

Als vor vier Jahren das Debütalbum der Gorillaz erschien, wusste man nicht so recht, was davon zu halten sei. Einerseits mühte sich die Plattenfirma Emi zuerst redlich, ein großes Geheimnis um die Hintergründe der Comic-Popgruppe zu machen, andererseits offenbarten sich vor der Veröffentlichung der Blur-Sänger Damon Albarn und der "Tank Girl"-Zeichner Jamie Hewlett doch noch als Urheber; einerseits schien das Konzept von fiktiven Cartoon-Charakteren kühl kalkuliert für einen Teenager-Käufermarkt - Action-Figürchen, bedruckte Bettwäsche, den üblichen Kinderzimmermüll -, andererseits klang die düster-scheppernde Hip-Hop-Musik der Gorillaz eher nach Erwachsenenunterhaltung. Die Rechnung jedenfalls ging auf: Sechs Millionen Mal verkaufte sich das Debüt, die Single "Clint Eastwood" wurde ein Welthit. Am Montag kommt nun das zweite Gorillaz-Album "Demon Days" in den Handel - und trotz wiederholter Beteuerungen, sich nicht mehr öffentlich über die Gorillaz zu äußern, weil die angeblich ein Eigenleben führen, redet Damon Albarn freundlicherweise doch wieder.

"Es ist alles so furchtbar deprimierend hier"

SZ: Vor vier Jahren wirkten die "Gorillaz" wie ein einmaliger Scherz - der Sänger von "Blur" und ein befreundeter Zeichner denken sich während einer kreativen Pause eine Cartoon-Band aus. War nach dem großen Erfolg klar, dass es eine Fortsetzung geben würde?

Albarn: Die Gorillaz waren nie als einmalige Sache gedacht. Und eigentlich wollten Jamie Hewlett und ich nach dem Album gleich einen Gorillaz-Zeichentrickfilm machen. Wir haben dann jedoch herausgefunden, dass unsere Ideen nicht mit denen unserer amerikanischen Finanzierungspartner von Dreamworks korrespondierten... Am Ende haben wir das Budget, das es bereits gab, einfach zurückgegeben. Das ist regelrecht befreiend, wenn man eine Weile umgerechnet 25 Millionen Pfund in seiner Hosentasche spazierengeführt hat - und das Geld dann zurückschickt, weil man mit seiner Integrität als Künstler nicht vereinbaren kann, wofür es rausgeschmissen werden soll. Also habe ich mich dann darauf konzentriert, ein Album aufzunehmen, das die Gorillaz-Idee weiterführt. Trotzdem wollen wir immer noch einen Film drehen.

SZ: Ein wesentlicher Aspekt der "Gorillaz" war von Anfang an, sich mit deren grotesken Musikerlegenden über die Plattenindustrie lustig zu machen...

Albarn: Das gehört immer noch dazu. Ich finde es übrigens interessant, dass es bislang keine Gorillaz-Kopie gibt. Wenn etwas so erfolgreich ist wie unsere erste Platte, erfindet die Musikindustrie normalerweise immer gleich haufenweise Nachahmerprodukte. Aber es war offenbar etwas zu kompliziert, was wir uns ausgedacht haben, um es einfach nachmachen zu können.

SZ: Sie meinen die spezifische "Gorillaz"-Kombination aus Musik und Zeichentrick, Endzeitstimmung und Satire?

Albarn: Ich glaube, dass wir etwas geschaffen haben, das auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Es war immer die Absicht, dass schon Neunjährige die Gorillaz begreifen sollten, weil die Figuren und die Musik einen gewissen Look und einen gewissen Sound haben. Aber dass auch Erwachsene dabei ihren Spaß hätten, halt mit einem anderen Zugang. Diesem Ideal fühlten wir uns beim neuen Album wieder verpflichtet. Weshalb wir auf derselben Platte Dennis Hopper und einen Kinderchor untergebracht haben.

SZ: Im Vergleich zu der Zeit des ersten "Gorillaz"-Albums hat sich an dem Musikergeschwätz übers Authentisch- und "Real"-Sein, insbesondere im Hip-Hop und im Rock, nichts geändert. Und nun kommen Sie wieder mit Ihrer total unauthentischen Comic-Band...

Albarn: Der Witz besteht darin, dass das neue Album möglicherweise realer ist und die Zeiten, in denen wir leben, authentischer reflektiert als andere heutige Popmusik.

SZ: Die melancholischen Gefühle der Comic-"Gorillaz" sind also ernst gemeint?

Albarn: Absolut. Früher habe ich wirklich ironische Musik gemacht, das "Parklife"-Album mit Blur zum Beispiel, aber die Ironie ist da völlig fehlinterpretiert worden. Die Gorillaz hingegen enthalten große und ernst gemeinte Aussagen, nur gut versteckt. Ich glaube, in den total medialisierten Zeiten, in denen wir leben, muss man den Leuten einfach drei, vier gedankliche Schritte voraus sein, damit sie einem nicht auf die Schliche kommen.

SZ: Die Gorillaz-Figuren haben etwas Postapokalyptisches...

Albarn: Tja, sie leben in einer Welt, in der zuvor etwas sehr Schlimmes passiert ist. Die vier sind wirklich ziemlich üble Mutanten.

SZ: Darf man sie deshalb als Satire auf den Zustand der sich nur noch wiederholenden Popmusik selbst verstehen?

Albarn: Das ist die Nemesis des Erfolgs: Originalität bringt das Publikum durcheinander, deshalb verliert man es umso eher, wenn man sich musikalisch ständig neu zu erfinden versucht. Wiederholung ist offenbar die Basis jeden Erfolgs. Aber es gibt eine Grenze, an der das umschlägt, und dieser Grenze habe ich immer zu entfliehen versucht.

SZ: Dementsprechend klingen die "Gorillaz" bei den drei letzten Liedern auf "Demon Days" plötzlich wie die "Beach Boys", und Dennis Hopper erzählt dazu eine merkwürdige Fabel. Darf man nach deren Sinn fragen?

Albarn: Die Idee war, ein hoffnungsvolles Ende zu entwickeln. Die Platte beginnt mit Untergangsstimmung, doch danach keimt wieder Hoffnung auf, so wie nach der dunkelsten Nacht wieder die Sonne aufgeht. Das klingt jetzt vermutlich etwas seltsam.

SZ: Stimmt. Werden die "Gorillaz" also am Ende die Popmusik retten?

Albarn: Natürlich nicht. Aber die Grundidee dieser Cartoon-Band ist hoffnungsvoll: Musik ist größer als ihr Image. Unser Problem ist doch, dass heute alles überlagert wird durch die Hysterie um Star-Gestalten. Die Jugendlichen werden regelrecht auf diese Star-Erzählungen hin abgerichtet: Junger Mensch wird berühmt, in Geld gebadet und zur Ikone für die anderen jungen Menschen. Das mag okay sein, solange dabei gute Musik entsteht. Aber in 99 Prozent der Fälle passiert das nun mal leider nicht. Die Musik ist so sekundär geworden, das ist nur noch deprimierend.

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SZ v. 21./22.05.2005
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