Süddeutsche Zeitung

Interview mit Björk:"Wir schneiden einander den Unterleib ab. Eine wunderschöne Szene."

Björk hat mal wieder in einem Film mitgewirkt. Diesmal in dem von Matthew Barney, ihrem Lebensgefährten. Darin, so sagt sie, spiele sie keine Rolle. Was aber dann? Tja, sagt Björk.

SZ: Sie haben nach den Dreharbeiten zu "Dancer in The Dark" gesagt, dass Sie nie mehr in einem Film spielen würden.

Björk: Ja, ich weiß ... außerdem haben Matthew Barney und ich, als wir zusammenkamen, einander geschworen, dass wir nie zusammenarbeiten würden. Und jetzt spiele ich in seinem Film mit. Aber es ist ja auch was völlig Anderes, ich weiß nicht mal, ob man "Drawing Restraint 9" überhaupt einen Film nennen kann.

SZ: Einiges darin erinnert schon an Lars von Triers Musical. Ihre Musik beispielsweise entsteht hier wie dort aus Umweltgeräuschen.

Björk: Das Leben kann sich in jedem Moment in Musik verwandeln. Deshalb versuche ich es zu schaffen, dass sich die Musik unmerklich in die Bilder einschleicht. Es gibt da die Szene, in der die japanischen Mädchen nach Perlen tauchen. Sie atmen, wenn sie wieder an die Oberfläche kommen, laut und schnell ein und aus. Und plötzlich wird aus dem vielschichtig gesampelten Atmen ein Song.

SZ: In der Szene mit dem Kriegsschiff wächst aus dem Stampfen der Maschinen ein Wagner'scher Bläsersatz.

Björk: Wagner hat die Filmmusik erfunden. Er hat in Bayreuth seine Musiker versteckt hinter dem Orchesterwall, so dass man nur die Sänger sieht. Die Musik ist unsichtbar, wie im Kino. In einem Film sieht man nur, dass etwas passiert, der Sound schmiegt sich den Bildern an. Ich wollte einen Schritt weiter gehen: Der Klang kommt aus den Dingen, die man sieht. Das Schiff beginnt zu klingen.

SZ: "Dancer in the Dark" war ja auch deshalb so schrecklich für Sie, weil Sie sich anscheinend extrem stark mit Ihrer Figur Selma identifiziert haben, die am Ende sterben muss. Hier spielen Sie wieder eine Frau, und am Ende ... naja, sie stirbt nicht, aber ist es soviel angenehmer, sich in einen Wal zu verwandeln?

Björk: In "Drawing Restraint 9" trete ich zwar auf, aber ich spiele keine Rolle.

SZ: Sie und Matthew Barney sind Gäste auf dem Walfängerschiff und Sie haben diese Hochzeitszeremonie, in der Sie einander lieben und verstümmeln.

Björk: Das hat nichts mit Schauspiel zu tun. Es gibt keine Handlung im traditionellen Sinn. Und wir spielen keine Charaktere mit einer Vorgeschichte, persönlicher Krise und dramatischem Text. Mit Lars gab es all diese Workshops und Dogma-therapeutische Psycho-Diskussionen. Matthew ist ein visual artist. Er glaubt nicht ans Drama. Ich musste kein Emotionen projizieren und tue in diesem Film nur die Dinge, die ich tue.

SZ: Sie schneiden einander immerhin den Unterleib ab und werden zu Walen.

Björk: Eine wunderschöne Szene. Oben auf dem Schiff schneiden sie den Wal auseinander, während wir einander in dem Hochzeitsraum aufschneiden.

SZ: Man sieht auf Ihren Gesichtern keinerlei Schmerz. Alles ist ganz ruhig.

Björk: Das ist eine poetische Transformation, eher wie ein einem Märchen. Und dazu hört man den sanften Nô-Gesang. Im Nô-Theater gibt es immer Kreaturen aus anderen Welten, Menschen verwandeln sich in Spinnen, und es geht in jedem Stück darum, wie man in eine andere Welt kommen kann. So hat diese Verstümmelung nichts Grausames, sie ist Teil der erlösenden Verwandlung. Wenn wir ineinander schneiden, ist das offene Fleisch schon kein menschliches Fleisch mehr. Es ist weiß wie bei Walen. Die Beine fallen ab, uns wachsen fötusähnliche Schwänze, dann werden wir zu Walen und schwimmen in Richtung Antarktis. Das werden Sie auch tun, wenn Sie eines Tages als Wal aufwachen. (lacht und summt ein wenig vor sich hin)

SZ: In einer Szene wird ein Walfang gezeigt. Sie haben dazu eine extrem bedrohliche Musik komponiert, ein dumpfes Pochen vieler Bläser. Haben Sie als Isländerin eine gute Beziehung zum Walfang?

Björk: Ich erinnere mich noch, als die ersten Greenpeace-Boote nach Island kamen, Leute aus Stuttgart oder Frankfurt, aus Gegenden, die verrottet und zerstört sind. Die kletterten aus ihren Booten an unsere sauberen Strände und erklärten, wie wir uns der Natur gegenüber zu verhalten hätten. Die fand ich kurios. Die Deutschen haben damals Arbeitsteilung mit den Dänen gemacht, die Kopenhagener Greenpeacer sind nach Grönland gefahren und haben den Inuit gesagt, sie sollten aufhören mit der Robbenjagd. Sollen die Leute da oben Schnee essen? - Macht es Ihnen was aus, wenn ich meinen Salat weiteresse? (lacht und summt, während sie Salat isst.)

SZ: Singen Sie eigentlich immer?

Björk: Ja, ich glaube schon.

SZ: Auch mitten in der Stadt?

Björk: In London kann man gut in den Tunnels singen. Und in New York sind die Brücken wunderbar. Da können Sie schreien, so laut Sie wollen.

SZ: Und hier in Paris?

Björk: Ich muss das heute Abend mal ausprobieren, unten an der Seine.

SZ: Kann man in Deutschland singen?

Björk: In Hamburg geht es gut an der Binnenalster, nachts. Berlin ist schwierig. Sehr viel Industrie. Aber sagen Sie, gibt es in Berlin einen Fluss? Und gibt es da Schiffe?

SZ: Ja. Björk: Gut. Matthew und ich wollen unser Haus in New York verkaufen und auf einem Hausboot leben. Dann können wir überall zum Arbeiten mit unserem Schiff hinfahren. Wie kommt man nach Berlin mit dem Schiff? Bis Hamburg würde ich selber finden. Aber dann?

SZ: Tja, hm ... also, in "Drawing Restraint 9" gibt es auf dem Schiff eine eigenartige Skulptur, eine Flüssigkeit, die anfangs zusammengehalten wird und dann auseinander fließt.

Björk: Ja, ,The Field' ... ich bin keine Kunstkritikerin oder so. Aber für mich symbolisiert es die lebensnotwendige Selbstbeherrschung oder Beschränkung. Im ,Field' steckt anfangs ein Stock. Als er aus der Skulptur gezogen wird, fließt die Skulptur auseinander, alles wird überschwemmt. Das ist das Thema des Films: die unlösbare Spannung zwischen Beschränkung und Freiheit. Ohne Disziplin gibt es keine Kreativität. Ohne Form und Beschränkung fällt alles auseinander.

SZ: Sie bezeichnen sich als strengen Workaholic. An was arbeiten Sie gerade? Björk: An gar nichts. Herrlich. Das Filmprojekt ist abgeschlossen, und wenn wir mit diesem Gespräch hier fertig sind, fahre ich für zwei Monate nach Island. Ins Landesinnere, nur Moos und Wind. Zelt, Haferflocken, ein Bach, mehr brauchen Sie nicht. Und danach - keine Ahnung.

Interview: Alex Rühle

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SZ v. 01.07.2005
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