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Interview:Mehr Spannung

In Potsdam überwiegt die historische Rekonstruktion, die Garnisonkirche oder das Stadtschloss sind Beispiele dafür. Architekt Philipp Jamme aber sieht das Potenzial konträrer Orte noch vernachlässigt.

Interview von Jan Heidtmann

SZ: Herr Jamme, wenn es um Baufragen geht, sind die Potsdamer ziemlich streitlustig. Woran liegt das?

Philipp Jamme: Potsdam ist auf der einen Seite das, was man von außen wahrnimmt: die barocke Innenstadt und die umliegenden Vorstädte, die seit dem 19. Jahrhundert entstanden sind. Der Großteil der Potsdamer lebt aber außerhalb in großen, meist sanierten Plattenbauten. So gehen die Meinungen auch sehr weit auseinander. Zwischen denen, die das Alte bewahren möchten, und denen, die Neues wollen.

Eines der Argumente, das aus der Nachwendezeit stammt und immer noch gilt, lautet: "Potsdam soll wieder schön werden." Was ist da mit "schön" gemeint?

Es gibt zum Beispiel den sehr aktiven und vernehmlichen Verein "Mitteschön!". Die Mitglieder haben einen eher konservativen Blick auf die Architektur und setzen sich für den historischen Wiederaufbau des Stadtzentrums ein. Damit prägen sie die öffentliche Diskussion. Das macht sich auch bei einzelnen Gebäuden stark bemerkbar wie der Garnisonkirche.

Philipp Jamme

Philipp Jamme ist Mitglied im Landesvorstand des BDA (Bund Deutscher Architekten) Brandenburg. Zudem engagiert sich der 57-Jährige im Stadtforum Potsdam.

(Foto: Jamme)

Um die Rekonstruktion der Garnisonkirche wird seit Jahren gestritten, vor allem, da es eine ehemalige Militärkirche ist. Nun will sich der international bekannte Architekt Daniel Libeskind engagieren. Ist das nicht ein Zeichen für Aufbruch?

Bei der Garnisonkirche zeichnet sich tatsächlich eine für Potsdam eher ungewöhnliche Entwicklung ab. Anders als ursprünglich geplant, soll neben der Kirche der Lange Stall nicht rekonstruiert werden. Stattdessen ist ein Kultur- und Kreativzentrum geplant. Das ist ein Zeichen, aber es ist auch eine der großen Ausnahmen. Der Schwerpunkt der Stadtplanung in Potsdam liegt deutlich auf der historischen Rekonstruktion. Eine zeitgemäße Architektur in größerem Stil hat kaum eine Chance.

Aber warum ist es ein Problem, wenn die historische Bausubstanz, die Potsdam nun mal hat, herausgearbeitet wird?

Wenn etwas da ist, dann halte ich es für vollkommen richtig, das zu erhalten und zu rekonstruieren. Mit all seinem Alter und mit all seinen Spuren. Wir machen das bei unseren Projekten auch. Man muss aber genau schauen, wo eine Rekonstruktion angemessen ist oder wo man lieber eine zeitgemäße Antwort finden sollte. Aber Rekonstruktion sollte nicht die Grundhaltung sein. Ich telefoniere ja heute auch mit einem Smartphone und nicht mit einem Telefon mitsamt Wählscheibe und Schnur.

Wo ist es denn Ihrer Meinung nach schiefgegangen?

Oft läuft es doch so: Es gibt eine Baulücke, da steht nichts mehr, und weil der Bauherr nicht verpflichtet werden kann, in guter Qualität zu rekonstruieren, wird da eine nur vordergründig historisierende Fassade hingestellt, häufig mit Plastikputz oder Aluminiumfenstern. Damit beeinträchtigt man doch die Authentizität und Qualität der originalen Substanz. Mit diesem Ansatz schließt man jede Reibung, jede Spannung im Stadtbild von vornherein aus.

Gehört für Sie das Stadtschloss, das komplett wieder aufgebaut wurde, auch zu diesen Bausünden? Jetzt ist dort der Brandenburgische Landtag untergebracht.

Auch das ist keine echte Rekonstruktion, sondern mehr eine Schlosskulisse. Bei der Draufsicht von oben sieht man, dass viele Teile nicht mehr dem Schloss entsprechen, sondern der Zweckmäßigkeit, um das Gebäude als Landtag nutzen zu können. Das fügt sich jetzt ein in das gesamte rekonstruierte Ensemble rund um den Alten Markt. Stadtplanerisch lässt sich das vielleicht begründen, zeitgemäß ist es nicht.

Immerhin gibt es am Landtag eine ironische Brechung. An einer Wand steht in Anlehnung an René Magritte "Ceci n'est pas un château" - "Das ist kein Schloss".

Ja, das ist eine lustige und mehrdeutig zutreffende Bemerkung. Besser hätte ich aber gefunden, wenn man an dem Platz ein neues Universitätsgebäude oder eine Bibliothek beziehungsweise Mediathek gebaut hätte. Durch die Fachhochschule direkt daneben, die jetzt abgerissen worden ist, hätte man über die Studenten anderes Leben in diesem Teil der Stadt gehalten. Aber so etwas stand niemals zur Diskussion. Das finde ich problematisch. Diese wiederherstellende Haltung hat dazu geführt, dass an der Stelle der früheren Heiliggeistkirche nun ein merkwürdig postmodernes Gebäude steht. Darin ist ein Altenheim untergebracht, aber damit trotz der Rekonstruktion das städtebauliche Dreieck mit Nikolai- und Garnisonkirche wiederhergestellt wird, wurde es als Pseudo-Kirchenschiff mitsamt Turm gebaut und der kunstgewerblichen Spitze als Abschluss.

Will man sich mit dieser konservierenden Haltung vielleicht auch vom baulichen Vielerlei im nahen Berlin abgrenzen?

Ich glaube, Potsdam ist dafür zu groß und zu unabhängig. Aber auch in Berlin wurde lange Zeit sehr homogen geplant, bis es einen neuen Schub gab. In Potsdam fehlt der einfach noch.

Potsdams Geschichte ist ja nicht nur Preußen, sondern auch die DDR. Spielt deren Architektur noch eine Rolle in der Stadt?

Ein gutes Beispiel dafür ist das "Minsk", ein Terrassenrestaurant aus der DDR. Ein sehr individuelles Gebäude für die Zeit, das in Zusammenarbeit mit Architekten aus der weißrussischen Hauptstadt entstanden ist. Es wäre abgerissen oder durch Umbau und Erweiterung entstellt worden, wenn Hasso Plattner jetzt nicht dort seine Sammlung unterbringen würde. Das ist auch deshalb so gut, weil das Minsk keine einschichtige Erinnerung an die DDR liefert. Es gab immer Leute, die sind dorthin gegangen, und andere, die es abgelehnt haben. Solch konträre Orte braucht Potsdam.

© SZ vom 04.09.2020

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