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Interview:"Ich glaube, wir üben mehr"

drei Orchestervorstände der Münchner Philharmoniker vor dem Gasteig vor der Niveadose, wie sie Stephan Haack nannte.

Sind begeistert von Valery Gergiev: Die Orchester-Musiker Stephan Haack, Matthias Ambrosius und Konstantin Sellheim (von links).

(Foto: Florian Peljak)

Seit einem Jahr spielen die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev. Der Orchester-Vorstand erzählt, was sich verändert hat

Interview von Rita Argauer

Der Amtsantritt von Valery Gergiev als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker war überschattet von Kritik. Darin ging es um seine Nähe zu Wladimir Putin, um Kunst und Freiheit. Doch allein darüber zu sprechen ist von großem Wert. Nach einem Jahr unter Gergiev erzählen nun die drei Mitglieder des Orchester-Vorstands der Philharmoniker, der Cellist Stephan Haack, der Klarinettist Matthias Ambrosius und der Bratscher Konstantin Sellheim, wie das künstlerische Arbeiten mit Gergiev ist, bevor sie die Saison am Mittwoch, 14. September, eröffnen.

SZ: Sie spielen nun ein Jahr unter Valery Gergiev. Wie ist die Stimmung im Orchester?

Stephan Haack: Am Ende der letzten Saison sind wir mit einem sehr freudigen, positiven Gefühl in den Urlaub gegangen. Die Premierenspielzeit mit unserem neuen Chef Valery Gergiev war eine Saison, die das Orchester durch die Problematik, die wir durch Maazels Tod und Thielemanns Weggang hatten, wieder zusammengeschweißt hat.

Unter Thielemann sei das Orchester gespalten gewesen, jetzt mit Gergiev ist also eine Einigung passiert. Können Sie das konkretisieren?

Matthias Ambrosius: Ich habe das nur selten erlebt, dass sich alle unsere Musiker so einig sind. Einig über die musikalische Qualität und über das, was da in den Proben passiert. Es gibt immer auch ein paar, die eher pessimistisch sind, aber über die Qualität und die Intensität seiner Arbeit lässt sich absolut nicht streiten.

Hatten Sie auch Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben?

Haack: Wir kannten Gergiev ja schon von vorher, als er noch nicht unser Chef war. Daher war uns auch klar, dass er ein sehr gefragter Mann ist und deswegen mit der Probenzeit nicht im Überschwang umgeht. Aber das Entscheidende ist nicht die Anzahl der Proben, sondern wie er diese nutzt, und das ist das hoch Erfreuliche gewesen.

Ambrosius: Ich würde eher sagen, wir hatten Befürchtungen, die nicht eingetreten sind. Denn als er wegen Lorin Maazels Tod in New York und Paris einsprang, ging alles hopplahopp. Zusammen mit seinen damals für uns noch kryptischen Bewegungen konnte man den Eindruck von Oberflächlichkeit gewinnen. Ich war erleichtert, dass sich das genaue Gegenteil herausstellte. Nämlich ein sensibler, feinsinniger und liebenswerter Mensch, der intensiv und idealistisch mit dem Orchester arbeitet.

Auf was achtet er denn in seinen Proben?

Haack: Für Gergiev ist es das Entscheidende, am Klang zu arbeiten, was mich sehr positiv an meinen Beginn hier bei den Philharmonikern mit Sergiu Celibidache erinnert. Gergiev will Kammermusik machen, auch mit einem großen Orchesterapparat. Und deshalb ist für ihn das Aufeinanderhören und das gemeinsame Wissen um das, was jeder einzelne Musiker tut, das Wichtigste!

Das klingt ja auch sehr idealistisch.

Ambrosius: Ja, und sensibel. Er merkt sofort, wenn einer ein Problem mit einer Stelle hat, oder sich nicht wohl fühlt. Dann nimmt er den Fokus da weg. Also nicht, wie man es auch kennt, dass der Finger in die Wunde gelegt wird. Das würde er sich nie erlauben. Er würde nie jemanden bloßstellen. Ich war sehr beeindruckt, wie innig er sich mit dem Orchester beschäftigt. Er kümmert sich um uns.

Sellheim: Darum geht's ihm. Dass alle zusammen was erreichen. Er leitet das Orchester nicht mit Druck oder Bestrafung. Sondern über Verständnis, so dass die Kollegen sich miteinander verständigen.

Zur Akustik in der Philharmonie, auch laut Gergiev muss sich etwas ändern. Bis jedoch umgebaut wird, arbeitet er selbst daran. Wie haben Sie das als Musiker wahrgenommen?

Ambrosius: Er läuft in den Proben durch den Raum, hört sich die Musik in allen Ecken an und versucht herauszufinden, wie was wo klingt. Mit Kraft und Lautstärke ist diesem Saal freilich nicht beizukommen. Mit Klangqualität schon eher.

Haack: Aus diesem Grund hat er ja diese vielen Sitzproben und diese vielen Veränderungen in der Aufstellung gemacht. Wir haben da alles Mögliche mit ihm ausprobiert. Auch wenn wir wissen, in circa fünf Jahren gibt es ja dann hoffentlich die große Erneuerung der Philharmonie für uns. Aber er will die Zeit bis dahin eben auch sinnvoll überbrücken.

Ambrosius: Das wichtigste ist ihm immer der Moment. Deswegen ist ihm in den Proben egal, was in fünf Jahren ist. Er will jetzt gute Konzerte machen und keine Energie an ungelegten Eiern verschwenden.

Haack: Aber trotzdem spürt man, dass er auch in die Zukunft blickt und entsprechend mit OB Reiter und Herrn Dr. Küppers redet, um hier etwas zu bewirken. Er ist dahinter her, so wie Celi damals dahinter her war. Jetzt schauen wir mal, wie die Politiker baldmöglichst entscheiden, damit wir hier im Gasteig ein gutes Pendant zu dem neuen Konzertsaal entstehen lassen. Das ist natürlich wahnsinnig wichtig, weil wir Philharmoniker konkurrenzfähig bleiben müssen.

Was hat sich denn ganz pragmatisch im Orchesteralltag verändert?

Ambrosius: Ich glaube, wir üben mehr.

Haack: Alle Kollegen wissen natürlich um den äußerst eng gestrickten Zeitplan. Das ist ja kein Geheimnis, weil Gergiev einer der gefragtesten Dirigenten weltweit ist. Man kommt natürlich hundertprozentig vorbereitet zur Probe, weil jeder weiß, da sind jetzt drei Proben plus eine Generalprobe, und das muss alles funktionieren. Also sitzen wir alle auf der Stuhlkante!

Manche Dinge löst Gergiev ja auch vergleichsweise unkonventionell - wenige Proben, relativ spontane Konzerte, Experimente mit der Aufstellung. Wie ist das für das Orchester?

Ambrosius: Gergiev lässt sich von der Emotion leiten. Deshalb klingen die Konzerte auch nie gleich. Es ist nicht so festgefahren, er etabliert eine Arbeitsweise, die sehr viel flexibler macht und damit kreativer im Moment, denn er trainiert Fähigkeiten, nicht Noten. Da kommt gar nicht so eine Routine auf. Wir schauen uns in den Proben die Dinge ganz genau im Detail, ja unter der Lupe an, um sie dann im Konzert komplett anders zu machen. Das irritiert am Anfang natürlich ein bisschen, weil man nie weiß, was dann im Konzert kommt.

Was verändert sich denn im Konzert?

Haack: In erster Linie sind das die Tempi. Er reißt uns mit. In den Proben bleibt er relativ ruhig und cool. Aber wenn es ins Konzert geht, dann gibt er hundertdreißig Prozent. Deshalb ändern sich die Tempi dann eben noch mal ein bisschen. Ich habe bisher kaum Dirigenten erlebt, die abends so abgehen. Das ist bei ihm schon extrem.

Ist das nicht auch anstrengend für Sie im Konzert immer anders zu spielen als beim Proben?

Haack: Das macht ein Konzert halt auch spannend, und als Profi muss man die Flexibilität besitzen, auf die Emotionen eines Dirigenten zu reagieren. Aber man muss diese Art, wie Gergiev dirigiert, auch wirklich zu lesen gelernt haben.

Wie kommen Sie mit dem neuen russischen Repertoire zurecht?

Haack: Schostakowitsch oder auch Prokofjew machten zum Beispiel einfach wahnsinnig viel Spaß zu spielen. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Gergiev gibt uns dieses russische Repertoire, und wir bieten ihm unseren Bruckner und das deutsche Repertoire an.

Gibt es Komponisten und Werke, die Sie gerne mit ihm spielen wollen würden?

Haack: Es würde mich sehr interessieren, wie Gergiev Werke von Haydn, Mozart, Schubert und Schumann interpretiert.

Ambrosius: Ja, der ist rein musikalisch ein so intelligenter Typ, das wäre sehr interessant.

Sellheim: Die vierte von Schubert kommt ja jetzt, das wird sehr spannend.

© SZ vom 14.09.2016

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