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Witze in der Corona-Krise:"Humor ist das Antidot zur Moral"

Smiley

Corona und Humor: "Das Szenario ist grundsätzlich als Naturkatastrophe hinzunehmen. Das lässt viel Raum für Spott." (Dieses Smiley ist allerdings aus dem Jahr 2014)

(Foto: dpa)

Helfen Witze gegen die Panik angesichts des Coronavirus? Und ab wann können sie schaden? Ein Gespräch darüber, welche Funktion Humor jetzt hat - nämlich keine.

Der Zürcher Soziologe Jörg Räwel hat vor ein paar Jahren das Buch "Humor als Kommunikationsmedium" geschrieben. Ein Gespräch über Witze in Zeiten der Corona-Pandemie und die grundsätzliche Funktion von Humor - nämlich keine.

SZ: Herr Räwel, was ist denn Ihr Favorit unter den Corona-Witzen?

Jörg Räwel: Nun, viele von den Scherzen, die ich im Zusammenhang mit Corona geschickt bekommen habe, sind doch recht ordinär. Was mich aber immer noch zum Schmunzeln bringt, ist ein Plakat der Satirepartei "Die Partei". Es gab dort den Aufruf "Hand in Hand gegen das Coronavirus: Menschenkette am 30.02."

Was macht diesen Witz für Sie so lustig?

Es ist sehr durchdachter Humor - eine Reflexion über unser instinktives Verhalten, das oft von Moral gesteuert ist. Diese Menschenkette spiegelt ja manch plötzlichen Anflug von Solidarität und "guter Moral" wider, die die Gesellschaft in Krisen überkommt. Dieser moralische Impuls wird durch das Plakat aufs Korn genommen. Humor ist das Antidot zur Moral, die ja eher unmittelbar und unüberlegt auf ein Ereignis reagiert. Für Humor dagegen braucht man Zeit und Distanz. Humor ermöglicht Abstand.

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Kann ein Thema überhaupt zu ernst sein, um darüber zu scherzen?

In letzter Instanz: ja. Wobei gerade Tabuthemen natürlich besonders reizvoll und herausfordernd für Humor sind. Denn es gibt Themen, bei denen Humor moralische oder gar rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann. Der Humor, wie auch die Kunst übrigens, bringen nämlich alternative, ungewohnte Sichtweisen auf ein Thema: In einem Witz zum Beispiel reflektiert man einen Gegenstand auf eine neue, überraschende Art und Weise.

Lachen ist okay, findet Soziologe Jörg Räwel - es gibt aber auch Dinge, über die lacht man nicht.

(Foto: Privat)

Und es gibt Themen, bei denen sich eine alternative Perspektive verbietet?

Exakt. Der Holocaust ist zum Beispiel so ein Fall. Eine spezifische Perspektive wird durch Moral und Justiz geschützt. Auch die Terroranschläge auf das World Trade Center schienen so tragisch, dass zumindest kurz nach dem Vorfall humoristische Äußerungen geächtet wurden.

Sind Witze über Corona akzeptabel?

Sind sie. Im Moment zumindest. Wir stehen ja womöglich noch am Anfang der gesamtgesellschaftlichen Krise. Da fällt es leichter zu scherzen. Momentan amüsiert man sich ja, und das ist wichtig, vor allem über die eigene, subjektive Befindlichkeit und die panischen Auswüchse der Krise bei einem selbst - etwa beim notorischen Hamsterkauf von Toilettenpapier. Hinzu kommt, dass ein Virus als Thema zunächst keinen Schuldigen kennt: Das Szenario ist grundsätzlich als Naturkatastrophe hinzunehmen. Das lässt viel Raum für Spott. Viren sind ja keine eigenständig handelnden Figuren, die moralisch haftbar gemacht werden könnten. Es bleibt insofern nichts anderes übrig, als gute, humorvolle Miene zu einem bösen, hinzunehmenden Spiel zu machen.

Wann wäre Corona-Humor nicht mehr akzeptabel?

Wohl dann, wenn die Konsequenzen gesamtgesellschaftlich noch dramatischer werden. Wenn die Massenarbeitslosigkeit kommt zum Beispiel. Aber ab einem gewissen Punkt ist das alles eine sehr subjektive Frage: Im Prinzip ist immer Schluss mit lustig, wenn man selbst betroffen ist. Noch mal: Um Humor zu haben, muss man sich distanzieren können.

Brauchen wir Humor in Krisenzeiten mehr als sonst?

Dazu muss man wohl ein paar Eigenschaften von Humor erklären.

Nur zu.

Charakteristisch beim Humor ist, dass er gewissermaßen selbstgenügsam ist. Ich habe ja schon gesagt, dass Humor durch Reflexion alternative Perspektiven auf ein Thema eröffnet. Und diese Perspektiven erzeugt er um der Alternativität selbst willen.

Er braucht also kein Ziel, keine unmittelbare Funktion?

Richtig. Kommen wir jetzt auf die Krisenzeiten. Ich meine, dass die, nennen wir sie mal: "funktionslose Funktion" des Humors gerade in Krisenzeiten von großer Bedeutung ist. Denn das sind ja Zeiten, die von starker Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Unwissenheit geprägt sind. In diesen Zeiten können wir uns nicht darauf verlassen, dass Politik, Wirtschaft oder Gesundheitssystem uns sichere Perspektiven oder Lösungen anbieten. Insofern gehört Humor mit seiner Möglichkeit, neue, kreative Perspektiven zu erzeugen, die aber hinsichtlich ihres unmittelbaren Problemlösungspotenzials sinnlos erscheinen, zum Handwerkskasten der Gesellschaft, um mit Krisen zurechtzukommen. Er ist zumindest ein kleiner Hammer für kleine Nägel. Denn in unbeständigen, gefährlichen Zeiten vermögen gegenwärtig sinnlose Perspektiven ja allenfalls Sinn in der Zukunft zu bekommen.

Was löst Humor in einer Gruppe aus?

Beim Humor in Gruppen geht es oft um gemeinsame Werte. Das, worüber man gemeinsam lacht, gibt Hinweise darauf, was man latent an Werten und Perspektiven teilt. Humor kann Gemeinschaft schaffen. Im besten, wie im schlechtesten Sinne.

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Was wäre ein schlechter Sinn?

Wenn eine rechtspopulistische Gruppe sich etwa darüber lustig macht, dass die europäischen Außengrenzen wegen Corona noch undurchdringlicher werden und damit Flüchtlinge nicht mehr in die EU kommen. Da zeigt sich, dass die Schaffung eines Gefühls der Gemeinschaftlichkeit nicht per se etwas Positives ist.

Unterscheidet sich der Krisen-Humor vom Alltagshumor?

Ich denke nicht, dass es einen grundsätzlichen Unterschied gibt. Allerdings gilt: In einer Krise verhält man sich anders als sonst. Man ist besonders aufmerksam und erkennt schnell Muster und Routinen. In dieser Achtsamkeit fallen bestimmte Stereotype, Konventionen und Regelmäßigkeiten im Verhalten von Personen auf. Diese Auffälligkeiten sind dann besonders anfällig dafür, humoristisch gebrochen zu werden - und damit schließt sich der Kreis beim erwähnten Hamsterkauf von Toilettenpapier.

© SZ.de/tmh
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