Interview: Fanny Ardant "Es ist wie ein Kunstwerk, eine Kathedrale"

Die große französische Schauspielerin äußert sich im Gespräch zu den Grundfragen des schönen Lebens und des schlimmen Sterbens - sie spricht also über die Liebe.

Déja-vu: Ein Jahr nach ¸¸8 Frauen" erneut die Paarung Ardant/Béart, fünf Jahre nach ¸¸Balzac" wieder eine starke Liebe zwischen Ardant und Depardieu . . .

"Selbst ein Hund hat das Recht, eines Tages das Weite zu suchen."

(Foto: Foto: ddp)

SZ: In "Nathalie" spielen Sie die betrogene Ehefrau . . . bei Ihrem Image - die Rollen bei Truffaut - würde man Sie eher in der Rolle der Verführerin erwarten . . .

Fanny Ardant: Die Journalisten wollen Schauspieler gern festlegen. Natürlich kann ich mich mit einer Rolle identifizieren - aber an diesem Punkt beginnt die Arbeit erst. Heute kann ich eine Heilige und morgen eine Mörderin spielen! In "Nathalie" gibt es auch solche Gegensätze. Während bei mir der Sex beinahe tödlich wirkt, ist er bei Emmanuelle Béart erotisch und verstörend.

SZ: Was hat Sie also an der Rolle der betrogenen Ehefrau besonders berührt?

Ardant: Eine frustrierte Frau, die seit langem keinen Sex mehr hatte - darauf sollte man meine Rolle nicht beschränken. Man erfährt ja nur sehr wenig über ihr sexuelles Leben. Sie ist von ihrem Mann betrogen worden und lässt sich auf das perverse Spiel ein, einen Lockvogel auf ihn anzusetzen und sich die Rendez-vous erzählen zu lassen. Das setzt eine gewisse Phantasie voraus . . .

SZ: Was verbindet das Paar, das Sie zusammen mit Gérard Depardieu spielen?

Ardant: Ich habe Anne Fontaine gesagt, dass die Geschichte nur dann Sinn macht, wenn es zwischen den beiden noch funkt. Ich wollte nicht, dass nur noch eine Art Kameradschaft besteht, dass sie sich mit einer netten Unverbindlichkeit abgefunden haben. Bloß nicht! Und wenn dann mit Nathalie der Gegenstrom auftaucht, kommt der Schmerz ins Spiel: der Schmerz, verraten, verlassen zu werden . . . Geholfen hat, dass Gérard Depardieu und ich uns gut kennen, schon öfter zusammenspielten.

SZ: Depardieu, der in letzter Zeit einen Hang zum Chargieren hat, spielt mit Ihnen erstaunlich zurückhaltend.

Ardant: Gérard fühlte sich von dieser Rolle berührt. Und da seine Figur nur ganz selten im Film auftaucht, muss er seinen Auftritten eine starke physische Präsenz geben, eine presenzia carnale, wie die Italiener sagen. Gérard hat mit echten Gefühlen gespielt und seine Figur nicht zu einem Ehemann gemacht, wie man ihm in den Boulevardkomödien begegnet.

SZ: Wie kann sich eine Frau gegen die Untreue ihres Mannes wappnen?

Ardant: Da fragen Sie jemanden, der die Untreue feiert . . . Wenn ich Untreue höre, dann höre ich den Wind weit draußen auf dem Ozean. Die Komplizenschaft ist das stärkste aller Gefühle, aber niemand gehört niemandem. Ich bin immer für die Untreue eingetreten, aber ohne den anderen damit zu erniedrigen. Selbst ein Hund hat das Recht, eines Tages das Weite zu suchen.

SZ: Die Moral spielt keine Rolle mehr beim Seitensprung, die Menschen wollen sich nicht mehr schuldig fühlen, oder?

Ardant: Es gibt die Liebe und das Leiden, aber die Moral hat dabei nichts zu suchen. Wenn eine Frau entscheidet, ihrem Mann aus Liebe treu zu sein, ist das ein Geschenk und hat nichts mit Moral zu tun. Man wird doch nicht sein ganzes Leben lang an eine Moral gebunden sein! Und in der Untreue liefert man sich dem Risiko aus, sehr unglücklich zu sein. Aber das Leben ist für mich eine Folge von Risiken, sonst würde ich mich nicht lebendig fühlen. Ich glaube, dass meine Figur in ¸¸Nathalie" nicht so sehr darunter leidet, dass ihr Mann sie betrügt. Es ist sein Satz über die Untreue: ¸¸Das ist doch normal." Das ist wie ein Messerstich für sie. Das Leiden an der Untreue ist Teil der Liebe, wenn man leidet, weiß man, dass es irgendwann wieder besser gehen wird. Eines Tages merkt man, dass wieder Blätter an den Bäumen sind.

SZ: Und wann weiß man, dass eine Liebesgeschichte beendet ist?

Ardant: Das kann man nur spüren . . . Das ist wie bei den Tieren, die ¸¸wissen", dass es bald ein Erdbeben oder eine Sturmflut geben wird. In einer langen Beziehung gibt es immer wieder Momente, in den man sich ent-liebt. Aber eines Tages erscheint dir dein Partner, der dich eine Zeitlang vernachlässigt hat, wieder geheimnisvoll und begehrenswert. Eine große Liebe ist wie ein Kunstwerk, eine Kathedrale. Dabei ist nichts sicher - in der Liebe muss man immer wachsam, intelligent sein. Und wenn das Desaster dann vor der Tür steht, darf man nicht bloß Opfer sein und sich in Szenen der Eifersucht gehen lassen oder alles um jeden Preis verstehen wollen . . . Das Ende der Liebe? Entweder die Würfel sind gefallen, oder das Spiel geht weiter und man ¸¸surft" noch umeinander herum. Wir sind alle auf gewisse Weise wie Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Pelléas und Mélisande. Sie sind alle früh gestorben - bevor sie sich gegenseitig betrügen konnten. Wegen dieser Helden der Liebe sind wir nie erwachsen geworden.

SZ: Was bleibt nach der Liebe?

Ardant: Ich antworte gerne mit einem Satz von Marguerite Duras : ¸¸Auf die Liebe zu warten ist schon Liebe." Das imaginäre Leben ist mindestens so wichtig wie das wirkliche Leben. Verliebt zu sein, im Zustand der fiebrigen Erwartung zu leben und trotz allem an die Liebe zu glauben, um dann enttäuscht zu werden - das ist eine unglaubliche Bereicherung. Ein rationaler Mensch kann sagen, nach der Liebe bleibt nichts übrig. Für mich ist entscheidend, intensiv gelebt zu haben.

Interview: Marcus Rothe