"Interstellar" in der SZ-Cinemathek:Zeiten und Epochen faltend

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Inmitten des Staubs ist da also Cooper (Matthew McConaughey), ein Witwer mit zwei Kindern und ein Maisfarmer wider Willen, denn als Ingenieur und Testpilot wird er auf der sterbenden Erde nicht mehr gebraucht. Er lebt weit in der Zukunft, einerseits. Das alte Space Shuttle der Nasa ist nur noch Erinnerung, ein vergilbtes Plastikmodell auf dem Bücherbord. Andererseits war er nie im All, zuletzt flog er Überschallmissionen auf dem Stand der Fünfzigerjahre, hungrig wie einst die Helden von Tom Wolfes "Right Stuff".

So funktioniert dieser Film: faltet die Zeiten und Epochen ineinander, wie er später auch den Raum zwischen den Galaxien falten wird, um neue Expeditionen zu ermöglichen - immer im Bund mit Einstein und der allgemeinen Relativitätstheorie. Ganz offen sehnt sich Nolan nach dem Geist der frühen Nasa, als alles noch machbar und möglich zu sein schien, als Kubricks "2001" entstand. Dieser Geist aber ist heute verloren, das weiß er und beklagt es auch. Die Schulbücher in der "Interstellar"-Welt erklären sogar, dass die Mondlandung der Amerikaner ein Fake war, eine Inszenierung im Studio.

Wer in dieser Welt also aufbricht, um noch weiter zu gehen, dorthin, wo noch nie ein Mensch gewesen ist, der kann das nicht mehr freudig und unschuldig tun. Der braucht schon die Drohung des nahen Endes im Nacken . Und da wir keine zweite Erde im Keller haben, geht es jetzt darum, ein Ausweichquartier im All zu finden. Und zwar schnell.

Dankenswerterweise hat sich in der Nähe des Saturn ein Wurmloch aufgetan - als Eingangstor zu neuen, für Menschen bewohnbaren Welten, die sonst vollständig unerreichbar wären. Unerschrockene Pioniere sind auch schon hindurchgeflogen, vor vielen Jahren, um Forschungsstationen auf fernem Geröll zu errichten - aber wie geht es ihnen jetzt? Jemand müsste mal nachschauen.

Hinter Christopher Nolans Überwältigungsbildern lauern auch Zweifel, Trauer und Verlust

Und wenn dann erst einmal ein Brückenkopf etabliert ist: Wer überwindet die Schwerkraft, wer löst die Gleichung, die Milliarden Erdbewohner ins All bringen wird? Dies verspricht Professor Brand, der Mastermind einer möglichen Rettung - wieder einmal gespielt von Michael Caine, Nolans ewiger Vaterfigur.

Als der Maisfarmer Cooper dann ausgewählt ist, Pilot dieser neuen Mission zu werden, wechselt Nolan noch einmal das Register seines Films. Jetzt geht es ganz tief ins Zwischenmenschliche - um, Träne für Träne, die Kosten des großen Plans zu bemessen. Cooper kann seiner Tochter Murph, dreizehn Jahre alt, nichts vormachen. Sie ahnt, was es bedeutet, zurückzubleiben, während gleichzeitig eine Kühlbox mit 5000 befruchteten Menscheneiern in das Raumschiff verladen wird - als Grundstock einer neuen Zivilisation. Viele Jahrzehnte wird sie ihren Vater dafür hassen.

Nur für Momente kann diese Düsternis verdrängt werden - zugunsten des gewaltigen Abenteuers, das jetzt beginnt. Neben Cooper schickt Professor Brand auch seine eigene Tochter Amelia (Anne Hathaway) mit auf die Reise, sprechende Computer-Klötze mit kalibrierbaren Humor- und Ironie-Einstellungen sind auch mit an Bord. Als der Saturn schließlich erreicht ist, sieht das Wurmloch aber gar nicht mehr wie ein Loch aus, sondern eher wie eine schillernde Kugel. Kip Thorne, ein Star der theoretischen Physik, hat bei der Berechnung dieser kosmischen Lichtspiele geholfen. Doch strenge Wissenschaft hin- oder her - Ziel ist hier, ganz wie seinerzeit bei Kubrick, das große Staunen, der quasi-psychedelische Trip.

Der einen dann auch wirklich packt und einsaugt mit der Kraft eines gewaltigen schwarzen Lochs. Viel mehr darf man gar nicht verraten, denn entscheidend ist hier das Gefühl, eine Reise ins Unbekannte zu wagen. Nur eines vielleicht: Hinter all den interstellaren Überwältigungsbildern, die man bei Bedarf sogar im gewaltigen Imax-Format sehen kann, lauern immer auch Zweifel, Trauer und Verlust.

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