Internetvideo der Woche:Mutter, ich nehme die Monatsmaschine

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Um seine Flugangst zu besiegen, verbringt ein Mann 30 Tage in einem Passagierflugzeug. Dabei löst er das größte Rätsel der Flugzeugtoilette.

C. Kortmann

Der Jet Set bewegt sich in erstaunlich unglamourösen Blechröhren. Jeder moderne Reisebus ist komfortabler ausgestattet als ein Passagierflugzeug, und man kann sich sogar ab und zu an einer Raststätte zu Zigeunerschnitzel und Dosenbohnensalat die Beine vertreten. Obwohl man beim Fliegen stundenlang in engen Sitzreihen eingequetscht ist, und die Nahrung bestenfalls Raststättenniveau erreicht, haben Flugreisen bis heute die Aura des Besonderen bewahrt. Wenn jemand partout nicht ins Flugzeug steigen will, dann meist nicht wegen akuter Unlust, sondern aus einem pathologischen Grund, der "Flugangst" heißt.

Diese, eigentlich ein natürlicher Schutzmechanismus, gilt in der globalisierten Welt als Handicap. Um sie zu besiegen, hat Mark Malkoff aus New York 30 Tage lang in einem Verkehrsflugzeug gelebt, 134 Flüge absolviert (womit er einen dieser unsinnigen Guinness-Weltrekorde aufstellte) und einige YouTube-Filme gedreht. Darin erforscht er die Dinge, die im Flugzeug merkwürdig erscheinen, denen nachzuspüren man aber nie Zeit hatte.

Mark kann den brennenden Fragen endlich in ausgedehnten Experimenten auf den Grund gehen. Er nutzt das Flugzeug als Abenteuerspielplatz und Labor: Was passiert zum Beispiel, wenn man eine Klopapierrolle komplett abwickelt, ein Ende der Papierschlange in die Flugzeugtoilette hängt und die Unterdruckspülung mit dieser unfassbaren Saugkraft betätigt?

Nun ist auch die große Neugier eines Users, der dies unbedingt von Mark wissen wollte, gestillt: Als handelte es sich um einen visuellen Spezialeffekt, saust die Papierschlange den Flugzeugkorridor entlang und wird mit einem langen Schlürfen verschlungen.

Aber Mark entdeckt nicht nur das leere Flugzeug, tanzt nachts durch die Sitzreihen und kriecht in die Handgepäckfächer, sondern er mischt sich auch unter die Passagiere. Das heißt, er kann ihnen gar nicht entgehen, wenn er etwa von seinen Experimenten erschöpft einschläft und morgens im Pyjama inmitten einer Reisegruppe auf dem Weg nach Milwaukee aufwacht.

Da sie einen Monat lang seine einzige menschliche Gesellschaft sind, beginnt Mark, die Mitflieger mit neuen Augen zu sehen. Sie werden nicht mehr nur zwischen den Polen Willkommene-Flirt-Gelegenheit und Wegen-seiner-Ess-und-Schlafgeräusche- störender-Sitznachbar wahrgenommen. Nun stehen ihre Entertainer-Qualitäten im Vordergrund: Mal singen die Passagiere für Mark, mal geben sie bereitwillig Auskunft über ihr Leben und mal plaudern sie einfach mit ihm.

Wenn der Fliegeralltag besonders zäh wird, geht Mark selbst in die Offensive und stellt allen Pasagieren die furchtbare Frage "Sind wir schon da?"

In der auch von den Rücksitzen bei langen Autofahrten bekannten Quängelfloskel offenbart sich die ganze Langeweile desjenigen, für den das Reisen jeden Erlebnischarakter eingebüßt hat; der einfach nur noch aus dem Transportmittel raus und ans Ziel will. Nach 15 Tagen, als es höchste Zeit für eine Dusche ist, kommt Mark immerhin mal kurz vor die Flugzeugtür. Im Clip "The Shower" duscht er so, als sei er Teil des Flugzeugs geworden: Auf dem Rollfeld wird er von der Flughafen-Feuerwehr gelöscht.

Ganz allein, das sieht und hört man auch in den Clips, war der Komiker und Filmemacher Mark Malkoff wohl nie im Flugzeug. Gut möglich auch, dass es sich weniger um eine gründliche Expositionstherapie gegen Flugangst denn um den Versuch einer viralen Werbekampagne für eine Fluggesellschaft handelt.

Dennoch sollte man das Krankheitsbild Flugangst einer neuen Bewertung unterziehen. Die Furcht vor einem Absturz allein kann es nicht sein, dafür ist das Riskio viel zu gering. Der Schrecken, acht Stunden lang neben einem sterbenslangweiligen Small Talker eingeklemmt zu sein, der etwa über die Unterschiede zwischen Berlin und New York spricht, ist viel größer.

Der Flugmarathon, der Mark umgerechnet 4,5 Mal um die Welt führte, zeigt einerseits, wie gewöhnlich Fliegen ist, und andererseits, dass wir trotzdem nicht aufhören, darüber zu staunen, dass wir tatsächlich abgehoben sind. Malkoffs Clips erklären die Struktur der Faszination, der zuliebe wir Dinge hinnehmen, die wir auf dem Erdboden sofort reklamieren würden. Der Geist der Zeit der Flugpioniere ist noch intakt. Selbst an Bord des billigsten Fliegers ist jeder ein kleiner Charles Lindbergh.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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