Internetvideo der Woche:In der Mitte entspringt ein Flausch

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So süß, dass man vom Anschauen Zahnweh bekommt: Welches ist das possierlichste Tier im Netz? Igel fechten die Dominanz der Katzen und Erdhörnchen an.

Christian Kortmann

Seit die Menschen in diesem Jahrzehnt begonnen haben, Internetvideos von Computer zu Computer zu schicken, hat die Eigenschaft des "Süß"-Seins einen neuen Wert entwickelt. Als süß werden Eindrücke aus einem wiedergefundenen Paradies empfunden, die meist in Tiervideos entstehen. Im Mittelpunkt dieser Clips stehen Lebewesen, die so zart, und deren Handlungen so unschuldig und anrührend sind, dass sie nur in einer besonderen Schutzsituation existieren können, weil sie sonst von der Härte des Lebens hinfortgespült würden.

Wenn Verächter solche Situationen als Heile-Welt-Kitsch bezeichnen, würde niemand widersprechen. Man weiß um die Plüschigkeit dieser Bilder, will aber nicht auf sie verzichten. Das, was potentiell süß ist, spielende Katzen, schlafende Hundewelpen, ist jedermann zugänglich, auch einem tendenziell cooleren Publikum, das aus Imagegründen zuvor niemals den Konsum von Video-Süßigkeiten zugegeben hätte. Nun kann man die Clips aus doppelter Perspektive anschauen: Still und heimlich findet man das Knuddel-Schauspiel süß. Nach außen aber gibt man vor, dass man nur mal schaut, "was die Leute im Internet gerade wieder anschauen".

So wurden possierliche Tierfilme vom Nischenprodukt zum selbstverständlichen Unterhaltungsgenre. Ob sie eine Ahnung davon haben oder nicht, traten damit auch die tierischen Darsteller in den kulturindustriellen Wettbewerb um die Vorherrschaft auf dem Süßheitssektor ein. Welches ist das süßeste Tier im Netz? Um diesen Titel konkurriert neben den Katzen, die sich stets Neues einfallen lassen, badenden Ottern und einem melodramatischen Erdhörnchen auch ein Karotten verspeisender Igel.

Er und seine Ko-Igel haben gute Chancen, Süßheitsmeister zu werden. Schließlich haben sie den Überraschungseffekt auf ihrer Seite: Sie sind durch das Internet überhaupt erst in der breiten Öffentlichkeit als süß wahrgenommen worden. Vorher führten Igel ein meist geheimes Leben. Man sieht sie sonst ja allenfalls nachts auf Kleinsttierjagd durch die Büsche huschen, hört sie schnaufen und fauchen. Nicht nur wegen ihrer stacheligen Schutzhülle lässt man sie dann in Ruhe. Man will ihnen in freier Wildbahn auch nicht zu nahe kommen, weil man ihren zurückgezogenen Lebenswandel respektiert.

Die Perspektive im Clip "Hedgehog Eating a Carrot!" zeigt die typische Igel-Pose im Netz. Er dreht dem Publikum seine weiche, schutzlose, selten gesehene Seite zu, und da sind Igel eben nicht stachelig-abweisend, sondern ganz im Gegenteil flauschig wie ein Kuscheltier. Unter dem so kräftigen wie flinken Malmen der Kiefer isst der Igel eine Karotte, und wir sehen ihn, wie wir ihn noch nicht kannten. Man erkennt seine Mimik, die beinahe menschlich wirkt, und seine Stacheln sehen tatsächlich aus wie eine knallhart gegelte Mecki-Frisur.

Um im Süßheits-Showgeschäft ganz nach oben zu kommen, genügt die reine Nahrungsaufnahme nicht. Zur langfristigen Gewährleistung von Netz-Popularität muss sich eine Tierart besondere Kunststücke einfallen lassen. So versucht sich "Uni the Hedgehog!" in seinem Video an einer Cover-Version. Er klettert in eine Papprolle, was eigentlich die Domäne einer berühmten Netz-Katze ist.

Uni entfesselt ein Spektakel der Harmlosigkeit. Er ist die Ruhe selbst, bekommt wohl genug Schlaf, kennt keinerlei Hektik und betreibt Stretching bevorzugt auf dem Rücken liegend. Wenn's ihn in den Beinen juckt, unternimmt er einen Spaziergang durch die Wohnung. Seine Welt ist weich, härter als Frottee wird's nicht. Ab und zu interessiertes Geschnüffel, ja, alles riecht okay, kein Grund zur Sorge. Hier findet der Bildschirmschoner früherer Computertage seine inhaltliche Entsprechung - diese Igel-Videos sind perfekt funktionierende Nervenschoner.

Auch Allu, ein Igel aus Finnland, enttäuscht uns in dieser Hinsicht nicht. Er ist im Clip "Sneezing Hedgehog" zu sehen, der Bilder einer Überwachungskamera zeigt.

Am Ende der kurzen Aufnahme gähnt Igel Allu und lässt sein Gähnen in ein Niesen übergehen, eine auch bei Menschen selten sich ereignende Kombination von nicht zu unterdrückenden Reizen. Auch dieser niesende Igel covert ein berühmtes Internet-Tier, und zwar das niesende Panda-Baby.

Vor allem jedoch gewährt der Clip Einblick in das nächtlich-geheime Igel-Leben. Wir sehen, dass Allu in einer Weise in die Welt blickt, die uns gar nicht fremd ist. Das Verziehen der Gesichtszüge beim Gähnen, seine menschlich-vertraute Nachtschicht-Mimik: Es wird klar, dass der Igel ein reiches, vielseitiges Leben führt. Allu kommt uns nahe, als könnten wir für einen Moment zwischen den Arten kommunizieren. Man kann aus der Igelsprache nur schwer wörtlich übersetzen - Allu sagt zu uns in etwa: "Harte Nacht, Alter, das wird eine verdammt harte Nacht!"

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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