Internetvideo der Woche Gehirnoliken lachen anders

"Bist du an Bord oder nicht?" - Wie irre das Scientology-Video von Tom Cruise wirklich ist, wird klar, wenn man die deutsche Übersetzung sieht: eine Tom-Cruise-Parodie in der Clip-Kritik.

Von Christian Kortmann

Manchmal muss man einen Gegenstand in einem bestimmten Winkel ins Licht halten, um zu erkennen, wie er wirklich beschaffen ist: Ein Komiker, der sich Dr. Herforth nennt, hat eine wörtlich ins Deutsche übersetze Parodie des Scientology-Videos gedreht, mit dem Tom Cruise vor einiger Zeit Furore machte. Dies ist bislang Dr. Herforths beste Nummer, denn es gelingt ihm, stilisiert die Stimmung des Tom-Cruise-Videos wiederzugeben. In erhellender Weise trifft er den Kern und verändert durch diese Ausleuchtung den Blick auf den Originalclip.

Wer da keine gute Laune bekommt: Dr. Herforth und Tom Cruise zeigen Zähne.

(Foto: Screenshots: sde)

Es ist ja der inszenierte Trick des Tom-Cruise-Videos, dass es wie eine Dokumentation aussieht, denn in Wirklichkeit handelt es sich um ein streng komponiertes Kunstwerk aus Sound, Sprache und Bild. "Dr. Herforth über Dr. Herforth, Gehirnolik", verkündet eine tiefe Stimme zu Beginn der Parodie: Dr. Herforth rekonstruiert den formalen Rahmen und die Atmosphäre des Scientology-Videos, das Tom Cruise in einem gedämpft-luxuriösen Salon zeigte. Das warme Lampenlicht wird zur Kerze, daneben ein Blumentopf und eine kleine Buddhastatue. Herforth trägt einen schwarzen Rolli, auf dessen Brust scheinbar ein Kaminfeuer flackert - im Original wabert eine Banderole neben einer Scientology-Medaille wie bei Hitzeflirren in der Wüste.

Wie Cruise im Original breitet Dr. Herforth die komplette Palette des darstellerischen Potentials aus: Er bewegt sich zwischen Flüstern und Schreien, zwischen dramatischem Ernst und Lachanfall, zwischen Besinnlichkeit und extrovertierter Ansprache, die sich stets eindringlich an ein Du wendet. Herforth redet über sein Dasein als Gehirnolik und guckt dabei nie in die Kamera, sondern stets das unsichtbare Gegenüber an. Es ist ein Interview ohne Fragen, ein Gespräch unter Eingeweihten, in dem Abkürzungen wie NP (Negative Person), womit Scientology-, beziehungsweise Gehirnoliken-Feinde bezeichnet werden, selbstverständlich sind.

Wer die esoterischen Codes nicht auf Anhieb versteht, weiß, dass er noch viel zu lernen hat. Dazu passt die Ausschnitthaftigkeit des Clips, der von Spiegelreflexkamerageräuschen zerhackt wird, als plaudere Dr. Herforth aus dem Nähkästchen und wir erführen nur einen Teil der großen Lehre. Schließlich kann ein Gehirnolik "neue und bessere Realitäten" formen: "Es ist ein Privileg, sich Gehirnolik nennen zu dürfen. Das muss man sich verdienen." Das Bewusstsein von sich selbst als höherem Wesen ist erstaunlich ausgeprägt: "Wenn du als Gehirnolik an einem Unfall vorbeifährst, weißt du, du bist der einzige, der wirklich helfen kann."

Manchmal wird Dr. Herforths Selbstbegeisterung so groß, dass er sie nicht mehr begrifflich erfassen kann und in lautmalerische Comicsprache abgleitet: Er habe die und die Bücher gelesen, "und Bumm!, das ist es". Oder er verfällt in ein irres, in der Kehle verstummendes Lachen, an Stellen, deren Witz man nicht versteht. Es muss sich um Insiderwitze handeln, die das Innenleben der Gehirnolikengemeinschaft noch interessanter machen.

Doch man kommt da eben nicht so leicht rein. Dr. Herforth macht zwar neugierig auf das Gehirnolikentum, schließt zugleich aber die Außenstehenden aus: Seine intensive Gestik und markante Mimik ziehen eine Grenze zwischen Innen und Außen: "Bist du an Bord oder nicht? Aber wenn du an Bord bist, dann bist du an Bord. Genau wie der Rest. Von uns. Punkt." Da tut jemand so, als würde er als Privatmann reden, benutzt zur Selbstdarstellung aber die Mittel seines Berufs, der Schauspielkunst. In der seit dieser Woche in den amerikanischen Kinos laufenden Komödie "Superhero Movie" wird Cruise' großem Scientology-Monolog ebenfalls eine parodistische Reverenz erwiesen.

Schauspieler wie Tom Cruise sind für missionarische Aufgaben prädestiniert: Sie leben die Flexibilität von Identität vor, nicht nur, wenn sie sich beim Method Acting in Fettklopse oder Hungerhaken verwandeln. Auch mit ihren privaten Images demonstrieren sie enorme Wandelbarkeit: Zwischen den Religionen hüpfen sie schon mal hin und her wie zwischen modischen Fitness-Sportarten.

Für Irritation sorgt letztlich der Umstand, dass sich nicht ergründen lässt, woher der heilige Ernst von Cruise' Videobotschaft kommt. Im Grunde geht es bei einer Scientology-Mitgliedschaft ja nur um das Zusammenleben auf Gemeindeebene, also um soziale Praxis jenseits von Beruf einer- und Intimsphäre andererseits. Man könnte sich in einer auf welchen prophetischen Grundlagen auch immer gegründeten Gemeinschaft auch einfach entspannen und nicht alle Energie auf Kontrolle und Zugangsschranken verwenden.

Diese große Verspannung, die das Leben noch schwerer macht, als es ohnehin schon ist, führt Dr. Herforth in seiner Tom-Cruise- und Scientology-Parodie vor: "Verdammt noch mal, es gibt nichts Besseres. Als da raus zu gehen und den Kampf zu kämpfen. Und auf einmal siehst du: Buff!"

"Das Leben der Anderen" live auf der Bühne, am Freitag, dem 11. April 2008, um 22 Uhr im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele: Christian Kortmann stellt die besten Internetvideos vor und diskutiert mit Matthias Günther, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, über aktuelle Netzphänomene.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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