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Internetvideo der Woche:Die Rolle ihres Lebens

Wer nicht weiß, was er sonst im Büro anstellen soll, der baut aus Kopierer und Ventilator eine Was-passiert-dann?-Maschine. Oder einen Heuschnupfen-Hut. Die besonders nützliche Clip-Kritik.

Christian Kortmann

Ein Kellner hetzt bis unters Kinn mit Geschirr beladen durchs Restaurant. Unter dem Tisch, den er gleich passieren wird, liegt ein Schäferhund, dessen buschiger Schwanz auf der anderen Seite hervorragt und in wenigen Momenten vom 120 Kilogramm wiegenden Koch plattgetreten werden wird, der soeben aus der Küchenschwingtür tritt: Was passiert dann?, fragt man Kinder angesichts solch einer Bilderbuchszene. Stundenlang können sie sich in das Reiz-Reaktions-Schema vom Schäferhundschwanz aufwärts versenken. Diese Faszination der vom Chaos ausgelösten streng rationalen Abläufe bleibt bis ins Erwachsenenalter erhalten, wie der Clip "Rube Goldberg Officeplace Contraption" zeigt.

Jeder Arbeitgeber freut sich, wenn die mühsam über Jahre degressiv und linear abgeschriebenen Arbeitsmittel so kreativ genutzt werden wie hier. Die Zutaten findet man in jeder Büroetage: der Kopierer, der Ventilator, das übliche Bürogerümpel und der Basketball des im Betriebssport engagierten Kollegen. Die Macher haben eigenen Angaben nach für die Konstruktion ihrer Kettenreaktion eine Nacht durchgearbeitet, von 23 Uhr bis 5:30 Uhr. Als der Chef und die Kollegen am Morgen ins Büro kommen, sehen sie den Räumen nicht mehr an, dass sich hier nachts Magisches ereignete. Nur das Internetvideo speichert den Geist der fordistischen Fließband-Anarchie.

Wer sich noch mehr Mühe bei der Eroberung des Sinnlosen gibt, kann am Wettbewerb der Purdue-Universität in West Lafayette, Indiana, teilnehmen, bei dem eine Maschine gebaut werden muss, die eine einfache Aufgabe möglichst kompliziert ausführt. 2008 bestand die Aufgabe darin, ein Hamburger-Brötchen mit Hackfleisch-Bulette, zwei Gemüsesorten und zwei Gewürzen zu belegen - in 20 oder mehr Schritten.

Einer der Gewinner aus der Studentengruppe "Society of Professional Engineers" spricht von der "wunderbaren Maschine", an der sein Team 4500 Stunden gearbeitet habe. Wie bei einem Spielfilm wurde ein Storyboard für den Handlungsablauf entworfen. Von den Ingenieuren verlangt ihre Aufgabe Hingabe bis zur Besessenheit, sie müssen sich in das Wesen der Maschine versenken wie das Kind ins Was-passiert-dann?-Bild. Neben dem Gewinner rattert der Lohn seiner Arbeit: Die Hamburger-Maschine pulsiert vor sich hin, als wäre sie ein lebendiges Wesen, und flößt ihrem Erbauer Schöpferstolz ein.

In der englischen Sprache werden solche Apparaturen Rube-Goldberg-Maschinen genannt. Denn der Komiker und Zeichner Rube Goldberg (1883-1970) erdachte extrem umständliche und surreale Wege, um durch den Alltag zu kommen.

Im Clip "Rube Goldberg - Something for Nothing 1940" sitzt er im Film-noir-Licht vor Lamellen und Großstadtsilhouette und vermutet ironisch, dass seine Erfindungen der Zeit voraus seien. Am Ende entdeckt der Visionär die Wasserkraft als einzige, weil regenerative Energiequelle, die die Menschheit retten kann. Der Clip demonstriert die Stärke von YouTube, nicht nur Schaufenster für Gegenwarts- Experimente, sondern auch archivarische Schatzkammer für die frühesten Tage eines Genres zu sein.

Rube-Goldberg-Maschinen sind eine Parodie auf das Es-geht-Voran des Fortschritts. Denn komplizieren manche Technologien unser Leben nicht mehr, als dass sie es erleichtern? Es ist ja fraglich, ob ein Eierkocher eine begrüßenswerte Erfindung ist, schließlich gelingen Eier mit einem Blechtopf und genauer Zeitnahme am besten.

Eine Gegen- und zugleich Sonderform der Rube-Goldberg-Maschine ist das Chindogu, japanisch für "seltsames Gerät". Ein Chindogu löst tatsächlich ein Problem, schafft aber so viele neue, dass es in der Praxis nicht eingesetzt wird: So wäre ein Hut mit Toilettenpapierabroller zwar das Beste für Heuschnupfenleidende im Sommer, aber die soziale Ächtung kaum zu ertragen.

Durch das besessene Konstruieren von Chindogus und Rube-Goldberg-Maschinen bringt man Abwechslung, Aufregung und Kreativität in eine übermäßig rationalisierte Welt. Seit Goldbergs Zeit ist die Arbeitswelt virtueller geworden und die Ablenkung und Faszination durch handfeste Kausalketten gewachsen.

Das beginnt mit den kleinen Kettenreaktionen rollender Kugelschreiber auf dem Schreibtisch und den über Bande in den Mülleimer beförderten Papierknäueln, kann aber in weit höhere Dimensionen gesteigert werden: Die Begegnung von Kopierer und Ventilator in einer Nachtschicht ist erst der Anfang.

Das Leben der Anderen wird 100: Feiern Sie mit uns am 18. September! Anlässlich der 100. Folge der Kolumne "Das Leben der Anderen" zeigt Kolumnist Christian Kortmann die besten Internet-Videos und diskutiert mit Matthias Günther von den Münchner Kammerspielen. Am 18. September 2008 um 19 Uhr im Süddeutschen Verlag in München, Eingang Färbergraben 14, U-/S-Bahn Marienplatz. Der Eintritt ist frei.

© sueddeutsche.de/sst
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