bedeckt München 13°

Internetvideo der Woche:Das Blödeln und die Bitch

Wie man in 64 ganz einfachen Schritten mit seiner Freundin Schluss macht, und wie man im Internet das wahre Leben findet: die wegweisende Clip-Kritik.

Christian Kortmann

In die Kamera reden, Video bei YouTube hochladen, schon ist man Videoblogger. Weil das so einfach ist, ist man nicht der Einzige im Netz: Viele User stellen sich auf diese effiziente Weise selbst dar, und nur wer eine eigene Erzählform entwickelt, ragt heraus. So wirkt die Userin Mememolly zunächst wie eine weitere Videobloggerin, die die maximale Ich-Bezogenheit schon im Namen trägt. In ihrem Blog bezeichnet sich die 18-Jährige als eine "huge self-obsessed bitch", als "großes selbstbesessenes Biest".

Und in den meisten ihrer Clips ist sie auch nichts weiter als das, doch in manchen Momenten entwickelt sie ein Metabewusstsein von ihrem Tun und findet gelungene Bilder dafür. Im Clip "the internet" ironisiert sie in weniger als 90 Sekunden den Umgang mit dem Netz, seitens der Nutzer wie aus Sicht eines sogenannten Internet-Stars.

Lakonisch schildert sie, wie das Internet einen Strudel entwickelt, der sie immer mehr und immer intensivere Zeit im Netz verbringen lässt. Als Mememolly sich eine vertraute Umgebung geschaffen hat, stellt sich ein Moment des Wohlgefühls ein. Doch bald merkt sie, dass sie durch das Abbilden ihres Lebens im Internet ihr Nicht-Internet-Leben vernachlässigt.

Also versucht Mememolly, den "Schwung der Dinge" wiederzufinden, indem sie darüber redet, dass ihr genau das schwerfällt: "Get back into the swing of things by talking about how you can't get back into the swing of things." Das erinnert an John Lennons Aperçu, das Leben sei das, was passiert, während man eifrig andere Pläne schmiede. Mememolly verdeutlicht diese Dialektik des Weltzugriffs im Wechsel zwischen Off-Stimme und direktem In-die-Kamera-Reden.

Zur Darstellung der Online-Welt greift sie nicht wie Hollywood aufs Hacker-Stereotyp des Nerds mit Brille und Zehn-Tage-Bart zurück, der am Notebook Codes auf Nasa-Portalen entschlüsselt, sondern findet so realistische wie stilisierte Bilder: Stecker rein, Stecker raus, Rücken zum Rechner, genervte Grimassen.

Sie widmet sich dem Gitarrespielen und anderen analogen Hobbys. Doch das Internet hat auch eine soziale Realität, die nicht unwirklicher ist als die komischen Menschen da draußen; eine Realität, nach der man Heimweh verspüren kann. Also heißt es: Zurück ins Netz, back in the highlife again!

Vorbild für Mememollys Erzählweise ist der Clip "How to break up with your girlfriend in 64 easy steps", in dem langwierige zwischenmenschliche Erfahrungen zu Ratgebernotaten werden. Langer Schmerz verwandelt sich in kurzen Schmerz, das ist der Wesen der Lakonie.

Der Macher Lev Yilmaz gibt den desillusionierten Erzähler, der so viele ähnliche Frauengeschichten erlebt hat, dass er sie nicht mehr ausformulieren muss, sondern als "Tales Of Mere Existence" aufschreibt, als Geschichten des schlichten Daseins. Dem entspricht der abstrakte Zeichenstil, der sich in der Bilderfülle des Netzes durch Reduktion Aufmerksamkeit verschafft: Flüchtig werden Strichmännchen mit Kohlestift hingeworfen, auf eine Art Butterbrotpapier, das sich lebendig wölbt und pulsiert.

Neben der formalen Parallele zeigen die Videos "the internet" und "How to break up..." auch eine inhaltliche Gemeinsamkeit zwischen Netzleben und Paarbeziehung. Beide Clips stellen den Menschen als Gewohnheitstier dar, das sich über seinen Trott im Klaren ist, dem aber Kraft und Mut fehlen, diesen zu durchbrechen. Einfacher ist es, blödes Zeug in die Kamera zu quatschen, das Video bei YouTube hochzuladen und sich so vom schlichten Dasein abzulenken.

Mit diesen schwungvollen Dingen verbringt Mememolly ihre Tage wieder, nachdem sie festgestellt hat, dass sie vom rein analogen Leben doch lieber die Finger lassen sollte. Mit dem Clip "BING BANG!" legt sie ihre Variante des lippensynchronen Playback-Singen eines Liedes vor, einem typischen YouTube-Genre. Der Original "Bing Bang"-Tanz wurde als Ausschnitt einer Mini-Playbackshow im Netz populär.

"Having fun is what it's all about!": Bei Mememolly wird "BING BANG!" zur Parodie der bisweilen blödsinnigen Spaßkultur; zu einer Parodie, deren höhnischen Charakter man nur erkennt, wenn man die Traurigkeit in ihrem Clip "the internet" gesehen hat.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

© sueddeutsche.de/rus
Zur SZ-Startseite