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Internetvideo der Video:Wer hätte das gelacht?

Voll auf Kieks: Diese Frau lacht angeblich "wie ein Esel beim Orgasmus". Aber Sie müssen erst mal die Meerschweinchen-Blondine hören: die seltsamsten Lachanfälle in der Clip-Kritik.

Christian Kortmann

Ein Lachanfall hat etwas Entlarvendes: Wenn der Lachreflex stärker als die Selbstbeherrschung ist, demonstriert man, wie es klingt, wenn man sich von Herzen freut, gestattet also intimen Einblick ins Ich. Denn Lachen ist eine jener authentischen Lautäußerungen, ähnlich dem Schnarchen oder Magenknurren, die man trotz aller gesellschaftlicher Etikette nicht vollständig kontrollieren kann. In den YouTube-Videos, die die seltsamsten Arten zu lachen präsentieren, muss also klar erkennbar sein, dass es sich um echte Lachanfälle und nicht um das bewusste lautstarke Nachahmen eines solchen handelt.

Der Clip "Crazy Girl Laugh" zeigt die Entstehung des Lachens im kausalen Zusammenhang. Man sieht einer Frau zu, die das Video eines anderen akustisch bemerkenswerten Lachanfalls vor Live-Publikum anschaut, was einmal mehr die ansteckende Wirkung des Lachens beweist.

Nach dem zögerlich-stotternden Anfang fällt die Frau mit regelmäßigen Ruhepausen in ihren wiehernden Grundrhythmus, von dem aus sie den Pegel in die Höhe treibt und von an Intensität zunehmenden Lachwellen erschüttert wird. Als Grundierung erklingt aus ihrem Computerlautsprecher das Lachen des ebenfalls amüsierten Publikums.

Die junge Frau ist in gelöster Lach-Stimmung: Mit der rechten Hand versucht sie, ihre körperlichen Reaktionen zu zügeln, doch immer wieder wirft es sie nach vorne. In der linken Hand hält sie eine Zigarette, hat vor Lachen aber weder Zeit noch Luft zum Rauchen, sondern ascht nur gewohnheitsmäßig ab. Mit den in ihrer Lieblingsposition gegen den Schreibtisch angewinkelten Beinen wird sie zu einem lebenden Sinnbild der kulturell hergestellten Selbstvergessenheit: perfekte Unterhaltung, ein Situationsgefühl, für das man sie nur beneiden kann.

Nun schrieb ein Zuschauer im Netz, dass ihre Art zu lachen an "einen Esel beim Orgasmus" erinnere. Das klingt zunächst wenig galant, ist aber eine durchaus gültige Vergleichsebene, weil der Lachanfall eine alle Normen ignorierende Entgrenzung darstellt. Erinnert sei auch an die Art von bebendem Lachen, bei dem Menschen sich vor Bauchmuskelschmerzen krümmen und von aufschreienden Kieksern zu kaum mehr hörbarem Wimmern erschlaffen, als durchlebten sie gerade mehr als nur einen kleinen Tod.

Im Clip "Crazy Hyena Laugh" wird der lachende Mann im Campingstuhl zur Attraktion seiner Clique. Eine Frau namens Christina wird gebeten, doch bitte zur Seite zu gehen, damit das Hyänenlachen zur Gänze eingefangen werden kann. Nur das weiter herumtollende Kind versteht das Seltsame an diesem Lachen nicht, weil es noch nicht genug unterschiedliche Lachvarianten kennengelernt hat und deshalb das Besondere nicht erkennt. Zwar lachen alle Menschen enthemmt, doch die meisten bleiben innerhalb eines Spektrums vertrauter Tonfolgen.

Nur wenige Ausnahmetalente ziehen mit ihrer Lachart eine Aufmerksamkeit auf sich, die eine genaue Beobachtung nahelegt. Wer am überzeugendsten auf die animalische Ebene wechselt - schließlich kommt das Lachen nicht aus dem Sprachzentrum, sondern aus einer menschheitsgeschichtlich wesentlich älteren Hirnregion -, dessen Lachanfälle werden im Netz besonders honoriert.

So gelangte auch das Meerschweinchen-Mädchen zu einiger Bekanntheit: Das hohe, in den Ultraschallbereich reichende Fiepen der extrem gutgelaunten Blondine im Clip "Crazy Drunk Girl Laugh" brandet durch den Computer wie das Heulen der Sirene eines durch die Straßenschluchten jagenden US-Polizeistreifenwagens.

Von der Darbietung fasziniert, fährt die Kamera groß auf ihr Gesicht. Die Nahaufnahme kann die Herkunft der Geräusche aber auch nicht erklären: Sie kommen einfach unkontrollierbar aus ihr heraus. Das Video führt den Echoschleifeneffekt von Lachanfällen vor: Das Lachen der Frau wurde von der guten Stimmung in der Runde ihrer Freunde ausgelöst und verstärkt dieses nun, weil alle zusammen über ihren Lachanfall lachen.

Und die Lachende genießt den Kontrollverlust sogar, weil sie weiß, dass sie hinterher, wenn sie sich mit tränenden Augen unter leichten Lach-Nachbeben wieder fängt, auf neidvolles Verständnis der anderen hoffen darf. Denn Lachen ist, wie Ratgebertanten und -onkel zu versichern nicht müde werden, doch so gesund: schmerzlindernd, den Stoffwechsel anregend und das Immunsystem stärkend.

Auf die Stimmung wirkt es besser als Kokain, und das ganz ohne Nebenwirkungen. Nur, und das ist der Haken, der uns die Lachlebenskünstler still bewundern lässt; nur kaufen kann man dieses Aufputschmittel nicht.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

© sueddeutsche.de/rus
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