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Internet:Suchtbekämpfung

Josh Hawley

Senator Josh Hawley von den Republikanern will die sozialen Medien gesetzlich streng regulieren.

(Foto: Carolyn Kaster/AP)

Der US-Senator Josh Hawley will genau jene Funktionen sozialer Netzwerke per Gesetz verbieten, die sie so erfolgreich machten. Ob er damit durchkommt?

Was für ein Vorstoß. Josh Hawley, US-Senator aus Missouri, will sozialen Medien wie Youtube, Snapchat und Facebook genau jene Techniken verbieten, die maßgeblich zu ihrer Verbreitung beigetragen haben. "Big Tech hat sich ein Geschäftsmodell der Sucht zu eigen gemacht", erklärte der Republikaner zur Vorstellung seines Gesetzentwurfs zum Social Media Addiction Reduction Technology Act (abgekürzt SMART).

Hawley meint jene manipulativen Tricks, mit denen die Unternehmen versuchen, möglichst viel Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen in ihren Apps zu binden. Laut Entwurf sollen folgende Funktionen verboten werden:

Autoplay (automatisches Abspielen): Wenige Funktionen des Internets werden so gehasst. Der Nutzer kommt auf eine Seite, die prompt und ungebeten ein Video abspielt. Es kostet Zeit und Nerven, die Videos immer wieder auszuschalten. Wer Pech hat, sieht Hässliches, Schockierendes. Nur wenige wissen, dass Browser und viele Netzwerke selbst schon heute die Möglichkeit anbieten, die Funktion abzustellen.

Endless Scrolling (endloses Scrollen): Apps wie Instagram oder Facebook sind nie zu Ende. Wer will, kann sich mit Daumen oder Maus durch die Beiträge anderer Nutzer und Werbung scrollen, bis der Akku leer ist. Endless Scrolling gilt als einer der Gründe für die lange Zeit, die Nutzer auf den Plattformen verbringen. Tristan Harris arbeitete für Google und setzt sich heute dafür ein, Technologie ohne Suchtfunktionen zu entwickeln. Vergangenen Monat erklärte er vor dem US-Kongress: "Wenn ich den Boden dieses Glases entferne und ich immer wieder Wasser oder Wein einfülle, wissen Sie nicht, wann Sie aufhören sollen, zu trinken. Dasselbe passiert in unendlich scrollenden Feeds." Um das ewige Scrollen zu unterbinden, will Hawley auch eine Pflicht zu "natürlichen Haltepunkten" einführen. Die Anbieter sollen Nutzern nicht ungefragt noch mehr Inhalte auf ihren Bildschirm laden dürfen, wenn die schon drei Minuten gescrollt haben.

Dass soziale Medien abhängig machen, ist nicht bewiesen

Badges (Abzeichen): Soziale Medien sollen Mitglieder nicht mehr mit virtuellen Trophäen dafür belohnen, dass sie mit der Plattform interagieren. Der Vorschlag zielt insbesondere auf "Snapstreaks": Nutzer von Snapchat erhalten als "Trophäe" Flammensymbole, wenn sie an drei Tagen nacheinander täglich miteinander kommuniziert haben. Diese Übertragung von Konzepten aus Computerspielen auf andere Bereiche soll Nutzer dazu bringen, den Dienst regelmäßig zu nutzen.

Pflicht zum Zeitlimit: Anbieter sollen ihre Nutzer nach 30 Minuten hinauswerfen, wenn die nicht aktiv einwilligen, länger zu bleiben. Und auch wenn sie das tun: Zum Monatsersten soll das Zeitlimit immer wieder für alle Nutzer gelten, bis die es wieder aktiv ausschalten.

Hawley plant also nicht weniger als den großen Maschinensturm gegen die Social-Media-Konzerne. Die angesprochenen Funktionen, insbesondere das endlose Scrollen, gehören zu ihrer DNA.

Facebook und Google haben in den USA und Deutschland jetzt schon Ärger mit den Behörden, weil die ihnen schlechten Datenschutz und Monopolbildung vorwerfen. Hawley versucht dagegen, die Unternehmen zu regulieren, als würden sie starke Medikamente verkaufen. Der Senator aus Missouri vertritt die religiös-konservativen Südstaaten. Er ist gegen Abtreibung, gegen den vermeintlich verderblichen Einfluss "kosmopolitischer Eliten", und von der Waffenlobby bekommt er exzellente Noten.

Seit der 39-Jährige Anfang des Jahres als derzeit jüngster Senator ins Parlament gewählt wurde, führt er einen Kreuzzug gegen die sozialen Medien. Munition für seine These liefern ihm Tristan Harris und andere Aussteiger aus der Techbranche, die vor deren negativen Auswirkungen auf die Gesundheit warnen.

Das Problem: Dass soziale Medien "süchtig" machen wie Drogen - wie Hawley behauptet - ist nicht bewiesen. Es gab zwar Versuche innerhalb der Weltgesundheitsorganisation, Internetabhängigkeit offiziell ins Register psychischer Erkrankungen aufzunehmen. Video- und Computerspielsucht steht da schon. Die Forschung ist allerdings noch am Anfang, viele dramatisch klingende Studien sind nicht aussagekräftig. Dass etwa die Nutzung sozialer Medien Depressionen auslöst, ist umstritten.

Es gibt einige Widersprüche in Hawleys Plan. Ausgerechnet Werbevideos will er von seinem Autoplay-Verbot ausnehmen. Dabei gilt das Anzeigensystem hinter Plattformen wie Facebook vielen als das eigentliche strukturelle Problem, denn deswegen tun die Webseiten alles, um die Aufmerksamkeit ihrer Besucher so lange wie möglich zu halten, um diese dann an Werbekunden zu verkaufen. Brian Feldman schreibt im Blog des New York Magazine: "Leider ist der SMART-Act sehr dumm." Hawleys Ideen seien oberflächlich, als würden Fernseher den Zuschauer nach jeder Sendung fragen, ob er die nächste wirklich sehen will. Das libertäre Magazin Reason spottete: Hawley halte Zeitverschwendung wohl für ein so großes Problem, dass der Staat sie regulieren müsse.

Allerdings hat sich auch in den marktfreundlichen USA die politische Stimmung verändert, wenn es um das Silicon Valley geht. Einst feierten Demokraten die sozialen Medien als Werkzeuge der Freiheit gegen Unterdrücker von Ägypten bis China. Republikaner erklärten die Konzerne zur neuesten Reinkarnation des amerikanischen Unternehmergeistes. Doch jetzt herrscht der "Techlash" - der Widerstand gegen die hypererfolgreichen Konzerne, die immer tiefer in Gesellschaft und Politik vordringen. Die Fronten zwischen Republikanern und Demokraten mögen unter der Präsidentschaft von Donald Trump so verhärtet sein wie lange nicht mehr, aber mit dem Silicon Valley haben sie einen gemeinsamen Blitzableiter gefunden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Die Demokraten stehen immer noch unter Schock, dass Donald Trump und seine Anhänger die Netzwerke erfolgreich zur Propagandamaschine und zu Hetzplattformen gegen Einwanderer und das liberale Amerika gemacht haben. Umso ironischer, dass auch die Republikaner sich auf die Konzerne eingeschossen haben. Sie stellen sich gerne als Opfer angeblicher Zensur von Twitter und Facebook hin. Dass Hawleys republikanische Kollegen seinen Vorschlag eines Zeitlimits mittragen, ist unwahrscheinlich. Der würde auch dazu führen, dass Nutzern nach einer halben Stunde der Zugang zu Nachrichten - und Propaganda - abgedreht wird.

Als Oberstaatsanwalt von Missouri machte sich Josh Hawley übrigens unter anderem einen Namen, indem er die großen Hersteller von Opioiden verklagte, jenen Schmerzmitteln, die schwer süchtig machen. Die verheerende Auswirkungen der Suchtepidemie, insbesondere in den armen Gegenden der USA, sind im Gegensatz zu denen sozialer Medien allerdings unbestritten.