47. Filmfestival Karlovy Vary Leila Hatami als Zugnummer

So ist die bloße Wettbewerbsnominierung in Cannes beispielsweise deutlich mehr wert als ein Sieg in Karlovy Vary. Filmemacher versuchen daher mit ihren neuen Arbeiten erst einmal in Cannes, Berlin oder Venedig unterzukommen, werden sie dort abgewiesen, wenden sie sich nach Locarno. Erst, wenn sie auch dort einen Korb bekommen, erwägen sie eine Wettbewerbsteilnahme in Karlsbad. Nicht allerdings ohne noch einmal genau zu überlegen, ob es vielleicht nicht doch besser wäre, ihren Film im "Panorama", also einer Nebenreihe der Berlinale, unterzubringen.

Die iranische Schauspielerin Leila Hatami erhält den Kristallglobus für die beste weibliche Hauptrolle beim diesjährigen Internationalen Filmfestival in Karlsbad.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Programmdirektoren wie Karel Och, die bei dieser Ausgangslage ein Festival aufwerten wollen, haben nur eine Chance: Sie müssen Trends und Talente früher erkennen als die Konkurrenz, und gemessen an dieser Herausforderung durfte man auf den Karlsbader Wettbewerb in diesem Jahr durchaus gespannt sein. Das zuletzt wegen der Arbeiten von Athina Tsangari und Giorgos Lanthimos vielgepriesene Kino Griechenlands war beispielsweise durch das Erstlingswerk "To agori troi to fagito tou pouliou - Junge isst Vogelfutter" von Ektoras Lygizos vertreten, und mit der Iranerin Leila Hatami schmückte in "Peleh akhar - Der letzte Schritt" von Ali Mosaffa eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen der vergangenen zwei Jahre die Hauptreihe des Festivals. Für ihre Darstellung der "Simin" in Asghar Farhadis "Nader und Simin - Eine Trennung" war Hatami mit dem Silbernen Bären 2011 ausgezeichnet worden, der Film räumte zudem den Hauptpreis der letztjährigen Berlinale und den diesjährigen Auslands-Oscar ab - viel mehr Glanz und Gloria kann ein Filmkünstler kaum zusammentragen.

Doch sowohl Lygizos als auch Mosaffa enttäuschten - beide Filme waren zu sehr dem sehr speziellen künstlerischen Anspruch ihres jeweiligen Machers verpflichtet als dass sie das Publikum zu erreichen vermochten.

So fiel es trotz der aktuellen Relevanz des Themas Griechenland-Krise schwer, Empathie für den hungernden Protagonisten (gespielt von Jannis Papadopoulos) in "Junge isst Vogelfutter" zu entwickeln. Weil ihn Lygizos arbiträr und meist stumm durch Athen stolpern und verzweifelt nach Essbarem für sich und seinen Kanarienvogel suchen lässt, bleibt die Figur abstrakt - der Zuschauer erfährt so gut wie nichts über den Darbenden und sein soziales Umfeld. Wenn die Mutter nur als kaum vernehmbare Stimme für ein paar Sekunden am anderen Ende des Telefons in Erscheinung tritt, dann wirkt sein verletzter Stolz ihr gegenüber zwangsläufig künstlich.

Und auch Ali Mosaffa machte es dem Zuschauer in seinem zweiten Spielfilm nicht leicht, die Entfremdung eines Ehepaares in seiner auf mehrere Zeit- und Perspektivebenen aufgespaltenen Geschichte nachzuvollziehen. Es geht darum, sich selbst zu achten, um für andere achtenswert zu bleiben - ein spannendes Thema, das der Regisseur aber so maniriert aufarbeitet, dass es blutarm bleibt und zwar trotz Leila Hatamis imposanter Leinwandpräsenz, für die sie als beste Darstellerin des Karlsbader Wettbewerbes ausgezeichnet wurde.

Magischer Realismus wertet Migrantendrama auf

Blieb die dritte große Hoffnung auf eine Entdeckung - Hüseyin Tabak, der als Zögling des mehrfachen Cannes-Gewinners Michael Haneke unweigerlich Interesse auf sich zog. Und tatsächlich hinterließ der Deutsch-Kurde bei seinem Spielfilm-Debüt "Deine Schönheit ist nichts wert..." einen starken Eindruck.

Die Geschichte des zwölfjährigen Kurdenjungen Veysel (Abdulkadir Tuncer), dem weder in der Türkei noch in Wien eine Heimat beschieden zu sein scheint, ist ergreifend, ohne ins Rührselige abzugleiten. Tabak, der mit "Deine Schönheit ist nichts wert..." sein Regiestudium an der Filmakademie Wien abschloss, verschafft dem Film ein interessantes Spannungsverhältnis, das zwischen den romantisch-idyllischen Tagträumen Veysels und der beklemmenden Realität des Immigrantendaseins entsteht. Die magisch-realistische Erzählweise funktioniert bei dieser Thematik hervorragend - erst sie verschafft dem Drama die herzergreifende Qualität.