Intellektuelle Normative Unordnung

Der amerikanische Anthropologe David Graeber und der deutsche Philosoph Axel Honneth diskutieren in Frankfurt über Fluch oder Segen der Bürokratie. Aber es wird ein eher einseitiges Gespräch.

Von Volker Breidecker

Als Heidi - Johanna Spyris ungezogenes Schweizer Landgewächs - bei ihrer Tante Dete in Frankfurt eintraf, machte sie große Augen ob der Ordnung. Ähnlich schaute an diesem Mittwoch auch der amerikanische Anarchist, Aktivist und Autor ("Schulden", 2012) David Graeber, als die Moderatorin der Veranstaltung in der überfüllten Frankfurter Stadtbibliothek sich entschuldigte. Man habe den Namen der "cluster of excellence" der Goethe-Universität ins Neudeutsche übertragen, und "Exzellenzclusters Normative Ordnungen" klingt tatsächlich ziemlich schlimm. Die Hochschulbürokratie habe das so diktiert.

Der deutsche Philosoph Axel Honneth doziert. Der US-Aktivist David Graeber lauscht bleich

Immerhin hatte Graeber in seinem neuen Buch "Bürokratie. Die Utopie der Regeln" ausgerechnet das Wort "Exzellenz" auf die Liste jener wohlklingenden, aber leeren Begriffe gesetzt, die bis in die Sprache hinein bezeugen, wie sehr bürokratische Techniken und Verfahren der Finanz- und Unternehmenswirtschaft in sämtliche Lebensbereiche eingedrungen sind. Dort berühren sie selbst die persönlichsten Details des Alltagslebens. Aus London, wo er Ethnologie lehrt, war Graeber gekommen, um mit Axel Honneth zu reden, dem Frankfurter Philosophen und Direktor des Instituts für Sozialforschung. Ihr Thema waren die "Dynamiken der verwalteten Welt". Dabei ging es auch um Graebers These von der bis zur Ununterscheidbarkeit von privaten und öffentlichen Bürokratien gediehene Fusion von Staat und Finanzwirtschaft und der Dringlichkeit einer linken Bürokratiekritik, um den Rechten nicht das Terrain zu überlassen.

Graeber eilt der Ruf "des gegenwärtig einflussreichsten radikalen Denkers" (The New Yorker) voraus. Nun hatte er keineswegs behauptet, mit seinem Buch eine umfassende Theorie der modernen Bürokratie vorzulegen. Bescheidener, aber auch herausfordernder spricht er von seinem Buch als von "einer Übung in Gesellschaftstheorie". Schon Max Weber warnte vor dem "Eisenkäfig" der Bürokratie. Nun will Graeber nicht zuletzt die Kraft der Fantasie mobilisieren - und mit ihr die spielerische Freiheit des Menschen, sich übungsweise einfach auch mal andere gesellschaftliche Verhältnisse und soziale Interaktionen vorzustellen. "Soziologische Fantasie" hieß das in Frankfurt in den Zeiten der Kritischen Theorie.

Doch statt in einer solchen Übung fand sich Graeber unversehens in einem Oberseminar wieder und wurde von seinem Diskussionspartner über die Notwendigkeit einer funktionalen Differenzierung des Bürokratiebegriffs belehrt. Bleich wie ein Prüfungskandidat verbrachte Graeber die meiste Zeit damit, Honneths Ausführungen über Vorzüge und positive Errungenschaften des öffentlichen Verwaltens sozialer Systeme, gestützt auf die Unverbrüchlichkeit des staatlichen Gewaltmonopols, aufmerksam und kopfnickend zu folgen. Da redeten nicht nur zwei unterschiedliche Temperamente, sondern auch zwei Schulen des soziologischen Denkens aneinander vorbei.

Graeber gilt in Deutschland als Anthropologe. In den USA ist dies seit Begründung jener berühmten Chicago School um die Simmel-Schüler Louis Wirth und Robert Park, in deren Tradition Graeber steht, gleichbedeutend mit Sozialanthropologie. Und wo andere in Kategorien von System und Funktion denken, zielt man dort - auch um den Preis begrifflicher Unschärfen - eher auf symbolische und rituelle Handlungen jenseits des Reichs der ökonomisch diktierten Zwecke.

Graebers Diagnose, dass die Linke auch in Deutschland jede gesellschaftliche und politische Vision abgelegt und sich in der - wie es einmal hieß - vollends "verwalteten Welt" bequem eingerichtet habe, fand in dieser Hinsicht Bestätigung.