Süddeutsche Zeitung

Inszenierung von Religion:Wir werden euch rocken!

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Religiöse Inszenierungen passen durchaus zu populärer Eventkultur. Auf der ganzen Welt wird Religion daher als Großereignis in Szene gesetzt - nur nicht in Deutschland. Das größte Problem bei der Inszenierung von Religion bleibt, dass sich Glaube und Einkehr nicht kollektivieren lassen.

Felix Stephan

Wenn man sich ein wenig auf die Suche begibt, kann man in den gründlich säkularisierten Innenstadtbezirken der Hauptstadt derzeit erleben, wie einzelne Berliner Kirchengemeinden versuchen, sich den medialen Sehgewohnheiten der Gegenwart anzupassen. Sie schicken ihre jüngeren Mitglieder jeden Sonntag in Bars, Klubs oder Kinos, um dort in informeller Atmosphäre den Herren zu preisen. Die jungen Christen singen selbstkomponierte Songs über Liebe und Gewissheit, es gibt Erdnussflips und Cola. Meist finden diese Gottesdienste am späten Nachmittag statt, man möchte auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen.

Als die Künstlerinnen Dorothea Nold und Magdalena Kallenberger am vergangenen Wochenende nun diese lockeren Gebetsperformances in das Haus der Kulturen der Welt brachten für die Konferenz "Global Prayers", drängte sich die Frage auf, ob der Ursprung des chronischen Niedergangs traditioneller Gemeindestrukturen hierzulande vielleicht weniger in den kirchlichen Botschaften selbst, als vielmehr in der grandios unzulänglichen Bühnenrede liegt. Zwei dieser Gemeindebands bespielten in der Konferenz als lebende Installation die ehrwürdige Kongresshalle. Wie Nold und Kallenberger die eifrigen Sängerknaben im Hipstergewand nebst Büfetttafeln ausstellten, hatte etwas Herzloses. Sollte es dem religiösen Zeremoniell tatsächlich um die Stiftung von Gemeinschaft gehen, sind Pop-Propheten vom Range der französischen Elektroband Justice weit enteilt. Selbst das außerkörperliche Erlösungserlebnis bekommt man dort verlässlicher.

Dass religiöse Inszenierungen durchaus auch im Kontext populärer Eventkultur mithalten können, führen indes jeden Tag zahllose religiöse Gemeinschaften vor, die rund um den Globus die Sehnsüchte und Leidenschaften breiter Bevölkerungsschichten kanalisieren. In London mieten sich etwa westafrikanische Pfingstgemeinden in stillgelegte Gewerbehallen ein und beschwören den heiligen Geist unter Einsatz aufwendiger Projektions- und Klangtechnik. In Lagos unterhält die korrupte und elitäre "Redeemed Christian Church of God" den größten Saal der Metropole und versammelt wöchentlich Hunderttausende. In Brasilien befinden sich auf vielen evangelikalen Events mehr Menschen in Trance als auf einem Shakira-Konzert. Und in Indonesien werden die gigantischen Großveranstaltungen der muslimischen Habib-Brüder von Twitterbotschaften und riesigen Projektionen begleitet.

Medialisierte Umwidmung des religiösen Erlebens

Diese medialisierte Umwidmung des religiösen Erlebens kann auch uns nicht unberührt lassen. Im Zuge der Globalisierung hat alles, was in Lagos und Jakarta passiert, Auswirkungen auf Berlin und Paris, wie die Oxford-Anthropologin Kristine Krause formulierte. Jakarta ist unter uns. Dass in London am Sonntagvormittag eine afrikanische Gemeinde ihre Gottesdienste im Dominion Theatre abhält, in dem sonst jeden Abend das Queen-Musical läuft, könnte so eine Rückkopplung sein. Über dem Eingang prangt dort der programmatische Titel der Revue: "We will rock you".

Man sollte sich allerdings hüten, die weit verbreitete Religiosität und die leicht ordinär-effekthascherische Bildsprache, die damit einhergeht, mit der Rückständigkeit der Länder zu erklären, die sie hervorbringen. Nach derzeitigem Forschungsstand scheint es im Gegenteil eher so zu sein, dass gerade vermeintliche Modernisierungsprozesse wie Demokratisierung und wirtschaftliche Liberalisierung die Menschen in diesen Ländern in die Freikirchen treiben.

Die globale Ausnahme ist in diesem Zusammenhang das westliche Europa, wie die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally sagte: Seitdem hier die Aufklärung französischer Prägung wirke, werde Religion tendenziell als historischer Irrtum behandelt, den es zu überwinden gelte. Ob die Kirche eine gesellschaftliche Institution sein müsse, könne man gern diskutieren - Religion als festen Bestandteil menschlicher Weltwahrnehmung sicher nicht. Die radikale Säkularisierung der Gesellschaft, wie sie in Westeuropa jahrhundertelang betrieben wurde, habe sich zu keinem Zeitpunkt als umfassendes Welterklärungsmodell durchsetzen können. Die Rede von der fortschreitenden "Re-Mythisierung der Welt" lieferte das wirkliche Leitmotiv der "Global Prayers"-Konferenz.

Das größte Problem bei der Inszenierung von Religion bleibt, dass sich Glaube und Einkehr, ernsthaft betrieben, einfach nicht kollektivieren lassen. Anders als sein Vorgänger Johannes Paul II. legt deshalb Benedikt XVI. großen Wert darauf, dass bei katholischen Großevents auf populäre Publikumsäußerungen wie Sprechchöre oder selbstgemalte Plakate verzichtet wird. Trotzdem hat auch er keine Chance gegen die Medialisierung der Welt. Hubert Knoblauch wies vor kurzem auf eine vielsagende Szene hin, die sich während des jüngsten Papstbesuches im Berliner Olympiastadion ereignete: Als Benedikt durch die Menschenmenge Richtung Bühne fuhr, fotografierte ihn eine Ordensschwester aus einiger Distanz mit ihrem Smartphone. In dem Moment, in dem er direkt an ihr vorbeifuhr, wandte sie ihm den Rücken zu und zeigte ihren entzückten Freundinnen den Schnappschuss. Diese kleine Geste ist so etwas wie der Schlüsselmoment unseres jungen Jahrhunderts. Näher wird sie ihm nicht mehr kommen.

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SZ vom 28.02.2012/jüsc/pak
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