Inszenierung von Religion:Medialisierte Umwidmung des religiösen Erlebens

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Diese medialisierte Umwidmung des religiösen Erlebens kann auch uns nicht unberührt lassen. Im Zuge der Globalisierung hat alles, was in Lagos und Jakarta passiert, Auswirkungen auf Berlin und Paris, wie die Oxford-Anthropologin Kristine Krause formulierte. Jakarta ist unter uns. Dass in London am Sonntagvormittag eine afrikanische Gemeinde ihre Gottesdienste im Dominion Theatre abhält, in dem sonst jeden Abend das Queen-Musical läuft, könnte so eine Rückkopplung sein. Über dem Eingang prangt dort der programmatische Titel der Revue: "We will rock you".

Papstbesuch kostete Erzbistum Freiburg 21,9 Millionen Euro

Papst Benedikt XVI. winkt bei seinem Besuch in Freiburg aus dem Papamobil.

(Foto: dapd)

Man sollte sich allerdings hüten, die weit verbreitete Religiosität und die leicht ordinär-effekthascherische Bildsprache, die damit einhergeht, mit der Rückständigkeit der Länder zu erklären, die sie hervorbringen. Nach derzeitigem Forschungsstand scheint es im Gegenteil eher so zu sein, dass gerade vermeintliche Modernisierungsprozesse wie Demokratisierung und wirtschaftliche Liberalisierung die Menschen in diesen Ländern in die Freikirchen treiben.

Die globale Ausnahme ist in diesem Zusammenhang das westliche Europa, wie die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally sagte: Seitdem hier die Aufklärung französischer Prägung wirke, werde Religion tendenziell als historischer Irrtum behandelt, den es zu überwinden gelte. Ob die Kirche eine gesellschaftliche Institution sein müsse, könne man gern diskutieren - Religion als festen Bestandteil menschlicher Weltwahrnehmung sicher nicht. Die radikale Säkularisierung der Gesellschaft, wie sie in Westeuropa jahrhundertelang betrieben wurde, habe sich zu keinem Zeitpunkt als umfassendes Welterklärungsmodell durchsetzen können. Die Rede von der fortschreitenden "Re-Mythisierung der Welt" lieferte das wirkliche Leitmotiv der "Global Prayers"-Konferenz.

Das größte Problem bei der Inszenierung von Religion bleibt, dass sich Glaube und Einkehr, ernsthaft betrieben, einfach nicht kollektivieren lassen. Anders als sein Vorgänger Johannes Paul II. legt deshalb Benedikt XVI. großen Wert darauf, dass bei katholischen Großevents auf populäre Publikumsäußerungen wie Sprechchöre oder selbstgemalte Plakate verzichtet wird. Trotzdem hat auch er keine Chance gegen die Medialisierung der Welt. Hubert Knoblauch wies vor kurzem auf eine vielsagende Szene hin, die sich während des jüngsten Papstbesuches im Berliner Olympiastadion ereignete: Als Benedikt durch die Menschenmenge Richtung Bühne fuhr, fotografierte ihn eine Ordensschwester aus einiger Distanz mit ihrem Smartphone. In dem Moment, in dem er direkt an ihr vorbeifuhr, wandte sie ihm den Rücken zu und zeigte ihren entzückten Freundinnen den Schnappschuss. Diese kleine Geste ist so etwas wie der Schlüsselmoment unseres jungen Jahrhunderts. Näher wird sie ihm nicht mehr kommen.

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