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Institut für Zeitgeschichte:Der Autor wittert überall Kommunisten - auch bei der Welt und der Süddeutschen Zeitung

Das IfZ ist seit Längerem mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte beschäftigt, doch würden sich "solche geheimdienstlichen Zusammenhänge natürlich nicht in unseren eigenen Akten widerspiegeln", wie der heutige Direktor Andreas Wirsching gegenüber der Süddeutschen Zeitung betont.

Ganz unbekannt kann diese von Pullach aus dirigierte Umbesetzung aber nicht sein, denn im Hausarchiv findet sich unter der Signatur ED 91/44 ein 1969 protokollierter Zeugenbericht des von Speidel und Kroll abgelehnten Geyr: "Als ich Speidel wieder begegnete, der im Kuratorium des Instituts für Zeitgeschichte zusammen mit dem Nichtarier Auerbach und dem Bundespräsidenten Heuß wirkte, fragte ich ihn: 'Wie können Sie Förtsch zum Bearbeiter der militärischen Geschichte des 2. Weltkrieges zulassen.", antwortete er mit einer gewissen Schärfe: 'Das habe nicht ich gemacht, das hat Gehlen veranlaßt.'"

Hermann Foertsch trägt den Decknamen "Viersen". Sich selber bezeichnet er als "Anfänger auf dem Gebiet wissenschaftlicher Arbeit", doch er erhält den Auftrag, eine Studie über die Fritsch-Krise zu verfassen, in der er, wie Wirsching mit Blick auf die schon 1951 kritische Resonanz betont, "als Mitlebender die Rolle der Wehrmacht im Sinne eines tragischen 'Verhängnisses' interpretierte und die tatsächlichen Verantwortlichkeiten eher verschleierte".

Für den Militärhistoriker Dieter Krüger hatten "Speidel und Gehlen sichergestellt, dass kein Historiker, sondern einer der ihren, also ein ehemaliger Generalstabsoffizier, sich um die militärische Zeitgeschichte kümmerte".

Die Herausgabe der "Führerprotokolle" sollte hinausgezögert werden

Bei Foertsch folgt das gleiche Wechselspiel wie bei Langkau, denn im Ernstfall ist der Geheimdienst doch wichtiger als die Wissenschaft: "Wir haben uns entschlossen, Förtsch für eine besondere Aufgabe zu uns zu nehmen", schreibt Horst von Mellenthin, Deckname "Merker", am 1. Juli 1952 aus Pullach an "meinen lieben Speidel" und endet "Mit herzlichen Grüßen auch vom Dr." Das Doppelspiel macht Speidel keine Mühe, nicht ohne Grund freut sich Mellenthin über die "restlose Übereinstimmung der Auffassungen" zwischen den ehemaligen Wehrmachtsgenerälen Mellenthin, Gehlen und Speidel.

Die Besetzungspolitik muss da noch nicht enden. Mellenthin empfiehlt als Foertschs Nachfolger einen weiteren General, Erich Schmidt-Richberg: "Wir haben ihn gemeinsam mit Förtsch schon seit längerer Zeit geprüft und festgestellt, daß er für diese Tätigkeit besonders geeignet ist." Speidel unterstützt dies nach Kräften, bearbeitet den neuen IfZ-Generalsekretär Hermann Mau. Die Bestallung scheitert nur, weil die Mittel für die Stelle vom zuständigen Bonner Staatssekretär nicht genehmigt werden.

Hermann Foertsch

Hermann Foertsch, einst Generalstabsoffizier, dann plötzlich Militärhistoriker.

(Foto: SZ Photo)

Die Wehrmachtsgeschichtsschreibung soll da noch nicht enden, und die Wissenschaft kann sich ihre Freiheit von übergeordneten Interessen nur mühsam erkämpfen. Kurz vor Weihnachten 1960 wendet sich Reinhard Gehlen an den "sehr verehrten, lieben Herrn Speidel", der inzwischen als Nato-General in Fontainebleau residiert. Er hat eine Bitte.

Das Institut für Zeitgeschichte plant eine Ausgabe der sogenannten Führerprotokolle, die bei den Gesprächen der Wehrmachtsgeneräle mit ihrem Oberbefehlshaber, mit Adolf Hitler, niedergelegt wurden. Gehlen fürchtet durch die Veröffentlichung Angriffe auf seinen Kriegsvorgesetzten Adolf Heusinger, der ihm bis zu seiner Aufnahme in die Bundeswehr unter dem Decknamen "Horn" diente und mittlerweile zum Generalinspekteur der Bundeswehr avanciert ist.

Eine neuerliche Intervention sei zwar möglich, aber "schlecht motiviert". Er wäre ihm, Speidel, "daher dankbar, wenn Sie prüfen könnten, ob Sie beim Beirat des Instituts eine Verzögerung der Herausgabe der 'Führerprotokolle' erreichen könnten".

"Bisher", so Gehlen in dem bis heute unbekannten Schreiben, "konnte eine Veröffentlichung durch indirekte Interventionen des Verteidigungsministeriums zwar nicht verhindert, so doch verzögert werden." Das mit den Interventionen trifft zu. Im Juli des Vorjahres hatte sich Ministerialrat Karl-Ulrich Hagelberg aus dem Innenministerium an Helmut Krausnick gewandt, der jetzt Direktor des IfZ war, und vor einer möglichen Anstachelung zur "Hetze der SBZ gegen mehrere führende Persönlichkeiten der heutigen Bundeswehr" gewarnt. SBZ steht für Sowjetische Besatzungszone - die DDR.

General Speidel habe sich die "Bedenken des Verteidigungsministeriums zu eigen gemacht", behauptet Hagelberg in kaum missverständlichem Ton. Krausnick lässt den Fall untersuchen und antwortet zwei Wochen später beherzt. Ganz im Gegenteil habe der General bei genauer Prüfung keine Passagen gefunden, "die geeignet sein könnten, Befürchtungen der bezeichneten Art auszulösen".

Hagelberg lässt nicht locker und wendet sich am 1. September 1959 erneut an Krausnick mit dem Hinweis, dass er großen Wert darauf lege, "daß wir uns vorher in irgendeiner Form mit dem Bundesverteidigungsministerium arrangieren". Krausnick hält Hagelberg hin und schreibt ihm schließlich am 2. Februar 1960, dass er seinerseits mit einem Propagandaoffizier der Bundeswehr gesprochen habe. Der habe "aus freien Stücken betont, daß das Verteidigungsministerium selbstverständlich nicht das Recht habe, das Institut in seinen Publikationen zu beeinflussen".

Ein Dossier über Journalisten

Am 31. August 1962 wird der Band mit den Führerprotokollen nach jahrelanger Bearbeitung endlich verschickt. Heusinger ist darin knapp und belanglos erwähnt, und am 5. September kommt eine Antwort Speidels, der dem Herausgeber Helmut Heiber und dem Institut zu dem Werk gratuliert.

Reinhard Gehlen verstand seine von den USA begründete und finanzierte Organisation, die er 1956 in die Bundeshoheit überführen konnte, als wissenschaftliche Einrichtung und schwärmte von der "harten, intensiven Arbeit mit gutem geisteswissenschaftlichen Niveau", die der BND leiste.

Nachdem sein Einfluss beim Institut für Zeitgeschichte doch nachließ, setzte der Geheimdienst-General seine Hoffnung auf ein anderes Unternehmen, die Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen, die, wie Wikipedia keusch formuliert, "auf private Initiative hin" gegründet wurde. Im ersten Halbjahr 1964 leistet der BND eine Anschubfinanzierung von 254 508 Mark, erhält das Geld aber später vom Außenministerium zurück.

Im Juli 1965 wird Klaus Ritter, der mit Gehlen schon 1942 als Aufklärer bei Fremde Heere Ost zusammengearbeitet hat, noch schnell zum "Direktor im BND" und auf eine B-3-Stelle befördert. In seinem Abschiedsbrief an Gehlen vom 23. Dezember 1965 - als Absender erscheint noch der BND-Deckname "Dr. Röhl", die Unterschrift leistet bereits "Ihr Ihnen stets sehr ergebener Klaus Ritter" - betont der ehemalige Offizier, dass er den Beginn der "hiesigen Aufgabe meinerseits nicht als eine Trennung verstehen" will. Gehlen hat die Stelle markiert.

In seiner Antwort geht er ausdrücklich darauf ein. Er versichert dem langjährigen leitenden Mitarbeiter, "daß wir Sie, wenn auch nicht formal, so aber jedenfalls ideell als Angehörigen unseres Personenkreises betrachten".

Wie sehr Ritter zu diesem Personenkreis gehörte, beweist ein Dossier, das er, nach Erkenntnis des Zeithistorikers Gerhard Sälter, 1953 für die CIA anlegte. Es befasst sich mit der angeblich linken oder sogar kommunistischen Presse in Westdeutschland. Die Akte ist im Bundesarchiv einsehbar, allerdings sind noch heute einige Seiten gesperrt. Der Autor entdeckt überall Kommunisten, bei der Welt, bei der Frankfurter Rundschau und bei der Süddeutschen Zeitung.

Deren Chefredakteur Werner Friedmann sei wie der Stellvertreter Hermann Proebst ",ansprechbar' im östlichen Sinne", der Innenpolitikredakteur Ernst Müller-Meiningen jr. gar mit dem berüchtigten Kommunisten Arnolt Bronnen befreundet. Ritter empfiehlt eine "genauere Überprüfung der Redaktionsstäbe".

Klaus Ritter, der das Institut in Ebenhausen bis 1988 führte, starb 2015 hochgeachtet im Alter von 96 Jahren. Hans Buchheim, den es 1965 so sehr nach einer BND-gestützten Stelle verlangt hatte, dass er sich auch bei Ritter bewarb, erhielt schließlich eine Professur in Mainz. Zu seinen vielen Schülern gehörte die neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

© SZ vom 31.03.2018/odg
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