Institut d'Égypte in Kairo abgebrannt:Ausdruck einer gewissen Vernachlässigung

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Aber tröstet das Wissen um den verbliebenen Rest etwa über den Verlust einer Mauritius hinweg? Scheich Sultan al-Qassemi, der Emir von Schardscha, hat versprochen, die Verluste mit Bänden aus seiner eigenen erlesenen Privatbibliothek auszugleichen. Es ist das demütigend großzügige Angebot eines kulturellen Emporkömmlings an ein Land, das auf eine glanzvolle 7000-jährige Geschichte blickt, aber mit den Härten der Gegenwart ringt: "Wir sind ein Drittweltland", sagt el-Hady grausam selbstkritisch: "Es gibt 1460 Elendsviertel in Ägypten. Wenn wir die hungrigen Mäuler gestopft haben, können wir über Kultur reden."

Das Institut und die "Description de l'Égypte" waren ebenso wie Napoleons dreijähriges Ägyptenabenteuer insgesamt Ausdruck großer Neugier und eines großen Missverständnisses. Frankreich verfolgte am Nil geopolitische Ziele - gegenüber dem britischen Rivalen -, aber auch kulturelle: Die französischen Gelehrten reisten "mit dem doppelten Ziel an, Ägypten zu studieren und die Ägypter mit der Überlegenheit der französischen Zivilisation zu beeindrucken", schreibt der Historiker Eugene Rogan. Ägypten war Napoleons "zivilisatorische Mission".

Die Ägypter hingegen - obwohl erschüttert durch die neuen technischen Möglichkeiten, über den Schock der westlichen Besatzung, gaben sich äußerlich unbeeindruckt. Als die Franzosen einen Montgolfier-Ballon aufsteigen ließen, der bald darauf abstürzte, schüttelten sie verächtlich die Köpfe, berichtet Rogan.

Nachdem französische Wissenschaftler aufwendige Experimente mit Chemikalien und Strom vorführten, fragte ein Scheich, ob sie denn auch eine Methode wüssten, ihn "gleichzeitig hier und in Marokko" sein zu lassen. Als der Franzose verneinte, entgegnete der Ägypter verächtlich: "Ah, dann ist er also doch kein so guter Zauberer."

Aber der Brand im Institut d'Égypt ist keine postkoloniale Abrechnung, eher schon Ausdruck einer gewissen Vernachlässigung für das Institut, das erst in Kairo, dann in Alexandria, dann wieder in Kairo seinen Sitz hatte. Früher, zu Zeiten des Königs, unterstand es dem Monarchen direkt. "Die Bewirtschaftung von 160 Feddan Land um das Gebäude diente einzig dem Zweck, das Institut zu finanzieren", so el-Hady.

Präsident Gamal Abdel Nasser aber ließ es enteignen, heute werde es von einer unabhängigen Organisation geführt, zwar kämen hin und wieder Studenten, aber der präzise Bestand vor dem Brand war unbekannt: "Es gibt nicht mal einen richtigen Bibliothekar."

Niemand hat Zeit für Bibliotheken

Und überhaupt: Seit zehn Monaten ist das Land aus dem Gleichgewicht. Intellektuelle, Kulturschaffende, Literaten diskutieren die Zukunft in Cafés, Parteien, Medien. Niemand hat Zeit, in Bibliotheken zu sitzen oder Archive zu pflegen, wo sich die politische Landschaft in schwindelerregendem Tempo wandelt. Sein Abd el-Hady ist seit fünf Monaten im Amt. Nach ägyptischen Maßstäben ist das lange.

El-Hady hat Listen des Bestandes, soweit bekannt, an "Rare books"-Datenbanken geschickt, falls einige Werke irgendwann auf dem Schwarzmarkt auftauchen. Die Restaurierung wird Jahre dauern und Millionen verschlingen, die das Land nicht hat. Brandgeruch liegt über seinem Haus. Von den Fetzen im Vorgarten weht der Wind die Asche auf die Straße zum Nil.

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