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Nachrichten aus dem Netz:Schöner als die Wirklichkeit

Schöne, digitale Welt: Eine der Innenarchitektur-Kreationen des Designers Iago Adamian.

(Foto: Iago Adamian/Instagram)

Architektur, Kleidung und sogar Influencer: Immer mehr reale Dinge werden durch rein virtuelle Gegenstücke ersetzt.

Von Michael Moorstedt

Die Tagesdecke auf dem übergroßen Bett ist genau im richtigen Maße aufgewühlt. Ein paar schicke Vasen stehen herum, es gibt Akzente in Gold. Hinter den raumhohen Panoramascheiben wartet eine Waldlandschaft im Nebel. Zugegeben, die frei stehende Badewanne ist schon fast zu viel des Guten, aber alles in allem würde man sich hier gerne einrichten.

Das Ensemble hat nur einen Nachteil: Es ist nicht echt. Sondern eine Kreation des spanischen Designers Iago Adamian, erschaffen mit einer 3-D-Software. Unter dem Hashtag "Renderporn" finden sich auf Instagram Zehntausende sagenhafte Loungelandschaften, auf weißen Klippen thronende mediterrane Villen oder edle Wohnzimmer im aufgefrischten Midcentury-Stil. Längst ist ein eigenes Genre entstanden, irgendwo zwischen Zen-Garten und Architectural Digest.

Dabei sind die Bilder weit mehr als nur die Konzepte von ambitionierten Innenarchitekten. "Seltsam beruhigend" nennt die Autorin und Silicon-Valley-Expertin Anna Wiener die Kreationen im New Yorker und meint damit vor allem die auffallende Abwesenheit von Menschen, die "Teil der Fantasie zu sein scheint". Renderporn domestiziere die Sehnsucht und Surrealität des digitalen Zeitalters.

All die Entwürfe sind ein bisschen zu perfekt, als dass man die Bilder noch "fotorealistisch" nennen könnte. Die Simulation des Echten ist nicht mehr das Ziel. Die Traumlandschaften sind der vorerst letzte Endpunkt einer nicht ganz neuen Entwicklung. Clevere Marketing-Agenturen haben bereits vor einigen Jahren damit begonnen, Social-Media-Profile für computergenerierte Nutzer zu erstellen. Die künstlichen Influencer haben fiktive Biographien und Abermillionen Follower. Derweil gibt es auch eine ganze Reihe von komplett digitalen Kleidungsstücken, die von Special-Effects-Designern entworfen werden.

Das Virtuelle ist längst nicht mehr der Gegensatz zum Realen. Sondern eine mindestens gleichwertige Ebene. Die künstlich erzeugten Kleidungsstücke kann man in digitalen Boutiquen kaufen und die künstlichen Villen verwirren die Betrachter so sehr, dass manch einer fragt, wo man einen Aufenthalt buchen könne. Es wächst eine Generation heran, die es gewohnt ist, für Produkte, die rein digital existieren, echtes Geld zu bezahlen. Denn so kann man sich von anderen Usern abgrenzen, der Wert entsteht durch Distinktionsgewinn. In Computerspielen wie Fortnite ist das längst ein Milliarden-Geschäft.

Seit geraumer Zeit sagen Beobachter der Netzkultur eine Gegenbewegung vorher, eine Renaissance des Realen. Noch scheint die Belastungsgrenze nicht erreicht zu sein. Im Gegenteil. Die Virtualität wird nicht als Mangel angesehen. Wieso noch das eigene Gesicht mit Filtern bearbeiten, wieso die eigene Wohnung mit immer neuen Accessoires dekorieren? Wo es doch viel einfacher ist, komplett auf künstlich erzeugte Grafiken zu setzen.

© SZ/freu
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