"Inside Llewyn Davis" im Kino "Man stürzt sich von der Brooklyn Bridge"

Einer, der schon alles hingeschmissen hat, und zwar endgültig, ist Llewyns Duettpartner. Mike ist eines Tages von der George Washington Bridge gesprungen. Es gibt keine Rückblende mit ihm, aber einmal sieht man kurz die Platte, die sie zusammen aufgenommen haben. Wie jung und oberschmalzig und hoffnungsfroh strahlen sie da! Und darüber steht dann der Schriftzug: "If We Had Wings".

Als Mike von der Brücke sprang, hatte er keine Flügel, so viel ist mal sicher. Die Hinschmeißer und Kneifer, sie werden nicht nur aus der Geschichte getilgt - es wartet auch noch eine Hölle aus Hohn und Spott auf sie. Als Sendbote aller Gemeinheiten, zu denen die Coens fähig sind, taucht wieder einmal ihr alter Kumpel John Goodman auf. Er spielt einen Jazzer namens Turner, reich, drogensüchtig und völlig aus der Form gegangen, der Llewyn einmal im Auto mitnimmt. Er verschluckt sich fast, als er Mikes Geschichte hört.

"Die George Washington Bridge? Man stürzt sich von der Brooklyn Bridge. Schon aus Tradition. George Washington Bridge! Wer bitte macht denn so was?"

Llewyn Davis muss weitermachen

Solch schnaubende Verachtung will Llewyn Davis nicht auf sich ziehen, also muss er weitermachen. Aber die Erniedrigungen nehmen kein Ende. In Chicago spielt er einem wichtigen Clubbesitzer vor. Grellkaltes Winterlicht fällt in den Raum, in dem noch der schale Rauch der letzten Nacht hängt. Und F. Murray Abraham, dessen Gesicht schon immer wie aus schalem Rauch gemeißelt war, spielt den Impresario. Er sitzt breitbeinig da und lauscht mit versteinerter Miene, wie Llewyn sich die Seele aus dem Leib singt. Dann sagt er: "I don't see a lot of money here."

Klingt es jetzt glaubwürdig, wenn man schwört, dass man an dieser Stelle laut auflachen muss? Wahrscheinlich nicht. Es ist aber so. Die Coens sind inzwischen zu einer Dimension des Humors vorgestoßen, die im Grunde unerklärlich ist. Man könnte genauso gut weinen, und man hat hinterher nicht die leiseste Ahnung, wie einem geschehen ist.

Um die Dinge noch komplizierter zu machen, ist Llewyn Davis nicht wirklich ein netter Typ. Er ist auf die Großzügigkeit anderer Menschen angewiesen und weil er das hasst, hasst er die Menschen gleich ein bisschen mit. In künstlerischen und lebensphilosophischen Fragen setzt er auf rückhaltlose Ehrlichkeit - auch das kommt nicht immer gut an.

Das Kino gibt jedem eine zweite Chance

Schließlich ist da noch die Katze. Sie entwischt aus einer Wohnung, in der Llewyn übernachtet hat. Er ist schuld. Seine Versuche, sie zurückzubringen, scheitern kläglich. Schließlich kommt der Moment, wo ihm die Schwierigkeiten über den Kopf wachsen und er das arme Tier im Stich lässt - ähnlich wie einst Audrey Hepburn in "Breakfast at Tiffany's".

Das Kino aber gibt jedem eine zweite Chance. Wie Hepburn sie damals ergriffen hat - das war eine der schönsten Lügen der Filmgeschichte. Und Llewyn Davis? Sagen wir es so: Genies, die sich mit solcher Chuzpe durchgesetzt haben wie die Coen-Brüder - die lügen auch nicht mehr.

Inside Llewyn Davis, USA 2013 - Regie und Buch: Joel und Ethan Coen. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Justin Timberlake. Studiocanal, 105 Minuten.