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Innere Emigration:Dilettieren und sich arrangieren

Christian Schulteisz: Wense. Roman. Berenberg Verlag, Berlin 2020. 125 Seiten. 22 Euro.

Nature Writer als Romanfigur: Christian Schulteisz' Debütroman über Jürgen von der Wense.

Von Hans-Peter Kunisch

Dieser Sommer bietet sich für Flugreisen nicht richtig an. Deutschland entdecken, hört man gelegentlich, wäre eine Alternative, auch abseits von Ost- und Nordsee. Und tatsächlich gäbe es in Jürgen von der Wense, diesem Nature Writer, bevor der Begriff in Deutschland bekannt wurde, einen passenden originellen Begleiter. Anfang Mai 1932 kam der 1894 in Ostpreußen geborene Wense nach Karlshafen, blieb in der kleinen hessischen Stadt an der Weser hängen und dachte sich sein künftiges Leben aus: "O könnte dies mein Stil sein: jeden Monat in einer anderen Stadt in dem unbekanntesten Deutschland und von da aus schwärmen und forschen."

Tatsächlich blieb Wense, dessen wunderbare "Wanderjahre" der Verlag Matthes & Seitz 2009 aus Notizen und Fragmenten zusammengefügt veröffentlicht hat, meist in Deutschland, entdeckte versteinerte vulkanische Landschaften, kleine Dörfer, historische Burgen, ohne je deutschtümelnd zu wirken. Nach dem Karlshafen-Erlebnis zog der vormals atonale Komponist Wense, dessen Mutter einen Steinway-Flügel hatte, auf dem er immer noch gerne spielte, in die Nähe, nach Kassel, und begann, die Mittelgebirge zu erforschen. Er hatte kein eigenes Einkommen, brauchte auch wenig Geld. Und er verfügte über eine Gönnerin, die ihm über zwanzig Jahre hinweg monatlich 222 Mark und 22 Pfennige zuschob. Dann aber schloss sich die Bildhauerin und Reederstochter Hedwig Jaenichen-Woermann, ein ehemaliges Worpsweder "Malweib", schillernde Freundin Rilkes und Geliebte Rodins, in den Dreißigerjahren den Nazis an. Was überhaupt nicht zu Wense, dem "entarteten" Künstler aus altem Adel, passte, der den Berliner Spartakusaufstand und die Münchner Räterepublik, für die er sich begeisterte, noch nicht vergessen hatte.

Aber einer, der nicht emigrierte, musste sich arrangieren. Wie genau hat der notorische Einzelgänger Wense in den anpassungsintensiven zwölf Jahren nach 1933 gelebt? Das muss sich der 1985 in Gelnhausen geborene Autor Christian Schulteisz gefragt haben, der mit einem schmalen Wense-Roman sein Debüt vorlegt hat. Es spielt in den Vierzigerjahren, als der schon im Ersten Weltkrieg dienstuntaugliche, mittlerweile fünfzig Jahre alte Wense in der Phywe, den "Physikalischen Werkstätten" Göttingen Arbeitsdienst leistet. Wense muss kriegswichtige Radiosonden prüfen und wird schließlich Abteilungsleiter. Daneben nimmt der Eigensinnige alle möglichen alten Projekte und Studien wieder auf: Übersetzungen aus dem Alt-Irischen, Alt-Isländischen, Arabischen und Dänischen beispielsweise. Sprachen, die sich der hochbegabte Universaldilettant im Selbststudium beigebracht hat. Aber er findet auch zu alten Kompositions- und Schreibvorhaben zurück, wie etwa den Essays über den "Stab" und das "Stehen". Und hinterlässt einen vieltausendseitigen Nachlass.

Auch ein verschrobener Einzelgänger kann sich in dieser Zeit nicht ganz heraushalten

Schulteisz' Wense ist ein sympathischer, zurückhaltend-verschrobener Einzel- und Spaziergänger, der sich in einer Bibliothek einschließen lässt, um mehr Zeit zum Lesen zu haben, und wegen seiner Homosexualität Angst vor Verfolgung hat. Aber auch sonst kann er sich nicht ganz aus der Zeit heraushalten. 1935 schreibt er in sein "Tagebuch": "Dass jetzt Zensur eingeführt wurde, alle geistigen Arbeiten von oben kontrolliert und kritisiert werden, bedeutet meine Vernichtung."

Andererseits "muss" Wense bei Schulteisz zwei polnische Phywe-Zwangsarbeiterinnen, die er mit kommunistischen Flugblättern hantieren sieht, melden, da bleibt ihm "keine Wahl". Wirklich keine Wahl, warum, fragt man sich - und stößt damit auf eine problematische Seite von Schulteisz' Darstellung. Sie wirkt genau recherchiert, aber dass schlicht jeder Hinweis auf Quellen fehlt, mutet bei einem derart deutlich auf biografischen Vorgaben fußenden Roman doch etwas sehr lässig an. Gerade, wenn es um nicht ganz unwichtige Beschäftigungen wie "Verrat" geht.

Auch den von der "Jugendbewegung" geprägten, völkisch-nationalen Pädagogen Herman Nohl, der Hitlers Machtstreben einst begrüßt hat, aber 1937 von seiner Göttinger Professur entlassen wurde, hat es zur Phywe verschlagen. Schulteisz beschreibt ihn als Vertrauten von Wense. Auch ihn würde man gerne detaillierter kennenlernen. Andererseits gelingt es Schulteisz, die vage, unsichere Atmosphäre zu vermitteln, in der sein vorsichtiger, stets verfolgungsgefährdeter, "innerlicher" Wense lebt. Und er schafft es, die enge, schwierige Beziehung etwas genauer auszuleuchten, die Wense mit seiner Mutter verbindet. Man beginnt die Zwänge zu begreifen, denen dieser Einzelgänger auf seinen ungewöhnlichen deutschen Wanderungen entfloh. So taugt Schulteisz' Debüt dann doch als Einstieg in Wenses Welt.

© SZ vom 14.07.2020

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