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Ingenieurskunst:Die Infrastruktur der Wunder

Schön, klar, stabil: Buch "Die geheime Welt der Bauwerke" von der in Indien geborenen und in London lebenden Bauingenieurin Roma Agrawal lobt die verblüffende Einfachheit.

Von Peter Richter

Roma Agrawal ist 35 Jahre alt, stammt aus Indien, lebt in London und arbeitet als Bauingenieurin. Sie hat eine elegante Hängebrücke für Fußgänger in Newcastle geplant und an dem Londoner Hochhaus "The Shard" mitgearbeitet, dem zurzeit höchsten Bauwerk Westeuropas. Und sie hat ein Buch geschrieben, das so etwas werden könnte wie Ernst Gombrichs "Kurze Weltgeschichte für junge Leser", nur dass es bei ihr fast noch um ein bisschen mehr geht. "Die geheime Welt der Bauwerke" heißt es auf deutsch, der englische Titel ist präziser und schöner: "Built. The hidden stories behind our structures". Tatsächlich sind diese Geschichten nicht nur in der Art von Bauten verborgen, die als Architektur wahrgenommen werden, sondern in der kompletten Infrastruktur einer modernen, städtischen Umwelt.

Agrawal beschreibt die Grundlagen dessen, was einem im Alltag meistens völlig selbstverständlich und gegeben vorkommt. Ihr Buch lehrt, was für ein grandioses Wunder es ist, dass Häuser halten, Flüsse überbrückt werden können, Fahrstühle fahren, Wasser trinkbar aus der Leitung kommt und die Straße nicht mehr riecht wie eine Kloake. Diese Wunder haben zum Teil noch genau benennbare Menschen vollbracht, die man heute unter dem Berufsbild des Ingenieurs zusammenfasst. Agrawals Buch ist eine Ode auf den notorischen Optimismus dieser Leute, die da, wo Architekten schöne Dinge entwerfen, einerseits überall erst einmal Probleme sehen, die der Sache prinzipiell und hartnäckig im Wege stehen, Last- und Zugkräfte, Druck, Wind, die Weichheit des Bodens und ähnliches, dann aber mit diesen Problemen Judo treiben und sie in Lösungen verwandeln. Die wiederum sind dann oft noch schöner als das, was sich ein Architekt beim Entwurf zusammenfantasiert, weil sie die Unabweisbarkeit des Zweckdienlichen in sich tragen.

Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke. Aus dem Englischen von Ursula Held. Carl Hanser Verlag, München 2018. 352 Seiten, 24 Euro.

Es gehörten und gehören deutlich mehr Männer dazu als Frauen, und Agrawal erzählt von sonderbaren Situationen, wenn sie als Planerin die insgesamt recht männlich geprägte Welt der Bauwagen mit ihren anzüglichen Spindfotos und dergleichen betritt. Aber sie verweist darauf, dass sie auch weibliche Vorbilder gefunden habe - Emily Warren Roebling zum Beispiel, ohne deren Tatkraft, Organisations- und Verhandlungsgeschick die Brooklyn Bridge in New York nicht zustande gekommen wäre.

Die Art, wie dort an den Brückenfundamenten gearbeitet wurde, nämlich in eisernen Luftkästen, die unter Wasser auf dem Grund aufsaßen, erzählt etwas von der heroischen Komponente, die das angeblich von der Trockenheit der Mathematik umflorte Ingenieurswesen auch immer hat. Roeblings Mann wurde krank und fast wahnsinnig unter den Bedingungen da unten, nicht alle Arbeiter überlebten. Ingenieurtechnische Meisterleistungen sind immer auch mit Opfern verbunden gewesen, die insofern wirklich tragisch waren, als sie das Leben ja einfacher und ungefährlicher machen wollten. Dass Dinge funktionieren, dass sie halten, dass sie stehen bleiben, dass wir sie benutzen können, ohne weiter darüber nachzudenken, wie das kommt, welchem Wurm das Prinzip des maschinellen Tunnelbaus abgeschaut wurde, oder was genau alles nötig war, damit unser Wasser frisch aus der Wand kommt und das Abwasser geruchlos aus unseren Städten wieder verschwindet, oder was getan werden muss, damit die neuen Superhochhaustürme nicht im Wind schwingen wie Grashalme: Das alles sind Geschichten, die am Ende immer auf ein Lob der verblüffenden Einfachheit hinauslaufen. Und Agrawal schreibt das auch so auf, dass es selbst ein Leser verstehen muss, der seinen kompletten Mathe- und Physikunterricht geschwänzt hat.

Blick ins Buch

Dass sie dabei immer mal wieder bei anekdotischen Geschichtchen von ihrer indischen Mutter oder von ihrer Liebe zum Kuchenbacken ausgeht (zum Beispiel, um zum Backen von Ziegeln zu kommen), ist in dem Zusammenhang vielleicht so etwas wie der Stuck, den die Lektoren ihr vergessen haben auszureden, wenn sie ihn ihr nicht sogar erst eingeredet haben. Davon sollte sich aber keiner abhalten lassen. Dahinter scheinen immer gleich die schönen, klaren, logischen Linien der stabilen Struktur auf - wie in einem Architekturentwurf, nachdem ihn die Ingenieurin unter ihrem Stift hatte.

Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke. Aus dem Englischen von Ursula Held. Carl Hanser Verlag, München 2018. 352 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 23.10.2018

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