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Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt:Was ist da los? Was ist da los?

So gut aber die Individuen auch sein mögen, eigentlichen Schwung und höhere Weisheit entfaltet die Jury erst dort, wo sie als kollektiver Organismus agiert. Denn auch hier sollte das Ganze mehr sein als die Summe seiner Teile. Als Ganzes aber war die Jury diesmal schwächer, als man nach dem Talent ihrer einzelnen Mitglieder annehmen würde. Sie wirkte müde, ohne das rechte Temperament, immer ein wenig unter ihren Möglichkeiten. Es schien - aber dies bleibt, versprochen, die einzige Fußball-Metapher -, als fände sie nicht so recht in ihr Spiel. Aber es gibt natürlich noch den anderen Aspekt: wie gut eine Jury ist, misst sich nicht nur daran, mit wie viel Verve, Unterhaltungstalent und Argumentationseleganz sie auf dem Podium agiert, sondern vor allem daran, welche Texte sie auswählt und zur Diskussion stellt.

Klagenfurt 2006 war ein sehr starker Jahrgang. Selten hatte der Wettbewerb so viele Texte zu bieten, die eine Auseinandersetzung lohnten. Und auch die Zahl der grottenschlechten Texte war in diesem Jahr entschieden kleiner als sonst. Die Konkurrenz vieler guter Texte aber kann in Kombination mit dem komplizierten Abstimmungsverfahren im unglücklichsten Fall eine fatale Dynamik entfalten. Ein solches Unglück ist für Klagenfurt 2006 zu konstatieren.

Wenn es viele gute Texte gibt, der Jury aber aus einer gewissen Müdigkeit heraus eine scharfe Hierarchisierung nicht gelingt, wird am Ende jeder Juror ¸¸seinen", das heißt den von ihm ins Treffen gebrachten Text favorisieren. Bis auf den ersten Preis kam es so ständig zu Abstimmungsergebnissen, bei denen fünf bis sechs Autoren jeweils ein bis zwei Stimmen auf sich zogen. Für jeden einzelnen Preis mussten unendlich viele Stichwahlen durchgeführt werden, ohne ein einheitliches Meinungsbild - und plötzlich hatten absolute Nicht-Kandidaten schon mit nur zwei Stimmen eine relative Mehrheit, die sie auf gespenstische Weise aufs Siegertreppchen führte.

Es wird die Preisvergabe sein, die vom diesjährigen Wettbewerb in Erinnerung bleiben wird. Das ist schade. Und es ist auch ungerecht, nicht nur für die preiswürdigen Autoren, die leer ausgingen, sondern für diesen Klagenfurter Jahrgang 2006 insgesamt. Denn diesmal spielten substantielle Themen eine wesentliche Rolle, wurden Fenster in Wirklichkeiten aufgestoßen, die auch dann interessant waren, wenn sie zum literarischen Kunstwerk nicht immer werden wollten. Das desillusionierende Selbstmanagement in der Arbeitslosigkeit stand bei Claudia Klischat auf der Agenda, der Afghanistan-Krieg der Sowjetunion bei Katja Huber. Von den flackernden Welten intellektueller Neonazis erzählte Kevin Vennemann, von den Machtspielen jener Arbeitswelt, in der die Entscheider ihre Anweisungen durchs Handy geben, Andreas Merkel, von der flackernden Seelendynamik des Seitensprungs und des Ehebruchs Annette Mingels in einem schönen Text. Kai Weyand entdeckte das Duell als die Grundkonstellation auch noch des banalsten Alltags.

Tatort-Kulissen der Provinz

Schade ist das Ende aber auch für die Siegerin Kathrin Passig, deren absolut brillanter Siegertext es verdient hätte, ungetrübt von anderen Fatalitäten gerühmt zu werden. Die 1970 geborene Autorin erzählt von einer tödlichen Verirrung im Schnee. Davon, wie man mit Worten die Wirklichkeit ableugnen kann. Sie erzählt von der Mordlust und der Nonchalance. Vom Pathos, das darin steckt, wenn man den eigenen, unausweichlichen Tod durch genialische Gedankenassoziationen entdramatisiert. Von der absurden Weisheit des Wirklichkeitsverlusts. Es ist ein Text, der beweist, wie erkenntnisstiftend Komik sein kann. Dass diese den Stil schärft und den Geist auf eine höchst kalkulierte Art zum Rasen bringen kann.

Wie künftige Bücher von Kathrin Passig aussehen werden, kann man sich nicht leicht vorstellen. Doch kann man sich sicher sein, dass gerade darin ihre Einzigartigkeit liegen wird. Aber auch Clemens Meyer hätte den Bachmann-Preis verdient. Mit seinem Roman ¸¸Als wir träumten" hat Meyer schon dieses Frühjahr für Furore gesorgt. Er erzählt von harten Jungs zwischen Alkohol- und Drogenexzessen und dem Knast als zweiter Heimat. Der Leipziger Autor, Jahrgang 1977, mit den ausufernden Tattoos auf seinem Körper hat dabei vielleicht ein Problem, ein sehr ungerechtes: Man unterstellt ihm zu leichtfertig, es sei vor allem seine ungewöhnlich authentische Milieukenntnis, mit der er Aufmerksamkeit erzeuge. Dabei ist Meyer, man muss das in aller Klarheit festhalten, ein absoluter Könner, ein souveräner Stilist. Gerade in dieser Hinsicht war die Knast-Geschichte, mit der er in Klagenfurt antrat, vielleicht noch besser, weil kompakter und durchkomponierter als sein Roman. Nach seinem Vortrag mäkelten zwar Teile der Jury, das sei zwar perfekt, aber eben doch Genre (als wäre das ein Einwand!), doch die Preiswürdigkeit schien über jeden Zweifel erhaben. Als es dann zur Abstimmung kam, wollte sich bis auf Ursula März keiner der Juroren an Clemens Meyer erinnern.

Auch Thomas Melle ist ein Autor, von dem man noch einiges wird erwarten dürfen. Sprachlich hochambitioniert, ist Melle gerade in seinen stilistischen Überdrehtheiten ein spannender Manierist, der seine sprachlichen Mittel überaus überzeugend in den Dienst einer psychologisch aufregenden, viele Binnendramen umfassenden Erzählung stellte. Auch er ging leer aus. Statt dessen gewann Bodo Hell mit einer hübschen sprachspielerischen Etüde, mit der man vielleicht vor 25 Jahren den Eindruck experimenteller Avantgarde hätte hervorrufen können, den zweiten, mit 10 000 Euro dotierten Telekom-Preis.

Eine absolut ordentliche, absolut unspektakuläre Geschichte aus der deutschen Provinz, deren Kulissen aber, wie Juror Martin Ebel richtig sah, einem aus manchem Tatort bekannt vorkam, hatte der 1951 geborene Norbert Scheuer aus der Eifel geboten. Er dürfte selbst überrascht gewesen sein, als ihm der 3-Sat-Preis (7500 Euro) zuerteilt wurde. Der Ernst-Willner-Preis schließlich (7000 Euro) ging an Angelika Overath, deren Erzählung allenfalls eine Ahnung von ihrem beachtlichen Können vermittelte. Vielleicht wird sich die Jury schon an diesem Montag die Augen reiben, was ihr da passiert ist.