Literatur und Geschichte Die frühsommerliche Affäre war nicht auf Dauer angelegt

Mit solchen Reflexionen, so lässt sich vermuten, schafft er es, eine Distanz zwischen sich und Bachmann zu schaffen und sich von der Affizierung zu lösen, die ihm durchaus zusetzt. Es gibt einige Passagen, die Enzensberger tatsächlich ungewohnt unironisch, ungeschützt zeigen. Sie sind eine beeindruckende poetologische Quelle. Enzensbergers Fähigkeit, Bachmanns Ästhetik, ihre Verschmelzung von Literatur und Leben genau nachvollziehen zu können und dies gleichzeitig für sich selbst zurückzuweisen, zeigt seine ureigenen Qualitäten auf bestechende Weise.

Die frühsommerliche Affäre des Jahres 1959 war von vornherein nicht auf Dauer angelegt, Enzensberger nennt es "unseren gemeinsamen pakt". Unter den Mechanismen des Literaturbetriebs leiden sie gleichermaßen, aber höchst unterschiedlich. Enzensberger macht es Spaß, sich ins Getümmel zu stürzen, einmal setzt er Bachmann auseinander, die Zeiten seien doch sehr günstig - "es geht uns gut!" Postwendend kommt ihre Antwort: "Es geht uns nicht gut." Sie quält sich in der gerade entstehenden Konsumgesellschaft, fühlt sich als "displaced person" - eine offizielle Bezeichnung vor allem für überlebende Juden direkt nach dem Krieg! - und sie meint bestimmt nicht die konkrete Person Enzensbergers, wenn sie einmal schreibt: "und ich fühle mich nur mehr sicher in der Liebe." Es ist ihre verzweifelte Utopie.

Enzensbergers Utopie scheint konkreter zu sein, sie hat mit Kuba, mit der Sowjetunion und dann mit dem Jahr 1968 zu tun. Es ist dennoch verblüffend, wie groß die politische Nähe zwischen den beiden ist. Ingeborg Bachmann hat bereits 1958 gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr demonstriert, sie beteiligt sich an den Protesten gegen den Vietnamkrieg der USA und verabscheut die "Realpolitik" Henry Kissingers. Sie unterschreibt Resolutionen der Gruppe 47, macht Wahlkampf für die SPD Willy Brandts und trennt sich vom Piper-Verlag, weil dieser einen durch seine Aktivitäten in der Nazizeit diskreditierten Übersetzer beschäftigt.

Enzensberger kämpfte jahrelang darum, Gedichte von Bachmann ins "Kursbuch" drucken zu können

Bachmann zeigt sich zwar innerlich immer mehr zerrissen, sie sperrt sich gegen modische Politikströmungen, aber verficht umso offensiver ihre Kulturkritik. Sie hat Enzensbergers Zeitschrift "Kursbuch" keineswegs als eine "rabiate kulturkritische Umgebung" abgelehnt, wie der Herausgeber dieses Briefwechsels mutmaßt. Überhaupt betont er eine literarische Nähe zwischen den beiden Briefschreibern, die es so nicht gab, und spielt zugleich ihre politischen Gemeinsamkeiten herunter.

Sehr spannend ist der jahrelang währende Kampf Enzensbergers darum, einige späte Gedichte Bachmanns, die dem Schreiben von Lyrik eigentlich abgeschworen hat, im "Kursbuch" abdrucken zu können. Ihre vier berühmten Gedichte, die dann in der umstrittenen Nr. 15 im Jahr 1968 endlich erscheinen, haben eine bewegte literarisch-politische Vorgeschichte, mit zum Teil grotesken Arabesken und komödiantischen Einlagen. Einmal bekennt sie, an der "österreichischen Krankheit" zu leiden und fühlt sich "irresponsabel" - wie der "Schwierige" bei Hugo von Hofmannsthal, einem geheimen Bezugspunkt. "Die Schwierige" - einige Akte dieser ins Tragische kippenden Tragikomödie bietet auch dieser Briefwechsel.

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Das sind die wichtigsten Bücher des Herbstes

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