Netzkolumne:Junkfood für das Gehirn

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Netzkolumne: Dutzende offene Tabs: Bis zu 34 Gigabyte Daten verarbeitet das menschliche Hirn durch Medienkonsum.

Dutzende offene Tabs: Bis zu 34 Gigabyte Daten verarbeitet das menschliche Hirn durch Medienkonsum.

(Foto: mauritius images / smile3377)

Pro Stunde öffnen Internetuser im Schnitt 20 neue Tabs - Informationen, den sie in dieser Menge kaum verarbeiten können. Woher stammt diese Gier nach Input?

Von Michael Moorstedt

Das Internet ist einfach zu viel fürs menschliche Gehirn. Man sieht das gut in der mobilen Version von Googles Chrome-Browser. Wenn dort mehr als hundert Tabs gleichzeitig geöffnet sind, ändert sich die Darstellung. Es wird dann nicht mehr die Zahl der offenen Registerkarten anzeigt, sondern nur ein lachender Smiley. Der Nutzer ist sich nicht sicher, wie das gemeint ist. Lacht da die Software über mangelnde Konzentrationsfähigkeit? Oder hat ein verständnisvoller Programmierer das Emoji eingefügt, weil es halt doch so oft vorkommt, dass wir mal wieder von der Informationsflut überwältigt werden?

Es gibt so viel zu lesen, der Stress ist umfänglich: 20 neue Tabs oder Registerkarten öffnet ein Internetnutzer im Schnitt pro Stunde. Ebenfalls durchschnittlich 80-mal täglich entsperren die Menschen am Tag ihr Smartphone. Während der siebeneinhalb Stunden am Tag, die man als Durchschnittsmensch mit Medienkonsum verbringt, verarbeitet das Gehirn, so grobe Schätzungen, mehr als 34 Gigabyte Daten.

Auf dem Computer, an dem dieser Text geschrieben wird, sind gerade 118 Tabs offen, eine Unterscheidung auf den ersten Blick längst nicht mehr möglich. Links zu Büchern, die man unbedingt bald lesen will. Obskure Coverversionen, interessante Hotels, dämliche Meinungsstücke. Dazu das übliche Klein-Klein, reichlich Meme und natürlich die aktuellen Corona-Nachrichten, die so schnell wieder obsolet sind.

Einer Studie von Forschern der Universität Berkeley zufolge wirken Informationen auf das Dopamin-produzierende Belohnungssystem des Gehirns auf die gleiche Weise wie Geld oder Essen. "Und so wie unser Gehirn leere Kalorien aus Junk-Food mag", sagt einer der beteiligten Wissenschaftler, "kann es Informationen überbewerten, die uns ein gutes Gefühl geben, aber vielleicht nicht nützlich sind - was man als müßige Neugierde bezeichnen würde."

Zwischen Infoxication und Infobesity

Wir Menschen sind in Zeiten der Digitalisierung also nicht nur Allesfresser - sondern konsumieren auch Informationen. Das Problem ist nur, dass das Internet einen solchen Überfluss bereithält, dass es schwerfällt, eine ausgewogene Diät einzuhalten. Das Englische kennt dafür ein schönes Kofferwort: Infoxication, eine Mischung aus Information und Intoxication - berauscht sein. Ein anderer neuer, jedoch weniger schöner Begriff: Infobesity, die Fettleibigkeit der Synapsen.

Die Metaphern haben schon ihre Richtigkeit: Die eigene Inkompetenz im Informationsmanagement macht sich auch bei der Leistung des Computers bemerkbar. Das Trackpad überträgt die Bewegungen der Finger nur noch widerwillig auf den Bildschirm, der Mauszeiger reagiert nur versetzt auf Befehle. Wie ein Betrunkener, oder einer, der sich über die Feiertage mal wieder der Völlerei hingegeben hat. Der Lüfter des Laptops begehrt surrend auf. Wörter, die man tippt, erscheinen nur noch mit Verzögerung auf dem Display. Ein Kauderwelsch entsteht. Ein kurzer Blick in den Task Manager offenbart: Der Arbeitsspeicher ist zu 87 Prozent ausgelastet. Und wie sieht es aus im eigenen Kopf? All das ausgelagerte Wissen - wo ist es jetzt?

Vielleicht hilft es ja, mit ein bisschen mehr Nachsichtigkeit auf die eigene Mediennutzung zu blicken. Vielleicht ist die angehäufte Sammlung ja viel mehr als nur eine Liste flüchtiger Interessen. Sondern stattdessen eine Anhäufung von Bestrebungen, die Bausteine der Person, von der man denkt, dass man sie sein könnte, in einer idealen Welt. Wenn man nur all diese Artikel lesen, all diese Bücher bestellen, all die dummen Meinungen kontern und all diese schönen Hotels besuchen würde, dann, ja dann würde man vielleicht endlich zu dem Mensch, der man schon immer sein wollte. Im echten Leben lockt freilich schon die nächste Ablenkung.

Das kann sich so über mehrere Wochen oder gar Monate hinziehen. 118, 119, 125 Tabs - so viel Wissen, so viel Potenzial. Aber irgendwann implodiert dann doch wieder alles. Arbeitsspeicher ausgelastet. Neustart notwendig. Ein Eingeständnis des Scheiterns und eine Befreiung zugleich. Und dann geht wieder alles von vorne los.

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