"Inferno" von Dan Brown Tackernde Nähmaschine des Plots

So treiben Dante-Zitate die Schnitzeljagd voran. Aber Spannung auf eine geheime Botschaft der "Göttlichen Komödie" selbst kommt bei der Dechiffrierarbeit nicht auf. Die Nähmaschine des Gentechnik-Plots tackert Dantes Inferno und das Florenz der Renaissance und manches mehr zusammen, darunter die Aktionen der unfruchtbaren (!) Leiterin der Weltgesundheitsbehörde und eines weltweit agierenden Konsortiums der Abschirmung und Täuschung, das ungewollt der Freisetzung des "Inferno"-Virus zuarbeitet.

Aber da dieser Kulturthriller in das Zentrum der Dante-Welt, die er aufruft, nicht vordringen darf, muss sich Robert Langdon mit seinen Aufgaben als kulturhistorischer Cicerone bescheiden, der alle Schauplätze in Florenz vom Palazzo Pitti über den Ponte Vecchio bis zum Dom und Baptisterium erläutert. Eins wird dabei bald klar: Es ist nicht immer praktisch und auch nicht immer spannungsfördernd, wenn die Kunstgeschichte den Figuren eines Thrillers die Fluchtwege vorschreibt.

Nun hat aber auch Dan Brown etwas mitbekommen: dass in den neueren Thrillern - man denke nur an Stieg Larssons Lisbeth Salander - junge, hochintelligente Frauen, die in der Kindheit traumatisiert wurden, Schlüsselrollen einnehmen. In "Inferno" gibt es daher die mit einem unglaublich hohen Intelligenzquotienten versehene Medizinerin Sienna Brooks, die an ihrem Ausnahmegehirn leidet, von Kindheit an ihr Schauspielertalent ausgebildet hat und im Gentechnologie-Thriller als Irrlicht zwischen dem genialischen "Inferno"-Anrichter und Robert Langdon bis zum Schluss einen undurchsichtigen Part spielt.

Sie wäre entwicklungsfähig, aber auch sie kann das finale Fiasko Robert Langdons nicht verhindern. Es nimmt seinen Lauf, als Dan Brown ihn über die Stränge schlagen lässt, indem er den Plot nach Venedig und von dort nach Istanbul verlagert. Es scheint, als wäre die Symbologie des Harvard-Professors arg auf Florenz fixiert. Je mehr er sich von dort entfernt, desto schwieriger fällt es ihm, auch relativ einfache Rätsel wie das der "heiligen Weisheit" zu entschlüsseln, in der sich die Hagia Sophia verbirgt.

Venedig und Istanbul sind Schauplätze von James Bond-Filmen. Es ist bitter, dass Robert Langdons Fiasko sich auf dem Weg von Venedig nach Istanbul erfüllt. Für ihn sind dort Rätselaufgaben, die er mit beträchtlichem Aufwand löst, was viele Kulturtouristen, für die er doch unterwegs ist, auch dann wissen, wenn sie nicht in Harvard studiert haben: dass in der Hagia Sophia der venezianische Doge Enrico Dandolo begraben ist und dass unweit der Hagia Sophia die Yerebatan-Zisterne täglich Touristenmassen anzieht und auch unter dem Namen "Versunkener Palast" bekannt ist.

Vollends rätselhaft ist, dass Robert Langdon zwar ein Werk über "Christliche Symbole in der muslimischen Welt" geschrieben hat, das zu den meistverkauften Büchern in der Museumsbuchhandlung der Hagia Sophia gehören soll. Beim Besuch dort, der ihn zum "Ground Zero" des Plots führt, improvisiert er sogar eine kleine Theorie zum Verhältnis von christlicher und islamischer Gottesdarstellung. Es kommt ihm dabei aber partout nicht die skandalöse Passage aus Dantes "Inferno" in den Sinn, die am Beginn aller christlichen Mohammed-Karikaturen steht. Durch die partielle Amnesie, mit der er seit seiner Ankunft in Florenz geschlagen ist, lässt sich das nicht erklären. Es ist ein Symptom dafür, dass dieser "Inferno"-Thriller sich an die Spielregeln des eigenen Geschäftsmodells nicht hält.