Indizierungsverfahren gegen Kinderbuch Der hässliche Rabbi

Ein Kinderbuch will Atheismus lehren, diffamiert dabei aber die Weltreligionen. Jetzt prüft das Bundesfamilienministerium ein Verbot.

Von Alex Rühle

Es gibt viele schlechte Kinderbücher; am schlechtesten aber sind die indoktrinierenden. In ihrem Bemühen, den Kindern nur ja die richtige Botschaft einzuhämmern, verzichten die Autoren auf alle Originalität, auf jedes erzählerische Detail, das einfach nur da sein darf, absichtslos, interessant und schön. Die Illustratoren malen dazu keine eigenständigen Bilder, sondern pinseln farbige Thesen.

Erinnert an Karikaturen aus den dreißiger Jahren: der Rabbi in "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel".

(Foto: Foto: Verlag)

Die Lektüre solcher Bücher ist trostloser als ein Spaziergang über zubetonierte nordkoreanische Freiflächen, alles plan und platt, nirgends auch nur das kleinste Pflänzchen, das zweckfrei vor sich hinsprießen dürfte. Insofern ist ein soeben bekannt gewordenes Indizierungsverfahren des Bundesfamilienministeriums schon aus ästhetischen Gründen zu begrüßen.

Das Ministerium prüft, ob das Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen werden soll, weil darin "die drei Weltreligionen Christentum, Islam und das Judentum lächerlich gemacht werden". In dem Buch des Autors Michael Schmidt-Salomon und des Zeichners Helge Nyncke, das 2007 im Alibri-Verlag erschien, entdecken ein Ferkel und ein Igel, dass "jemand über Nacht ein Plakat an ihrem Haus angebracht hatte".

Darauf steht der Satz: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas." Daraufhin machen sich die beiden auf, einen Rabbi, einen Priester und einen Mufti nach Gott zu befragen. Das Ministerium schreibt, "insbesondere der jüdische Glaube" werde "durch die bildliche Darstellung und die Charakterisierung der Person des Rabbi verächtlich gemacht". An dem Satz erstaunt nur das einschränkende Wort "insbesondere".

Der Rabbi erinnert an Karikaturen aus den dreißiger Jahren: Schläfchenlocken, ein fanatisches Leuchten in den Augen, ein blitzendes Raubtiergebiss und Hände wie Pranken. Er erzählt den beiden rachlüstern vom einen, grausamen Gott, der sich Noah gegenüber dazu entschloss, alles Leben auf der Erde zu vernichten, bekommt einen Wutanfall und verjagt die beiden. Das ist in seiner primitiven Überzeichnung schon beeindruckend für ein deutsches Kinderbuch.

Der Mufti aber kommt kaum besser weg. Während er die beiden arglosen Tiere zunächst als ruhiger Mann begrüßt und sie in seine Moschee einlädt, verwandelt er sich im Betraum zu einem wütenden Sektierer. Die Betenden um ihn herum, die zunächst als graue Masse gezeichnet sind, werden auf dem nächsten Bild, auf dem der Imam den beiden Tieren mit gefletschten Zähnen, wutgezacktem Bart und geballter Faust ewige Verdammnis ankündigt, zum islamistischen Fanatikermob.

Die Sequenz ist genauso infam wie die Bilder des Hassrabbis, insinuiert sie doch, dass alle Besucher von Moscheen Extremisten sind und jeder Imam, der sich vernünftig gibt, in Wahrheit doch ein Hassprediger ist. Der Bischof, ein aufgedunsener bleicher Sack, bei dessen Anblick man an Kinderpornos aus dem Kloster von Sankt Pölten denkt, ist da fast zu vernachlässigen.

Auf Nachfrage von Lesern, ob es nicht auch aufgeklärte Juden, Christen und Muslime gebe, erklärte Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung ist, humanistisch denkende Gläubige hätten nichts mit "echter, authentischer Religion zu tun". Alle aufgeklärte Religiosität, alle hermeneutisch-kritische Textexegese sei nur "freundlich nebulöses, pseudo-christliches Spiel mit theologischen Leerformeln". So ähnelt er dem religionskritischen Neoprimitivismus eines Richard Dawkins, der alle Religionen als ideologiegeschichtliche Hasskonstrukte karikiert. Dawkins findet das Kinderbuch laut Schmidt-Salomon übrigens toll.

Keine Frage, stählern primitiver Fundamentalismus feiert heute weltweit größere Erfolge als Glaubensformen, die auf den Grundton von Demut, Besonnenheit und Respekt vor anderen gestimmt sind. Aber muss man auf Fundamentalismus fundamentalistisch reagieren? Die merkwürdige Pointe an dem Buch ist nämlich, dass es in seinem unterkomplexen Schwarz-Weiß selbst am ehesten an Schriften erinnert, die einem Menschen in den Fußgängerzonen aus Jutebeuteln zu reichen pflegen.

Die Schlussseite, auf der das Ferkel und der Igel auf einer herrlich grünen Wiese ganz ohne Gott sitzen, über ihnen steht eine Sonne mit linealgeraden Strahlen, um sie herum fliegen Tauben, könnte eine evangelikale Paradieserzählung oder eine Wachtturmausgabe illustrieren.

Prediger des Hasses

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