Indien Eine Frage der Freiheit

Die Jawaharlal Nehru University gilt als beste Uni Indiens. Sie ist aber auch das Zentrum einer neuen Protestbewegung. Die verfolgt der Staat mit Härte. Ein Besuch beim Studentenführer Kanhaiya Kumar.

Von Arne Perras

Die Insel der Aufrührer sieht eigentlich ganz friedlich aus. Akazien werfen ihre Schatten auf die ockerfarbene Erde, links und rechts blühen die Bougainvilleen. Durchs Geäst turnen Streifenhörnchen. Die Luft ist klar, leichter Wind schüttelt die Blätter. Vom 20-Millionen-Moloch Delhi, der jenseits des Hügels lärmt und qualmt und stinkt, ist hier nichts zu spüren.

Willkommen auf dem Campus der Jawaharlal-Nehru-Universität. Sie nennen ihn kurz: JNU. Um keinen Ort in Indien wurde zuletzt so heftig gestritten wie um diesen. Seit Wochen ist der Ort in Aufruhr. Aufsässige Linke reizen das rechte politische Lager, das Indien regiert.

Das Gesicht des studentischen Protests ist Kanhaiya Kumar, 29 Jahre, Doktorand der Politikwissenschaften und Präsident der JNU- Studentenunion. Er ist nun angeklagt wegen Aufwiegelung des Volkes. 19 Tage hat er im Gefängnis gesessen, bevor er vorübergehend auf Kaution freikam. Sein Fall spaltet Indien.

Kumar will ein Revolutionär sein, auch wenn Indien keineswegs vor einer Revolution steht

Kumar hat einem Treffen zugestimmt. Doch seine Freunde schirmen ihn erst einmal ab. Sie fürchten um sein Leben, Unbekannte haben Prämien auf seinen Kopf ausgesetzt. Deshalb wird es dauern. In der Zwischenzeit lässt sich schon mal nachlesen, was sie ihm alles nachgeschrien haben: Anarchist, Aufrührer, Terrorist, Vaterlandsverräter.

Prügel haben ihm seine Gegner ebenfalls verpasst, mitten im Gerichtssaal. Da stürmte eine wütende Gruppe Anwälte auf ihn los und schlug auf ihn ein. Und die Polizei hat zugesehen. Kräfte, die der Regierung nahestehen, stilisieren sich zu Hütern von "Mutter Indien", während sie Gegnern den Stempel "antinationaler Agitation" aufdrücken. Doch auch Kumar steht nicht alleine: Linke Anhänger feiern ihn als Helden, manche sehen ihn schon als "Roten Stern" am Himmel der indischen Politik aufsteigen.

Bequem war diese Uni für die Regierenden nie. "Aber eine so schwere Krise haben wir noch nicht erlebt", sagt der Historiker Neeladri Bhattacharya, der hier unterrichtet. Viele auf dem Campus fürchten um ihre Freiheit und Unabhängigkeit, seitdem die Polizei drei JNU-Studenten wegen angeblicher Aufwiegelung festgenommen hat. Der Staat wirft ihnen vor, bei einem Protestmarsch am 9. Februar "anti-indische Slogans" gebrüllt zu haben. Zum Beispiel: "Es lebe Pakistan." Oder: "Freiheit für Kaschmir." Hitzige, manchmal schon hysterische Fernsehdebatten hat das ausgelöst, der Streit füllt Zeitungen und Magazine. Zwar sind die Beschuldigten inzwischen auf Kaution entlassen. Aber die Strafverfahren laufen weiter, der Staat lässt nicht locker.

Gibt es also Dinge, die man niemals sagen darf im Staate Indien? Wo liegen die Grenzen der Freiheit? Und versuchen rechte Kräfte gerade, diese Grenzen zu verschieben? Es ist eine sehr wichtige Debatte in einem Land, das sich als größte Demokratie der Welt versteht und stolz ist auf seine säkulare Verfassung, die Grundrechte wie Meinungs- oder Religionsfreiheit garantiert.

Warten auf Kanhaiya Kumar: Über dem Campus ist die Nacht hereingebrochen. Aber dann erscheint er doch noch in der Tür seines Wohnheimes Brahmaputra. Kumar trägt Sandalen, Jeans und eine blaue zerknitterte Kurta. Und nun erklärt er, warum er ein Linker geworden ist. "Das hat nichts mit Theorien zu tun", sagt er. "Was mich antreibt, ist das, was ich erlebe." Er kommt aus einem Dorf im Osten Indiens, sein Vater war Bauer, seine Mutter Kindergärtnerin, aber er war klug und fleißig genug, es bis an die Uni zu schaffen. "Dort habe ich gesehen, wie die Starken ihre Macht ausnutzten, um Schwächere zu unterdrücken." Was er wolle, sei eine "Demokratisierung der Macht". So etwas gebe es in Indien nicht, "obwohl wir eine wundervolle Verfassung haben". Das Kastenwesen und soziale Ungerechtigkeit drückten die Massen nieder.

Protestplakat bei einer Demonstration der Studenten. Sie wollen die institutionalisierte Ungerechtigkeit nicht mehr hinnehmen.

(Foto: Tsering Topgyal/AP)

Er liebt die einfache Sprache. Und weil er diese Art zu reden bestens beherrscht, hängen viele an seinen Lippen. Das Bild, das er von seinem Land entwirft, ist übersichtlich: Da gibt es also: die Unterdrücker und die Unterdrückten. Aber auch soziale Medien, die alles verändern könnten. "Wir müssen eine Massenbewegung schaffen." Ein Revolutionär möchte er sein, "aber ohne Gewalt".

Nun ist es keineswegs so, als stünde Indien kurz vor einer Revolution. Aber zu beobachten ist, dass die Regierung ihr Image als Vertreter reiner Wirtschaftsinteressen abstreifen möchte, dass sie sich im Vorfeld wichtiger Regionalwahlen als Anwalt der Armen profilieren will. Studentische Quertreiber, die die Regierenden weiter als abgehobene Versager geißeln, stören da erheblich.

"Für mich sind Kommunismus und Demokratie kein Widerspruch," sagt Kumar. Das Scheitern der Sowjetunion schreckt ihn nicht ab. Man müsse eben lernen aus früheren Fehlern. Außerdem will er gegen den Fatalismus kämpfen. "Nehmen Sie meine Eltern: Sie sind arm und fordern nicht viel. Ihr Problem ist, dass sie glauben: Die Regierung ist so mächtig, dagegen kommt man sowieso nicht an."

Nun kramt er in der Tasche, weil er seinen Bertolt Brecht hervorholen will. Übersetzt in Hindi, gekritzelt auf ein loses Blatt. Leider findet er ihn nicht. Egal, er weiß auch so, wie die Strophen lauten:

General, dein Tank ist ein starker Wagen.

Er bricht einen Wald nieder und zermalmt hundert Menschen.

Aber er hat einen Fehler:

Er braucht einen Fahrer.

General, dein Bombenflugzeug ist stark.

Es fliegt schneller als ein Sturm und trägt mehr als ein Elefant.

Aber es hat einen Fehler:

Es braucht einen Monteur.

General, der Mensch ist sehr brauchbar.

Er kann fliegen, und er kann töten.

Aber er hat einen Fehler:

Er kann denken.

Was andere Inder über die aufmüpfigen Studenten denken, wird auf dem Campus auch diskutiert. Zum Beispiel am Kiosk. Auf den Hockern sitzen Studenten aus höheren Semestern. "Wir gelten da draußen als linke Bazillen", sagt ein Politikstudent. "Die denken so: Ihr Studenten lebt von unseren Steuern, also solltet ihr dankbar sein, anstatt zu protestieren."

Draußen, damit meint er auch die Mittelklasse, die sich für Modi, den erhofften Modernisierer, starkgemacht hat. Im Streit um die Studenten hat die Regierung die nationale Karte gezogen, sie verfängt bei vielen - aber nicht bei allen. Deshalb wird so erbittert gestritten.

Wahre Patrioten, sagt er, seien diejenigen, die für die Unterdrückten kämpften

Vom Kiosk streift der Blick über den Campus: Rote Backsteingebäude liegen wie hingewürfelt im Wald. Hörsäle, Institute, Wohnheime. 8000 Plätze hat die Uni. Studenten aus armen Familien kommen ohne staatliche Hilfe nicht aus. Manche haben Sorge, dass Indien künftig mehr auf private Bildungseinrichtungen setzen könnte. Was das für die Hilfen an staatlichen Universitäten bedeutet, ist nicht klar. Aber in der JNU herrscht Misstrauen. Viele haben Angst, als Aufrührer finanziell ausgetrocknet zu werden.

Studentenführer Kanhaiya Kumar bei einem Protestmarsch in Neu-Delhi im März. Er ist wegen Aufwiegelung angeklagt. Sein Fall spaltet Indien.

(Foto: Manish Swarup/AP)

Auf dem Campus lassen sich fast alle Fächer studieren, auch Deutsch. Der Zufall will es, dass der Kurs in Landeskunde gerade auf Berlin nach 1945 blickt. Und auf die 68er-Bewegung. Da tauchen Fragen auf. Ist Kanhaiya Kumar so einer wie Rudi Dutschke? Was die beiden am ehesten verbindet, ist ihr Charisma, glaubt der linke Soziologe Kamal Mitra Chenoy. Allzu weit trage der Vergleich aber nicht, sagt der Professor. Indien hat schließlich keine Nazi-Herrschaft erlebt. Es gibt keine Frankfurter Schule.

Nicht alle JNU-Studenten stärken Kumar den Rücken. "Der 9. Februar war eine Attacke auf die Souveränität Indiens. Der Mob hat anti-indische Slogans gebrüllt, und das ist nicht akzeptabel", schimpft Abhishek Shrivastava. Er gehört zum rechten Studentenbund ABVP, einem Arm der regierenden Partei BJP von Modi. "Die finde ich gut, weil sie das nationale Interesse hochhalten." Damals, am 9. Februar, hatte es viel Zoff gegeben. In jener Nacht versuchten Mitglieder des rechten ABVP, einen linken Protest zu stoppen.

Angefangen hatte es mit einem angemeldeten Kulturabend zur Lage in Kaschmir, den die Universität in letzter Minute absagte. Das wollten einige Hundert Studenten nicht akzeptieren. Seit 2013 organisieren sie das Gedenken an eine sehr umstrittene Figur: den Kaschmirer Afzal Guru. Der indische Staat hat ihn - noch unter der Kongresspartei - als Terroristen verurteilt, die Justiz kam zu dem Schluss, dass er 2001 am Anschlag auf das indische Parlament beteiligt gewesen war, und ließ ihn 2013 aufhängen.

Kritiker beklagen, Guru habe keinen fairen Prozess bekommen. Trotz Verbots zogen Studenten also am 9. Februar protestierend über den Campus. Einige forderten Freiheit für Kaschmir. Angeblich lautete einer der Slogans sogar, man werde Indien in Stücke schlagen. Bewiesen ist dieser letzte Vorwurf nicht. Tatsächlich ist es schwierig herauszufinden, wer da was gerufen hat. Studenten sagen, es wären auch vermummte Gestalten mitmarschiert, die von außen kamen. Außerdem kursieren manipulierte Videos, in die womöglich zusätzliche Parolen hineingeschnitten wurden.

Dass zumindest Rufe nach Freiheit für Kaschmir laut wurden, ist sehr wahrscheinlich. Und schon das bedeutet für viele Inder eine schwere Provokation. Wie ihr Staat pochen sie darauf, dass der Anspruch auf das Berggebiet nicht verhandelbar ist. Kaschmir ist seit Jahrzehnten geteilt, nicht nur Indien, sondern auch Pakistan kontrolliert Teile des Gebiets. Und aus der Bevölkerung von Kaschmir dringen Rufe nach Unabhängigkeit nach außen. Drei Kriege haben Indien und Pakistan um die Region geführt, wann immer von Kaschmir die Rede ist, tangiert das immer auch den nationalen Stolz.

Und was hat Kanhaiya Kumar an jenem Abend gerufen? Das ist immer noch nicht klar. Er beharrt darauf, dass er nicht "Freiheit von Indien" gefordert habe, sondern "Freiheit in Indien". Wahre Patrioten seien diejenigen, die für die Unterdrückten kämpften, sagt er.

Irgendwann wird ihn das Gericht wieder vorladen. Aber noch wohnt er auf dem Campus, noch redet er, wie er will. Und an einem Baum hängt ein Foto von ihm, mit den Versen eines nicht benannten Dichters: "Ihr seid gekommen, um mich in Ketten zu legen. Wenn ihr mich anketten wollt, dann müsst ihr erst den Himmel anketten."