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Indie-Rockband "Porridge Radio":Virtuos hingeschlampt

Das stärkste Indie-Rock-Album der letzten Zeit: "Every Bad" der südenglischen Band "Porridge Radio" ist voll eingängiger Slogans aus dem Gefühlsleben - und von schwer greifbarer Schönheit.

Von Jan Jekal

Porridge Radio

Phänomenal ist die dynamische Weite des Quartetts: Porridge Radio.

(Foto: El Hardwick)

Gitarrenmusik hat gerade einen eher schlechten Ruf. Als anachronistisch und abgeschmackt wird sie in der Popkritik häufig dargestellt, Aufregendes passiere vor allem im Hip-Hop und benachbarten Genres. Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig, und vor allem fällt es schwer, diese Behauptung nicht ein wenig sexistisch zu finden. Denn in den letzten Jahren haben gerade im totgesagten, hoffnungslos gitarrenbasierten Indie-Rock eine ganze Reihe junger, von Frauen angeführter oder aus Frauen bestehender Bands sehr starke Alben veröffentlicht. (Wer gerade im Home-Office verzweifelnd überlegt, was er oder sie so hören könnte - zum Beispiel Soccer Mommy, Goat Girl, Snail Mail oder Camp Cope.) Dass die Feststellung der Irrelevanz des Indie-Rock zu einer Zeit kommt, in der er zum ersten Mal von Frauen dominiert wird, ist verdächtig.

Das vielleicht stärkste der vielen starken Indie-Rock-Alben der letzten Zeit ist nun "Every Bad" der südenglischen Band Porridge Radio. (Der Name ist ein Problem, aber auch das einzige.) "I'm bored to death, let's argue", haucht Dana Margolin, ein großartiger erster Satz auf einem Album voller großartiger Sätze. Margolin textet in Slogans, schreibt keine Zeile, die nicht auf T-Shirts gedruckt werden könnte. (Wenn sie erst einmal nicht auf Tour gehen kann - in einer Werbeagentur würde sie mit diesem Album als Referenz sofort eingestellt. Wobei wohl nicht einmal Werbeagenturen gerade einstellen. Ist das alles deprimierend!) Margolins Sätze sind so gut, dass die vielen Wiederholungen gar nicht stören. Zumal die Sätze durch ihre Wiederholung eine andere Bedeutung annehmen, zu Mantras werden, zu Selbstvergewisserungen. Das Festhalten an Worten, weil nichts anderes bleibt. Margolins Lässigkeit, die das Album eröffnet, verfliegt noch im gleichen Lied. Am Ende wiederholt sie die Zeile "Thank you for making me happy" und klingt dabei fürchterlich unglücklich, die kühle Stimme vom Beginn hat sich in das Keuchen einer Wahnsinnigen verwandelt, immer und immer wieder schreit sie den Satz, als wäre ein Sprung in der Platte, und dann bricht das Lied plötzlich ab.

Für einen Durchbruch ist dieses Frühjahr freilich eine schlechte Zeit

Phänomenal ist die dynamische Weite des Quartetts. Wie sich etwa "Born Confused" langsam steigert, wie zu Margolins Solo-Einstieg Bass, Keyboard und Cowbell (!) dazustoßen, eine schiefe Geige, schließlich das Schlagzeug, wie sie aus den verschiedenen rumpeligen Elementen einen selig machenden Refrain heraufbeschwören und ihn gleich wieder verschwinden lassen, das ist etwas Besonderes und von schwer greifbarer Schönheit. Es ist virtuos hingeschlampte Pop-Alchemie jenseits von Strophe-leise/Refrain-laut-Schemata.

In einem anderen Highlight, "Don't Ask Me Twice", drückt sich Margolins Unentschlossenheit ("I don't know what I want, but I know what I want") in Musik aus, die in entgegengesetzte Richtungen strebt. Wie bei den sich auf dem Albumcover schlängelnden Schlangen: Der Angriff kommt plötzlich und unerwartet und folgerichtig. Geigen quietschen wie im Soundtrack von Hitchcocks "Psycho", das Schlagzeug poltert mit perfekt portionierter Cowbell - selten wurde dieses putzige Instrument besser eingesetzt -, die perkussive Strophe mündet in einen Girlgroup-Refrain, und in einem Horrorfilm-Hallraum schreit Margolin "I don't know what I am doing anymore!". Dieses unbändige, heftige, grandiose Album ist eine nachdrückliche Widerlegung dieser Behauptung.

Für einen Durchbruch ist dieses Frühjahr freilich eine schlechte Zeit. Eigentlich sollten die vier Musiker aus Brighton gerade auf ihre erste große Tour gehen, aber "aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse/der Apokalypse", wie sie schreiben, haben sich diese Pläne erst mal erledigt. Mit dem amerikanischen Indie-Label Secretly Canadian hat die Band eine renommierte Plattenfirma im Rücken; die Einnahmeausfälle sind hoffentlich nicht existenzbedrohend. Aber auch in künstlerischer Hinsicht ist die Absage furchtbar schade. Es wäre eine triumphale Konzertreise geworden.

© SZ vom 16.04.2020
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