"Indiana Jones"-Premiere Mit dem Kühlschrankkatapult

Der neue "Indiana Jones"-Film feiert in Cannes Weltpremiere - und bringt eine wesentliche Erkenntnis: Der neue Indy ist leider nicht mehr ganz der alte.

Von Tobias Kniebe

Die ersten Hochrufe kommen, als es im Saal dunkel wird. Der Vorhang vor der Leinwand geht auf, und ein Zuschauer singt bereits aus voller Kehle das "Indiana-Jones"-Thema. Beim Lucasfilm-Logo gibt es Szenenapplaus. Dann überblendet das Bild vom Berg des Paramount-Zeichens auf einen realen Berg, genau wie schon in "Jäger des verlorenen Schatzes", dem ersten dieser archäologischen Abenteuer.

Im Premierenfieber: Indiana-Jones-Darsteller Harrison Ford mit Calista Flockhart

(Foto: Foto: Getty Images)

Nur entpuppt sich dieser neue Berg als ein Maulwurfshügel, aus dem gleich eine Art Murmeltier hervorschaut, was aber sofort wieder verschwinden muss, weil ein Auto darüber hinwegrast, das wiederum an einem Militärkonvoi entlangfährt, der in der Wüste von Nevada unterwegs ist.

Wir schreiben das Jahr 1957, Frauen in bunten Petticoats winken den Soldaten zu und fordern das erste Militärauto zu einem Wettrennen auf, man denkt noch, wow, da stimmt das Tempo, das ist "Indiana-Jones"-Geschwindigkeit, was bitte kommt denn jetzt? Und dann kommt: nichts. Die Geschichte geht ganz anders weiter, die Petticoats und das Wettrennen waren nur eine nostalgische Reverenz an George Lucas' "American Graffiti", eine Bedeutung für die Handlung haben sie nicht. Hmm, denkt man da. Das hätte es früher nicht gegeben.

Indy will nach Leipzig ...

Der Punkt nämlich ist, um das mal all jenen zu erklären, denen "Indiana Jones" doch eher immer fremd geblieben ist, Frauen zum Beispiel: Es geht in diesen Filmen nicht um den Inhalt, der zugegeben oft das ist, was die Amerikaner so wohlklingend "silly" nennen.

Es geht um die Form. Es geht um den Beweis, dass populäres Entertainment ohne Tiefenanspruch eben doch Momente von funkelndem Witz und haarsträubender Überraschung hervorbringen kann, dass alles Schlag auf Schlag geht und dennoch logisch bleibt, dass es auf jedes Storyproblem eine brillante Antwort gibt, und dass selbst Zuschauer, die sonst jede Wendung eines Films vorhersagen können, immer wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden.

So war das zumindest in der Vergangenheit: Was macht Indy, wenn er seine vom Feind gefangene Mitstreiterin Marion Ravenwood zufällig wiederfindet, solche Drehbuchzufälle aber leider dümmlich wirken? Er lässt sie einfach sitzen. Oder was zum Teufel machen die Nazis schon wieder hier, fragt man sich, und im selben Moment hebt der Anführer die Hand zum Hitlergruß und zeigt eine Brandwunde, die alles erklärt. Und wie bitteschön kann man diesen doch sehr nüchternen Archäologen dazu bringen, sich den "Prüfungen" zu unterziehen, die ihn zum Heiligen Gral und damit zur rettenden Kraft des ewigen Lebens führen werden? Ganz einfach: Wir schießen seinem Vater ein Loch in den Bauch...

Der vierte Teil kann nur verlieren

George Lucas hat vorsichtshalber schon angedeutet, dass eine ganze Generation diese alten Filme vielleicht besser in Erinnerung hat, als sie tatsächlich waren, und dass ein vierter Teil dagegen nur verlieren könne. Aber leider stimmt das nicht: Die fast kindliche Lust am Abenteuer, das Gefühl, dass hier wirklich keine Sekunde uninspiriert verschenkt wurde, das geradezu diabolische Vergnügen im halbschiefen Grinsen von Harrison Ford - das war alles weder Einbildung noch Wunschdenken, das bestätigt sich bei jedem Sehen der alten Trilogie von Neuem.

Und so werden die ersten Minuten von "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ein Wechselbad der Gefühle: Ja, es ist toll, wenn zuerst der Hut auftaucht und dann erst Harrison Ford; weniger toll, weil nur halblustig, ist das Erste, was er sagt.

Dann wieder ist es phantastisch, wie Cate Blanchett als seine schwarzhaarige, pagenschnittige russische Gegenspielerin daherkommt, und mit welcher Lust und Verve sie spielt; weniger toll ist der erste Dialog der beiden, der doppeldeutig und schneidend kommen müsste wie ein Knall mit der Bullenpeitsche, aber irgendwie leider nur halbschneidend ist.

David Koepp, der nach vielen verschlissenen Drehbuchschreibern nun als Hauptautor gilt, ist ein guter Strukturalist, aber ein wirklich brillanter Geist ist er nicht. Der Einfall, 1957 in der Wüste von Nevada zu beginnen, gibt zum Beispiel einiges her: Da kann man den Mythos von der Landung der Außerirdischen in Roswell mit unterbringen, was dann auch rasch klarmacht, dass der gesuchte "Kristallschädel" eher extraterrestrischen als menschlichen Ursprungs ist.

Zweitens fanden damals Atomtests statt, was Indy, kaum ist er dem Angriff der Russen entronnen, sofort in neue Schwierigkeiten bringt. Schnell, die Bombe tickt, noch zehn Sekunden in einer menschenleeren Teststadt voll mit Modellhäusern und Gummipuppen, an denen die Army offenbar die Effekte der Strahlung untersuchen will. Was Indy in solchen Situationen einfiel, ließ einem früher vor Freude manchmal das Herz hüpfen. Jetzt steigt er einfach in einen Kühlschrank, mit dem er dann kilometerweit durch die Luft geschleudert wird, klettert unverletzt heraus und bestaunt aus nächster Nähe einen Atompilz. Tja.

In der nächsten Sequenz zeigt sich dann, dass er nicht nur wesentlich unsterblicher, sondern auch sentimentaler geworden ist: Sein Vater und sein Mentor Markus Brody sind tot, ihre Bilder stehen auf seinem Schreibtisch, und Indy philosophiert mit seinem Uni-Direktor in Neuengland über das Älterwerden. Sie haben beide ihren Job verloren, Indys Kontakt mit den Russen scheint sie verdächtig gemacht zu haben, McCarthys Antikommunismus wütet in Amerika - und Dr. Jones überlegt sogar, nach Leipzig zu ziehen und dort zu lehren. Weiß er, dass Leipzig 1957 in der sogenannten DDR liegt? Erwägt er ernsthaft einen Wechsel der Systeme, hat das FBI recht mit seinen Verdächtigungen unamerikanischer Umtriebe?

Egal, auch dieser Handlungsfaden verläuft im Nirgendwo, ein junger Rocker mit Harley-Motorrad und Marlon-Brando-Lederjacke bringt eine neue Mission: Ein befreundeter Archäologe, der in Peru den legendären Kristallschädel fand, ist von den Russen gekidnappt worden, zusammen mit der Mutter des Rockers, die niemand anders ist als Marion Ravenwood, Indys erste und bisher auch tougheste Geliebte.

Das Funkeln fehlt einfach

Wenn der Film schließlich Fahrt aufnimmt, mit Gräbern voller Skorpione und Spinnweben, mit Felsentoren, die sich wieder so wunderbar rumpelnd öffnen und schließen, mit feindlichen Blasrohrjägern und freundlichen Affen, mit Verfolgungsjagden im Dschungel und Stürzen über Wasserfälle, dann ist fast alles wie immer.

Man hat einigen Spaß mit menschenfressenden Riesenameisen, mit Indys Angst vor Schlangen und seinen Wortgefechten mit Marion, die er natürlich verliert. Aber die Filmemacher können weder uns - noch letztlich sich selbst - etwas vormachen: Dieses geniale Funkeln, von dem weder Spielberg noch Lucas noch sonst ein Lebewesen weiß, wie man es herstellt, bis es einem dann plötzlich von der Leinwand entgegenblitzt... es fehlt einfach.

Manche Dialoge murmelt Harrison Ford fast in die Unverständlichkeit, so wenig scheinen sie ihn zu überzeugen. Dafür bekommen wir große Enthüllungen aus der Vergangenheit, vor deren Plattheit die Filmemacher doch lieber hätten zurückschrecken sollen, mehr Sentimentalität und mehr Außerirdischen-Mystizismus aus dem Inneren eines vergessenen Maya-Tempels, in dem das alles seine Auflösung findet. Ein Ersatz ist das nicht.

Und mit einer Erkenntnis spricht Dr. Jones, zumindest meiner Generation, die mit ihm groß wurde, am Ende aus dem Herzen: "Wir sind jetzt in einem Alter, in dem uns die Dinge nicht mehr gegeben, sondern eher wieder genommen werden."

"Indiana Jones" bei Cannes

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