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Independent-Kino:"Jetzt erst recht"

Auch sonst haben seine Figuren viel von ihm und seinem Umfeld. Der reale Hintergrund seiner Geschichten wird besonders deutlich in "Liebe mich!" von 2014. Die Heldin, Anfang 20, hat große Ähnlichkeit mit seiner Exfreundin, sagt der Regisseur, so dass er ihr sogar denselben Namen gegeben hat.

Mit dem Film verarbeitete er drei Jahre Liebeskummer, aber nicht aus Rachsucht, sondern empathisch und liebevoll. "Ich wollte, dass auch fremde Leute Sarah verstehen." Und so begleitet man die fiktive Sarah dabei, wie sie um die Zuneigung ihres Vaters kämpft und bei einem Streit mit dem Liebsten eine Scheibe zerdeppert. Wie sie den Job als Grafikdesignerin nicht bekommt und stattdessen im Hühnerkostüm Flyer verteilen muss. Die echte Sarah hatte übrigens kein Problem damit, Vorlage dieses Films zu sein, sagt der Filmemacher: "Sie mag die Figur und wir sind immer noch befreundet."

Durch Netflix sind seine Filme weltweit zu sehen, Brasilien und Mexiko sind begeistert

Aber Eichholtz greift auch auf sich selbst zurück, wenn er Figuren entwirft. Zum Beispiel kennt er die depressiven Phasen, die seiner Protagonistin Luca das Leben schwer machen, aus eigener Erfahrung, wenn auch nicht so stark. Und seine Mutter diente in vielen Bereichen als Vorbild für Lucas Mutter, die als Lehrerinnen die Sorge um die mathematisch unbegabten Kinder vereint. "Ich habe damals, statt Mathearbeiten zu schreiben, lieber Drehbuchideen notiert", erinnert sich Eichholtz, den Schule nie groß interessierte und der stattdessen seit seinem fünfzehnten Lebensjahr kontinuierlich auf seinen Traumberuf hingearbeitet hat. Obwohl das in seinem Heimatdorf Hasbergen bei Osnabrück genau so gewesen ist, "als ob du Astronaut werden willst".

Eichholtz ließ sich aber nicht beirren, gründete an seiner Schule eine Video-AG, jobbte in einer Videothek und investierte sein Gehalt in eigene kleine Produktionen und seine Filmsammlung. Um seine Mutter zu beruhigen, machte er nach der Realschule eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton und hält sich seitdem mit Auftragsjobs über Wasser. Auf eine Ablehnung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin reagierte er mit einem "Jetzt erst recht". Einen Tiefpunkt erlebte er, als sein Spielfilmdebüt "Liebe mich!" zunächst von allen wichtigen Festivals abgelehnt wurde. Dann aber rief mit einiger Verspätung der damalige Leiter der Internationalen Hofer Filmtage Heinz Badewitz an. Die DVD sei hinter seinen Schreibtisch gefallen, er wolle den Film beim Festival zeigen. "Auf einmal war da wieder ein Weg, mein Produzent Oliver Jerke und ich haben vor Freude auf der Straße getanzt."

Netflix Porträt Philipp Eichholtz

Philipp Eichholtz wurde 1982 in Hildesheim geboren. Er lebt als Regisseur, Autor und Cutter in Berlin und drehte die Improvisationsfilme "Liebe mich!" und "Luca tanzt leise".

(Foto: Netflix)

Ein großer Schritt war für Eichholtz, bei Netflix unterzukommen. Der Streamingdienst kaufte in den letzten Jahren vermehrt kleine deutsche Produktionen auf, die günstig zu haben sind und ein junges Publikum ansprechen. So können seine Filme nun weltweit gesehen werden, statt als Raritäten-DVDs im Regal zu versauern. Die meisten positiven Rückmeldungen zu "Liebe mich!" kämen aus Argentinien, Brasilien, Mexiko und Spanien, sagt der Filmemacher. In Deutschland spaltet die Protagonistin Sarah das Publikum. Es gebe diejenigen, die sich in ihr wiederfinden würden und die, denen das Mädchen aufgrund ihrer Ausraster zu heftig sei. Er habe übrigens nicht geplant, dass immer Frauen im Mittelpunkt seiner Geschichten stehen, sagt Eichholtz, für den die Probleme seiner Figuren unabhängig vom Geschlecht sind. Die Entscheidung für weibliche Hauptfiguren kann er sich nur so erklären: "Mein Vater ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin von meiner Mutter und Großmutter großgezogen worden und deshalb mit starken Frauenbildern aufgewachsen."

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Mit seiner speziellen Art, Filme zu machen, verdient Eichholtz mittlerweile auch Geld. Zuletzt hat er als Regisseur für eine neue Krimiserie mit dem Titel "Suspects" gearbeitet. Die Produktionsfirma UFA hat von der britischen Serie ein deutsches Remake produziert. Sie besteht zum großen Teil aus improvisierten Dialogen und soll bald auf einem deutschen Sender zur Primetime ausgestrahlt werden.