Wieder im Kino: "In The Mood For Love":Tausendmal berührt

In The Mood For Love

Ihre Körper nähern sich an, um sich sogleich wieder voneinander zu entfernen: "In The Mood For Love " mit Maggie Cheung und Tony Leung.

(Foto: Koch Films)

Ein großer Film über die Kunst der Auslassung: Wong Kar-Wais zwanzig Jahre alter Klassiker "In The Mood For Love" kommt in neuer Brillanz in die Kinos.

Von Philipp Stadelmaier

Die Finger des Mannes streichen sanft über den Türrahmen, drücken den Knopf einer Klingel. Später nähern sie sich der Hand einer Frau, dabei sieht man, dass beide Eheringe tragen. Sie zieht ihre Finger zurück, beim nächsten Mal lässt sie sie liegen. Dann verschränken sich ihre Finger, und sie lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter, jedenfalls für diesen kurzen Moment. Doch ihre Trennung für immer haben sie schon davor geprobt, und sie wissen, dass aus der Probe bald eine permanente Realität werden wird.

Wong Kar-Wais zwanzig Jahre alter, weltweit erfolgreicher und vielfach ausgezeichneter Klassiker "In The Mood For Love", der zum großen Kino-Neustart nun in digital restaurierter Form wieder gespielt wird, besteht aus lauter kleinen aneinandergereihten Momenten dieser Art. Daraus, und aus der unerfüllten Liebesgeschichte zwischen Herrn Chow und Frau Chan.

Wir sind im Hongkong der frühen Sechzigerjahre. Die beiden lernen sich auf dem engen Flur einer Pension kennen, in die sie zur gleichen Zeit gemeinsam mit ihren Ehepartnern einziehen. Er ist Journalist, sie Hausfrau. Schnell finden sie heraus, dass ihre Partner eine Affäre haben. Worüber sie selbst während der nächsten Jahre, die wie im Flug vergehen, eine zärtliche, aber keusche Zuneigung zueinander entwickeln.

Zwischen ihren zaghaften Annäherungen wirkt der Zigarettenrauch besonders schwer und dicht, den Tony Leung (Chow) in Slow Motion zu den grellen Neonröhren an der Decke bläst. Und die Kleider von Maggie Cheung (Chan) leuchten fast übernatürlich. Im ganzen Film trägt sie mehr als vierzig verschiedene, alle sind wunderschön, aber an das grüne mit den roten Blumen kommt kein anderes heran.

In The Mood For Love

Ins Nichts huschende Körper: Das Geheimnis von "In The Mood For Love" liegt in den Leerstellen.

(Foto: Koch Films)

In der ersten Einstellung fährt die Kamera an einer Wand mit Familienfotos entlang. Auch Wongs Film arbeitet wie ein Fotoroman, dessen Abbildungen an eine vergangene Zeit, eine vergangene Romanze erinnern. Genauer gesagt, sind die hochstilisierten Bilder und die Songs von Nat King Cole, die dazu gespielt werden ("Quizas, quizas, quizas"), das Einzige, was von beidem, der Zeit und der Romanze, bleibt.

Wong präsentiert uns mit all den Kleidern und Details lauter Trigger wie den berühmten Geruch der Madeleines bei Marcel Proust, die das Gestern in seiner zersprungenen Form zurückkehren lassen. In regennassen Abgängen zu einer Suppenküche oder dem belebten Flur der Pension erhascht die Kamera immer nur kurz einen Moment damaligen Lebens, bevor sie weitergleitet, die Figuren wieder verschwinden. Vieles geschieht im Verborgenen, hinter Wänden, jenseits von Türrahmen. Was Wong zum Leben erweckt, darüber breitet er den Schleier des Nichtwiederzuerlangenden.

Ein großer Film über Dinge, die sich nicht ereignen

Die Nostalgie hängt schwer über dem Film, von dem man behaupten kann, dass er vielleicht ein wenig zu offensichtlich der modeverliebten Rekonstruktion eines vermissten Goldenen Zeitalters frönt (der kantonesische Originaltitel heißt so viel wie "Die schöne Zeit"). Doch bei allen stilistischen Manierismen, allen satten Farben und gefälligen Accessoires ist "In The Mood For Love" ein großer Film über die Kunst der Auslassung.

Die Zeit verläuft hier nicht linear, sondern in Ellipsen und Sprüngen. Leiht Frau Chan von Herrn Chow ein Buch aus, bringt sie es in der nächsten Szene zurück; fragt sie ihn, warum er sie angerufen hat, so fragt sie ihn gleich darauf, warum er es nicht getan hat. Die Vorfälle und Veränderungen im amourösen Klima, die sich in der Zwischenzeit ereignet haben, werden ausgespart. Ihre Körper nähern sich an, um sich sogleich wieder voneinander zu entfernen.

Ihre Beziehung besteht also gerade darin, was sich nicht zwischen ihnen ereignet, und damit auch nicht im Modus einer Nostalgie erinnert werden kann. Das macht diesen Reigen aus gesenkten Häuptern, scheuen Blicken und ins Nichts huschenden Körpern so berührend: das Geheimnis dieser Beziehung sitzt in den Ritzen der Erinnerung, also im unsichtbaren Raum zwischen den herausgeputzten Szenen - nicht so sehr in diesen selbst.

Der zwanzig Jahre alte Film blickt ebenso in die Vergangenheit wie in die unsichere Zukunft Hongkongs. Chows Hotelzimmer hat die Nummer 2046 - das letzte Jahr vor Ablauf des Sonderstatus der ehemaligen britischen Kronkolonie und der mit China getroffenen "Ein Land, zwei Systeme"-Vereinbarung, die ja schon heute vom autoritären Mutterstaat stark untergraben wird. Direkt nach "In The Mood For Love" drehte Wong eine Fortsetzung namens "2046", die in der Zukunft spielt, einen Science-Fiction-Film, der viele Elemente aus dem Vorgängerwerk wieder aufgreift.

Die Dreharbeiten zu beiden Filmen dauerten ewig, die Montage beendete Wong jeweils am Vortag der Premieren in Cannes. Als hätte er versucht, jenseits der vergangenen und erst noch kommenden Zeit ein filmisches Paralleluniversum zu errichten, in dem sich Herr Chow und Frau Chan im schieren Rhythmus der Bilder immer wieder begegnen können, ohne auf ein Happy End angewiesen zu sein.

Fa yeung nin wa / In The Mood For Love, Hongkong 2000 - Regie und Buch: Wong Kar-Wai. Kamera: Christopher Doyle, Pin Bing Lee. Mit Tony Leung, Maggie Cheung. Koch Films, 89 Minuten.

© SZ/kni
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